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Suche Frau fürs Leben: Vier Monate und 150 Dates

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WOMAN HAPPY BACK
Buena Vista Images via Getty Images
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Mein verunglückter Versuch, der Liebe durch geschicktes Programmieren auf die Schliche zu kommen.

Sie sah unglaublich gut aus.

Ich speicherte ihr Profil und feuerte den ersten Schuss:
"Bonjour ! Ich habe dein Profil durchgelesen und denke, dass wir uns verstehen könnten; Lust auf einen Kaffee nächste Woche?"

Keine Antwort. Ich wartete einen Tag ab. Dann der zweite Versuch:
"Vielleicht kann ich dich ja mit Süßem in Versuchung führen? Ich kenne einen Ort mit Obsttorten, Schokoladenkuchen und Macarons. : )"

Keine Antwort. Ich ließ wieder einen Tag verstreichen. Der dritte Versuch:
"Also gut, wenn dir weder nach Kaffee noch Süßem ist, können wir Tee trinken gehen. Was sagst du zu Tee?"

Ihre Antwort: "Du bist aber selbstsicher, das gefällt mir. Tee hört sich gut an : )".

Bingo. Aber ich war nicht selbstsicher. Meine Antworten waren automatisiert. Herkömmliches Daten glich einem Albtraum, also optimierte ich es. Ich bin ein fetter, übergewichtiger, kleiner Kerl, dessen einziger Vorteil darin besteht, kein Axt-Mörderer zu sein. Ich bin auf der Suche nach der Richtigen, dieser besonderen Beziehung, die viele Jahre halten und das Lebensglück vervielfachen wird. Schließlich können das Beziehungen: Lebenserfahrungen vermehren.

Aber Small Talk liegt mir nicht. Zu schnell lenke ich das Gespräch in intellektuelle Sphären... was das Ganze unangenehm gestaltet. Letztes Jahr endete meine letzte Beziehung. Die Liebe war uns abhandengekommen. Mit 31 Jahren und dem vagen Wunsch nach einer Familie sollte ich nicht rumtrödeln. Es war an der Zeit, das Daten ernst zu nehmen.

Auf der Suche nach der Richtigen

Also lud ich mir Tinder herunter und begann zu swipen. Ich beschloss, das System zu überlisten. Nicht Personalisierung, sondern schieres Volumen standen an der Tagesordnung. Zur Hölle mit der Romantik. Ich war fest entschlossen, die Richtige zu finden - selbst wenn das hieß, ganz San Francisco nach rechts zu swipen.

Jedes ernstzunehmende Unterfangen bedarf eines ernstzunehmenden Ablaufs. Ich wollte das perfekte Match finden, also wollte ich mich nicht wie ein Amateur anstellen. Es galt, ein rigoroses wissenschaftliches Verfahren zu entwickeln. Natürlich gibt es Glück, aber man kann es auch forcieren.

Man braucht eine gewiße Menge an Kandidaten um einen Qualitätsmaßstab setzen zu können und Menschen sind besonders schwierig zu klassifizieren. Unter Programmieren spricht man vom sogenannten "Optimal Stopping"- Algorithm, auch Sekretärinnenproblem genannt.

Ein paar Zeilen Kode später und meine App erblickte das Licht der Welt. Eine Abstraktionsebene war in der Lage, das Internet-Dating für mich zu verwalten:

• Automatisiertes Swipen
• Automatisierte Nachrichten
• Automatisierte Date-Planung

Herrlich. Nachdem ich das Programm startete, passierte Folgendes:

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Die von mir entwickelte App automatisierte die repetitive Arbeit des Internet-Datings. Innerhalb von Kürze bekam ich hunderte von Matches und hunderte von Nachrichten. So sah das aus:

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Tinder brachte die meisten Ergebnisse. Mein erstes Problem, die Fische an die Angel zu kriegen, war gelöst. Ein neues Problem hatte sich allerdings ergeben: Masse.

Also beschloss ich, den Vorgang zu industrialisieren. Möglichst viele Dates um die Richtige zu finden.

Die Menge macht's

Ich musste jede Angel überprüfen, herausfinden, mit welchen Mädchen es passen könnte und mit welchen nicht. Ich musste die Wahrscheinlichkeit, die Richtige kennenzulernen, maximieren. Ich automatisierte alles. Von der ersten Nachricht, den darauffolgenden Nachrichten, über das Swipen, das Speichern von Profilen, bis hin zu SMS und dem Eintragen von Telefonnummern. Die Maschine lief wie geschmiert.

Ich hatte angenommen, dass vorgefertigte Nachrichten nicht gut ankommen würden. Aber nach über 10.000 ließ sich kein signifikanter Unterschied bei der Antwortwahrscheinlichkeit zwischen personalisierten und vorgefertigten Nachrichten erkennen.

Ich wurde zu einem regelrechten Magier des Internet-Datings, der wusste wie er ein Profil zu optimieren hatte. Ich testete Bilder und Nachrichten anhand des A/B-Prinzips. Wenn ich mein Profilbild änderte und daraufhin mehr Matches generiert wurden, hieß das, dass das Bild besser war. Anhand der Daten konnte ich erkennen, was am besten ankam.

Dieses Bild funktionierte wahrscheinlich, weil es den hervorquellenden Bauch versteckt und die kahlen Stellen am Kopf nicht zu erkennen sind.

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Dieses Bild funktionierte wahrscheinlich, weil es den hervorquellenden Bauch versteckt und die kahlen Stellen am Kopf nicht zu erkennen sind.

Die Quote verbesserte sich. Mehr Matches, mehr Fische, mehr bevorstehende Dates. Auf ein neues Match folgten jeweils 7 Nachrichten meinerseits um die Rücklaufquote zu erhöhen. Die Größenordnung bewegte sich in folgendem Bereich: 43% reagierten auf die erste Nachricht, 21% nach der zweiten, 14& nach der dritten, 9%, 3%,1%, 1%. Der Rest schickte mir zuerst eine Nachricht.

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Hier ist die Standard-Sequenz der benutzten Nachrichten:

1. Bonjour ! Lust auf einen Kaffee nächste Woche?

2. Vielleicht kann ich dich ja mit Süßem in Versuchung führen? Ich kenne einen Ort mit Obsttorten, Schokoladenkuchen und Macarons. : )

3. Wie wäre es denn mit einem Chai Latte? Besser als Kaffee und passt super zum Gebäck!

4. Also gut, wenn dir weder nach Kaffee noch Süßem noch Chai ist, können wir auch Tee trinken gehen. Was sagst du zu Tee?

5. Ja, du hast Recht. Tee ist etwas langweilig. Wir sollten ein Eis essen! Wie wärs mit der Bi-Rite Creamery?

6. Eis ist wirklich zu klischee-behaftet. Wir sollten etwas unternehmen, was sonst niemand auf einem ersten Date macht... uns zum Beispiel an einer Tankstelle treffen und Minisalamis essen! Stell dir die Geschichten vor, die wir unseren Enkelkindern erzählen könnten!

7. Okay, ich gebe zu, dass es nicht das Romantischste ist, sich an einer Tankstelle zu treffen. Und seien wir mal ehrlich: Amerikanische Essensportionen sind so groß, dass wir nicht noch mehr Kalorien nötig haben. Eine Bootsfahrt auf dem Stausee also? Wir können uns ein kleines Tretboot leihen, Frischluft schnuppern und dabei Sport treiben. Wie wärs?

Sobald ich eine Antwort bekam, fragte das Programm nach einer Telefonnummer, was bisweilen zu zusammenhangslosen Gesprächen führen konnte.

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Die Nummer wurde dann in meinem personalisierten CRM (dt.: Kundenbeziehungsmanagement) gespeichert und automatisierte SMS per Twilio verschickt. Darüber hinaus wandte ich noch ein paar Tricks an. Zum Beispiel meldete ich mich bei Premiumdiensten an, um die Sichtbarkeit meiner Nachrichten zu verbessern:

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Was das Interesse an mir allerdings nicht unbedingt steigerte:

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Ich datete nun in großem Stil. Aber es war nicht mein Ziel, mich durch Betten zu ficken. Ich tat dies ausschließlich um diese eine besondere Person kennen zu lernen.

Die Menge brachte neue Probleme mit sich: Der Überfluß an Auswahl sorgte dafür, dass ich Angst bekam, die eine Perfekte zu verpassen. Also wollte ich sie alle treffen. Um mir auch wirklich nichts durch die Finger gehen zu lassen, entwickelte ich ein rigoroses Verfahren für die ersten Dates:

• Nur Kaffee. Es war günstiger und sorgte für einen einfachen Fluchtweg für beide Beteiligte. Innerhalb der ersten 30 Sekunden weiß man schon, ob es passt oder nicht.

• In der näheren Umgebung. Im Notfall benutzte ich Uber um Entfernungen zu überwinden.

• Dating wie am Laufband -- bis zu drei am Tag -- um das Ganze zu beschleunigen und die Zeiteffizienz zu verbessern.

• Nach dem Date trug ich Notizen in eine Tabelle ein um Fauxpas zu vermeiden. Dennoch verliert man schnell mal die Übersicht, wenn man zum dritten Mal am selben Tag fragt: „Und wie war dein Tag?". Einmal traf ich mich mit einem Mädchen, das das ganze erste Date damit verbrachte, mir eine unheimlich traurige Geschichte über ihr Waisendasein zu erzählen. Beim zweiten Date fragte ich sie dann, wie es ihren Eltern ginge. Das war ein ausgesprochen unangenehmer Moment. Falls du das gerade liest: Es tut mir sehr leid.

Trotzdem kein Erfolg

Trotz allem hatte ich keinen Erfolg. Ich versagte darin, die Liebe programmieren zu können.
150 Dates ohne Erfolg. Ich bestritt 150 Dates ohne ihr zu begegnen. Die meisten ersten Dates führten nirgendwohin: wir hatten nichts gemeinsam. Umfangreiches Daten und gut übereinstimmende Interessensbereiche? Das passt leider nicht gut zusammen.

Die Dating-Welt ist gleichzusetzen mit jener der Firmen-Umsätze. Wenn sich dein Kunde einem konkurrierenden und überzeugenderem Produkt zuwendet, wird dir das weder mitgeteilt noch ein entsprechendes Feedback-Formular ausgefüllt.

Funkstille. Daher kannst du auch nicht wissen, was du falsch gemacht hast. Aufgrund meiner Stellung als Unternehmensgründer glaube ich stur daran, alle Fehler beheben zu können und das etwas anders hätte gemacht werden müssen, um die Entscheidungen zu meinen Gunsten ausfallen zu lassen.

Im seltenen Fall, dass ich ernsthaft an einem Date interessiert war, war sie es nicht. Eine beschloss, das Ganze zu beenden, obwohl sie "ihre Zeit mit mir genossen hatte". Eine andere war ausgesprochen einfühlsam, ich fühlte mich besonders und wertgeschätzt. Aber auch sie verschwand. Manchmal war es einfach Pech. Eine hatte eine Tigermutter, die es ihr verbat. Eine weitere zog an die andere Ecke des Landes.

Dann gab es da noch die Eine. Nennen wir sie Jane. Sie war unglaublich. Sie arbeitete bei Google. Sie war lustig. Sie löste etwas besonderes in mir aus, also organisierte ich auch ein besonderes Date im Golden Gate-Park.

Ich brachte einen Korb mit Früchten, Macarons, Rotwein und mietete ein Boot. Wir wechselten uns ab und sie ruderte mit dem Enthusiasmus von abertausenden Wikingern. Wir verloren die Orientierung und ich nutzte die Gelegenheit für einen geradezu magischen ersten Kuss.

Das war das beste erste Date aus den ganzen 150 - ironischerweise das einzige, das nicht durch die Maschinerie organisiert worden war. Bei ihr bestand kein Zweifel: Es musste ein zweites Date geben. Wir gingen in ein Restaurant. Danach, vor dem Restaurant kletterte sie auf meine Schultern und ich rannte den Hügel hinauf, während sie unaufhaltsam lachte. An diesem Tag verliebte ich mich. Wir küssten uns abermals.

Ein drittes und ein viertes Date folgten. Ich wollte sagen, wie sehr ich sie mochte, aber hatte Angst, dass sie es nicht erwidern würde.

Während unseres fünften Dates teilte sie mir mit, dass sie nicht bereit für eine Beziehung sei. Ich traute mich nicht zu fragen, warum.

Das System war fehlerhaft

Mehr Matches zu haben, erhöhte selbstverständlich die Wahrscheinlichkeit, jemand interessantes zu finden, aber es wurde auch zu einer Sucht. Die Möglichkeit, so viele Menschen kennenzulernen, sorgte dafür, dass ich sie alle treffen musste. Um sicher zu gehen, dass ich die Richtige nicht verpasste. Währenddessen fand ich allerdings auch etwas furchtbares heraus:

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Ich bin immer noch überzeugt davon, dass Technologie auch Liebe hacken kann. Auch wenn dieser Glaube sicherlich irrational ist. Bei Technologie handelt es sich um eine Hebelwirkung. Ich denke, dass ich diese schlichtweg falsch angelegt habe: Die Ausführung war richtig, die Strategie aber die falsche.

Eine bessere Strategie würde sicherlich auf Mark Granovetters Recherchen angewiesen sein. Er argumentiert, dass Beziehungen zweiten Grades die nützlichsten sind: Beziehungen wie auch Jobs ergeben sich durch diese. Ich sollte meine Bekannten darum bitten, mich mal ein paar jungen Damen vorzustellen!

Internet-Dating fördert in keinster Weise, dass man sich bei Beziehungen Mühe gibt. Der Reiz, jemand besseres oder schlichtweg anderes kennenzulernen, ist stets vorhanden. Wenn ihr jemand gemeinsames kennt, verhält man sich anders, da der eigene Ruf davon abhängen könnte.

Ein weiteres Problem ist, dass wir kulturell so geprägt sind, dass Beziehungen von Männern in die Wege geleitet werden. In den progressiveren skandinavischen Kulturen sieht das ganz anders aus. Keines meiner 150 Dates wurde von der Frau initiiert. Angeblich liegt diesem Verhalten, die Angst verzweifelt wirken zu können, zu Grunde- aber scheißt da doch bitte drauf! Nimm dein eigenes Leben in die Hand. Lass nicht jemand anderes ans Steuer.

Langsam verliere ich die Lust und auch die Energie. Das Ganze kostet unheimlich viel Zeit, Ressourcen und Aufmerksamkeit. Und der Grund fürs Automatisieren war das genaue Gegenteil gewesen.

Es wird Zeit für einen anderen Ansatz. Eine drastische Veränderung. Aber noch nicht heute.
Denn heute habe ich noch ein Date.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf medium.com und wurde von Virginia V. Hartmann aus dem Englischen übersetzt.

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