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Liebes Deutschland, hör auf zu jammern und pass dich an

11/08/2015 16:08 CEST | Aktualisiert 11/08/2016 11:12 CEST
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Seit drei Jahren lebe ich in der Türkei. In letzter Zeit findet das Land vor allem durch seine politische Instabilität Aufmerksamkeit in den westlichen Medien. Es geht um den Islamischen Staat, um die PKK und andere Kräfte, die das Land politisch und gesellschaftlich vor die Zerreißprobe stellen.

In letzter Zeit vergisst man jedoch einen wichtigen Faktor: Die Türkei ist auch das Land, das laut Zahlen und Fakten der Vereinten Nationen und anderen offiziellen Einrichtungen weltweit die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat.

Es sind Klimaflüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge und Kriegsflüchtlinge, die in der Türkei Unterschlupf suchen und finden. Die Dunkelziffer liegt bereits jetzt bei über zwei Millionen.

Flüchtlinge sieht man überall. In Metropolen wie Istanbul gehören sie zum Straßenbild. Überall wird gebettelt oder in Parks geschlafen. Kein Wunder - bei so vielen Flüchtlingen. Seit Jahren geht das nun schon so. Und in der EU wird weiterhin im Schnarchtempo über die Flüchtlingspolitik debattiert.

Der braune Mob

Seit einer Woche bin ich nun wieder in Deutschland zu Besuch. Das erste Mal seit Beginn des großen Flüchtlingsdrangs auf Europa. Einige Flüchtlinge, die nun in Deutschland leben, kenne ich bereits aus der Türkei. Denn Deutschland und Schweden, so erklärte man es mir, seien die beliebtesten Reiseziele.

Ich warnte die Flüchtlinge in der Türkei stets davor, nach Deutschland zu reisen. "Ihr seid dort nicht willkommen. Ihr seid dort nicht gewollt", war immer meine Begründung.

Kurz darauf hatte ich ein schlechtes Gewissen. Stimmt das wirklich? Vielleicht bin ich da etwas zu weit gegangen und es würde Ihnen in Deutschland doch ganz gut gehen? Zu gut erinnere ich mich jedoch noch an den Grenzbeamten am Münchner Flughafen, der zu Pegida-Zeiten zu einer Frau mit Kopftuch sagte, dass sie doch bitte nicht in den Osten Deutschlands reisen solle, da sie dort nicht willkommen sei. Und seit ich in Deutschland bin, weiß ich auch wieder, warum das stimmt.

Es ist auf der einen Seite der widerwärtige braune Mob, der aus allen Ecken gekrochen kommt. Rechtsextreme rufen in ganz Deutschland zur Jagd auf Ausländer auf. Es werden Facebook-Seiten gestartet, die so heißen wie „Bürgerwehren gründen".

Auf der Seite wird schamlos gegen Flüchtlinge gehetzt. Ihnen wird Vergewaltigung und Pädophilie vorgeworfen. Es werden Bilder veröffentlicht, auf denen zu sehen ist, wie afroamerikanische Männer einen weißen Mann niederschlagen. Die Quelle der Bilder ist nicht bekannt. Sie wollen visuell mobilisieren. Die Anschläge auf Asylantenheime nehmen weiter zu.

Mauer, Abschiebung und sonstiges Gejammere...

Doch nicht nur die Grausamkeit der Nazis und die diversen Brandanschläge auf Flüchtlingsheime sind der Grund, warum ich mir Sorgen mache. Es ist auch die allgemeine Stimmung im Volk, die mir zu Denken gibt.

Ja natürlich, viele engagierte Bürger spenden Geld oder schicken ihre Klamotten und Spielzeuge an Flüchtlingsheime. Ich kenne auch Menschen in Deutschland, die Flüchtlinge bei sich zu Hause aufgenommen haben. Das ist ja auch lobenswert. Aber rühmen sollte man sich damit nicht. Das sollte zur Selbstverständlichkeit gehören. Und überwiegend wird trotzdem gemeckert, und zwar bei jeder Gelegenheit.

In meinem Bekanntenkreis in Deutschland ist immer wieder von "Mauern" die Rede, wenn das mit den Flüchtlingen so weiter gehe. Ja, eine Mauer um Europa oder Deutschland solle demnächst her, um die Flüchtlinge zu stoppen.

"So ist das eben. Die einen sterben, die anderen überleben. In der Tierwelt ist es auch nicht anders." Man müsse sich ja irgendwie schützen. Gehe ich mit Freunden in der Münchner Innenstadt spazieren, wird auf eine Gruppe afrikanischer Männer gezeigt. "Siehst du, sie sind überall. Mittlerweile wird es echt zu viel."

Erst vorgestern sah ich, wie ein Banker ein singendes junges Mädchen, das den Sinti und Roma zugehörig schien, anschrie mit den Worten. "Jetzt halt doch endlich deine Fresse. Niemand will das hören.""

Wach auf Deutschland!

Diese und viele andere Kommentare höre ich mir seit Tagen an und ich finde sie frustrierend und traurig. Und da frage ich mich: Wieso höre ich in der Türkei so gut wie niemanden jammern? Das Land, das die meisten Flüchtlinge aufnimmt? Das Land, das momentan im politischen Tumult versinkt und vom Terror heimgesucht wird?

In der Türkei haben Flüchtlinge ihren eigenen Radiosender in eigener Sprache, sie eröffnen Restaurants und können an kostenlosen Universitätsvorbereitungskursen für türkische Unis teilnehmen. Warum sind die Menschen und die Politik hier mitten in Europa so verschlossen und anders?

Wach auf, Deutschland! Ich weiß, es ist nicht einfach, wenn man nach seinem kühlen Feierabendbier im Biergarten oder auf dem Nachhauseweg zu seiner Lieblingssendung noch schnell ein paar Flüchtlingen über den Weg läuft. Wenn man mal kurz von seinem iPad oder iPhone herauf blickt in die echte Welt, die immer näher rückt.

Nein, jetzt lest Ihr nicht mehr nur über Krieg und Klimawandel, sondern er steht vor euch und bittet um Anteilnahme und Hilfe.

Liebe Mitmenschen, liebes Deutschland, die Lebensbedingungen ändern sich auf unserem Planeten. Diesen müssen wir uns anpassen. Da hilft auch eine Mauer nichts. Die Probleme bleiben bestehen und werden uns ohnehin heimsuchen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass Deutschland drittgrößter Waffenexporteur der Welt ist, finde ich euer Gejammere fehl am Platz.

Ein Land, das Waffen liefert, schürt Gewalt, ist an Kriegen beteiligt und trägt somit Mitverantwortung an Flüchtlingsströmen. Wir, die Gesellschaft, müssen Platz schaffen für Neues. Es ist unsere Aufgabe, unsere Pflicht. Bitte liebes Deutschland, hör auf zu jammern.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not

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