BLOG

"Such dir ne Frau zum Heiraten, sonst kannst du nicht hierbleiben" - wie das deutsche Asylrecht Flüchtlinge zu Verzweiflungstaten bringt

05/10/2017 16:54 CEST | Aktualisiert 05/10/2017 18:10 CEST
Stefanie Loos / Reuters

Seit vier Monaten unterrichte ich in Mannheim Deutsch, alle meiner Schüler sind Flüchtlinge. Obwohl mir das Unterrichten großen Spaß macht, habe ich viele traurige Beobachtungen gemacht.

Asylsuchende werden in zwei Gruppen aufgeteilt: Flüchtlinge mit und Flüchtlinge ohne

Bleibeperspektive. Im Laufe meines Lehrerdaseins fiel mir auf, dass Flüchtlinge aus Syrien, Iran, Irak, Eritrea und Somalia, Flüchtlinge mit Bleibeperspektive, meistens enthusiastischer sind als Flüchtlinge aus Afghanistan oder dem Balkan.

Grund hierfür ist, dass Asylsuchende mit Bleibeperspektive Deutschland mittlerweile als ihre Heimat ansehen. Für sie ist es daher selbstverständlich, unsere Sprache zu lernen. Das trifft jedoch nicht auf die übrigen Flüchtlinge zu.

Sie sind verunsichert, wie es mit Ihnen weitergeht. Angela Merkel sagte schließlich bereits 2015: "Deutschland kann nicht alle Flüchtlinge aufnehmen".

Das ist der Grund, warum einige Schüler nach wenigen Wochen keine Lust mehr auf den Unterricht haben, zu spät oder auch gar nicht mehr auftauchen.

Er weiß nicht, wie es mit ihm weitergeht

Alle meine Schüler sind Männer. Viele von ihnen kommen aus Gambia und Nigeria. Einer von ihnen, Taru, ist Nigerianer und Christ. Taru kam nach Deutschland, weil er in seiner Heimat nicht mehr sicher ist.

Seit er an Demonstrationen gegen die aktuelle muslimische Regierung teilnahm, schwebt er in Lebensgefahr. Grund der Proteste war die Forderung der Unabhängigkeit für den christlichen Teil Nigerias.

Würde man Taru zurückschicken, erklärte er mir neulich, sei er ein toter Mann. Taru wohnt seit 10 Monaten in einem Camp in Deutschland. Sein Asylverfahren läuft noch, aber er lebt in Ungewissheit. Er weiß nicht, wie es mit ihm weitergeht. Er befürchtet, dass die ganzen Monate der Integrationsbemühungen und des Deutschlernens völlig umsonst waren.

2017-09-08-1504854297-2100683-CopyofHuffPost.png

Ob Flüchtling, ob Deutscher - wir sind alle nur Menschen. Mit Ideen, Hoffnungen, Meinungen. Darüber könnt ihr euch hier austauschen?

Die Unsicherheit frustriert ihn enorm. Taru war zu Beginn sehr begeistert im Unterricht und wir sind gut miteinander ausgekommen. Doch im letzten Monat des Sprachkurses wurde er immer demotivierter und missmutiger. Ich nahm ihn irgendwann zur Seite und fragte, was mit ihm los sei.

Er antwortete: "Ich bin hierher gekommen, weil mir zugesichert worden ist, dass man in Deutschland und Europa die Menschenrechte achtet. Doch dann komme ich hierher und das Erste, was mir mein Sozialarbeiter sagt, ist: 'Such dir ne Frau, sonst kannst du nicht hierbleiben!'

Von vielen meiner Schüler höre ich nie wieder was

Menschen wie Taru fragen sich dann zurecht, was es überhaupt für einen Sinn hat, den

Deutschunterricht und die Integrationskurse zu besuchen. Unsere Sprache ist nicht gerade einfach. Noch dazu kommt, dass die afrikanische und die deutsche Kultur unterschiedlicher nicht sein könnten.

Die afrikanischen Flüchtlinge empfinden die Deutschen als sehr verschlossen. Wenn sie

versuchen, mit den Einheimischen in Kontakt zu treten, erleben sie meist nur Ablehnung. Selbst die Betreuer überlassen die Flüchtlinge meistens sich selbst und sprechen mit ihnen nur über das Nötigste.

Wie sollen sich diese Menschen für das Deutsch lernen begeistern, wenn niemand mit ihnen Deutsch sprechen möchte?

Wenn sie in ihrem Alltag kein Deutsch benötigen und sie keine Aussicht auf eine Zukunft in Deutschland haben, sehen sie verständlicherweise keinen Sinn darin, die Kurse zu besuchen.

Mehr zum Thema: Ich unterrichte eine Flüchtlingsklasse - alle, die die Integration schaffen, haben eine Sache gemeinsam

Von vielen meiner Schüler höre ich nie wieder etwas. Sie sind einige Wochen lang im Unterricht und werden dann in eine andere Stadt gebracht. Dort versuchen sie dann sich an die neue Umgebung zu gewöhnen und ihr Leben nochmal neu zu gestalten.

Doch mit einigen halte ich auch über die Kurse hinaus Kontakt. Für fünf meiner ehemaligen Schüler versuche ich gerade, einen Ausbildungsplatz zu organisieren.

Einige sind einfach von den Bedingungen in Deutschland enttäuscht

Wenn sie einen Ausbildungsplatz in einem Unternehmen ergattern können, bekommen sie mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Aufenthaltsgenehmigung und dürfen in Deutschland bleiben.

Doch für die meisten Flüchtlinge ist es nicht leicht, an einen normalen Ausbildungsplatz zu kommen. Um an Geld zu kommen, arbeiten sie für einen niedrigen Lohn im Camp oder suchen sich andere Verdienstquellen. Einige wenige dealen mit Drogen - das sehe ich ihnen im Unterricht an.

Ohne richtige Arbeit versuchen sie dann, mit anderen Maßnahmen an eine Aufenthaltsgenehmigung zu kommen. So erschreckend es klingt, aber in ihrer Verzweiflung versuchen manche, sich an Frauen heranzumachen.

Mehr zum Thema: Was ich lernte, als ich in Deutschland Flüchtlinge unterrichtete

Auch mir ist das im Unterricht schon passiert. Ich habe diese Schüler dann auch zurecht

gewiesen, was mir auch glücklicherweise gelang. Im Laufe der Monate habe ich es geschafft, mich als Respektsperson zu etablieren.

Auch eine Kollegin von mir und unsere Sekretärin haben schon Heiratsangebote bekommen. Dass unser Asylsystem sie zu solchen Schritten zwingt, ist auch für sie total unverständlich.

Einige sind daher einfach von den Bedingungen in Deutschland enttäuscht.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Julius Zimmer.

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino