BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Sebastian Matthes Headshot

Wenn ihr dieses Wort auf der Restaurantrechnung seht, habt ihr wahrscheinlich bei einem Betrüger gegessen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Ausgerechnet in einem guten Restaurant im reichen München passierte der Betrug: Die Teller abgeräumt, der Espresso geleert - jetzt nur noch die Rechnung.

Sie kommt in einer kleinen Kiste. Ein paar Bonbons liegen darin. Und auf dem Beleg steht "Zwischenrechnung".

Als ich den Kellner frage, weshalb ich nur eine Zwischenrechnung bekomme, entschuldigt sich der Mann in Lederhosen. Er habe nur die falsche Taste gedrückt.

Es klingt wie eine Kleinigkeit, eine falsche Taste, menschliches Versagen. Doch das Versagen ist weniger menschlich als vielmehr moralisch.

Massenhafter, systematischer Steuerbetrug

Denn hinter einer Zwischenrechnung steckt häufig massenhafter, systematischer Steuerbetrug - und jeder, der regelmäßig in Restaurants geht, hat den Betrug schon erlebt. Die meisten allerdings übersehen ihn. Oder sie wollen ihn nicht wahrhaben.

Dabei ist die Masche denkbar simpel: Zieht der Wirt nur eine Zwischenrechnung, kann er den Betrag in der Kasse später stornieren - und den gezahlten Betrag steuerfrei verdienen.

Nicht jede Zwischenrechnung deutet auf Betrug hin. Wenn später eine richtige Rechnung kommt, der Wirt die Rechnung in der Kasse verbucht oder der Kunde elektronisch bezahlt, dann geht alles mit rechten Dingen zu. Wie Experten seit Jahren beklagen, nutzen viele Wirte aber das Schlupfloch aus, das die Zwischenrechnungen ermöglichen.

Denn Steuern, das machen sich viele Gastwirte zunutze, fallen nur auf ordentliche Rechnungen an. Die werden von den Kassen nummeriert gespeichert.

Es ist ein Betrugssystem, bei dem Wirte schnell zig Tausend Euro pro Monat hinterziehen können.

Eigentlich gibt es eine ungeschriebene Vereinbarung: Die Bürger zahlen Steuern und der Staat sorgt für Sicherheit und eine funktionierende Infrastruktur. Diese Vereinbarung kündigen zu viele Gastwirte einseitig auf.

Das Schlimme ist: Die Betrugsmasche ist keineswegs neu. 2014 erklärte die „Zeit" in einer großen Recherche, wie das System funktioniert. Viele andere Medien griffen das damals auf. Doch niemand blieb dran.

Der Betrug geht weiter - und die Politik schaut zu

Dabei darf das Thema keinem egal sein. Denn es geht hier nicht um kleine Beträge - es ist ein Massenphänomen: Rund zehn Milliarden Euro würden dem Fiskus pro Jahr entgehen, "weil Unternehmen Umsätze nicht oder falsch erfassten", haben Prüfer in einem Bericht an das Bundesfinanzministerium laut „Spiegel" schon vor zwei Jahren gewarnt.

Und all das, während das Land über Gerechtigkeit und sogar weitere Steuern diskutiert.

Immerhin soll es demnächst ein neues Gesetz geben, das fälschungssichere Kassen vorschreibt.

Doch auch hier wieder gibt es zig Ausnahmen.

Die Kunden werden doppelt betrogen

Die traurige Ironie an der Sache: Die Kunden werden am Ende doppelt betrogen. Erst im Restaurant. Und in einem zweiten Schritt als Steuerzahler. Viele von ihnen arbeiten als Angestellte - und deren Steuerlast ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Sie müssen für die zusätzlichen Ausgaben des Staates aufkommen.

Ausgerechnet Griechenland und Italien, die wegen ihres löchrigen Steuersystems häufig in der Kritik stehen, könnten hier übrigens Vorbilder sein. Hier wird zunehmend peinlich darauf geachtet, dass jeder Kunde einen Kassenzettel bekommt. Denn schon hinter der nächsten Ecke könnte ein Steuerfahnder stehen.

Offenbar geht es nicht anders. Auch in Deutschland.

Und ich hätte noch eine Idee: Vielleicht sollten wir in Zukunft Zwischenrechnungen über soziale Medien verbreiten, damit jeder von dieser Masche erfährt. Denn wenn jeder nach einer ordentlichen Rechnung fragt, ist die Sache jedenfalls erledigt.

zwischenrechnung

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.