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Junge Muslima: Ich möchte mit Kopftuch Vorbild sein und Karriere machen

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MUSLIMA
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Als Reaktion auf meinen Artikel bei der Huffington Post "'Ich sehe, Sie tragen Kopftuch': Was mich meine Vorstellungsgespräche über Deutschland gelehrt haben" erhielt ich Kommentare, Nachrichten und sogar Anrufe von Arbeitgebern, mit immer demselben Inhalt: "Du sollst dein Kopftuch auf der Arbeit ablegen, willst du es zu etwas bringen".

Der Ton reichte vom lieb gemeinten Rat bis hin zu skurrilen und aggressiven Vorwürfen. Vom Überdenken der eigenen Position keine Spur. Zustimmung aus dieser Gruppe war die große Ausnahme, oder aber sie lasen leise mit.

Dabei geht es bei dieser Debatte nicht nur um mich, sondern stellvertretend um alle kopftuchtragenden Frauen. Denn bereits in den verschiedenen islamischen Vereinen, in denen ich engagiert war, war ich oft automatisch Vorbild für die Jüngeren.

Diese konnten sich mit mir, einer Person mit Migrationshintergrund und islamischem Glauben, identifizieren. Und ich zeigte auf, dass es auch mit diesem Hintergrund möglich war das Abitur zu schaffen und anschließend zu studieren. Vielen gab dies die nötige Motivation, die Schule fertig zu machen oder gar ein Studium zu beginnen.

Die jungen Menschen werden demotiviert

Versperrt man nun diesen Menschen den Zugang zum gewünschten Beruf, aufgrund des Kopftuches, ist das nicht nur frustrierend, sondern könnte genau diese jungen Menschen demotivieren mit Fleiß ihre Träume und Ziele zu erfüllen.

In der Politik wird oft das Wort "Integration" verwendet (auch wenn ich kein Freund davon bin, da man, als in Deutschland Geborener beziehungsweise Aufgewachsener, Deutscher ist). Wie auch immer, dieser "Integration" wird entgegengewirkt, stellt man nicht die gleichen Chancen für alle Bewerber her.

Warum solle man das Abitur machen und studieren, wenn man am Ende sowieso keinen Job bekommt? Im schlimmsten Fall wenden sich eben solche jungen Leute von der Gesellschaft ab - entfremden sich von ihr, werden zu Außenseitern, und damit anfällig für extremes Gedankengut.

Arbeitslosigkeit sowie Perspektivlosigkeit waren leider schon immer Ausgangspunkt vieler Dummheiten - unabhängig von Herkunft und Religion. Deshalb möchte ich mit Kopftuch Karriere machen und Vorbild sein.

Chancengleichheit sollte selbstverständlich sein

Man kann nicht um jeden Preis Anpassung verlangen. Und dabei basiert die Annahme, die Mehrheitsgesellschaft täte der Minderheit einen Gefallen, wenn sie ihr Chancengleichheit gewährt, auf ein fehlendes Demokratieverständnis.

Denn in westlichen Demokratien sollen genau diese Minderheiten die Punkte identifizieren, an denen sie noch immer aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Ethnie oder ihrer Religion benachteiligt werden - auch auf dem Arbeitsmarkt, so Felix Stephan, Redakteur der Zeit Online.

Chancengleichheit sollte deshalb als Selbstverständlichkeit, und nicht als großes Gefallentun, angesehen werden.

Des Weiteren können tiefe Überzeugungen nicht einfach 'abgelegt' werden, nur weil es ein Außenstehender verlangt oder gar dubiose Motive unterstellt. In meinem Fall trage ich das Kopftuch seit über 10 Jahren und es ist anmaßend zu verlangen, man solle es von heute auf morgen für einen Job ablegen.

Man muss in Dialog treten

Für mich persönlich ist es ein fester Bestandteil meiner Persönlichkeit und meines Wertesystems - eine ganz individuelle Beziehung mit Fokus auf innere Werte. Menschen, die diese Überzeugung nicht teilen oder ein ganz anderes (negatives) Verständnis vom Islam haben, sei gesagt: "Du darfst anderer Meinung sein. Damit gilt diese jedoch nicht für mich, noch weniger für alle Muslime".

Anstatt sich eigener oder medialer Interpretationen, Ängste und Vorbehalte hinzugeben, ist ein Dialog mit den Menschen, die es betrifft, zielführend. Und um eben diesen Ängsten entgegenzutreten müssen den jeweiligen Minderheitsgruppen Perspektiven aufgezeigt werden - für eine gemeinsame Gestaltung der Gesellschaft.

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Liebe Musliminnen, verzagt nicht, zumal ich trotzdem der Auffassung bin, dass man durch Leistung und dem Herzen am rechten Fleck es schafft, seine Ziele zu erreichen, ohne sich selbst dafür komplett untreu zu werden.

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