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Die Politik in Berlin will sich um Familien kümmern - leider haben die Ideen wenig mit den Problemen junger Eltern zu tun

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BUNDESTAG
getty/reuters
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Auf einmal sind Familien wieder das heiße Thema in Berlin. Vertreter aller Parteien entdecken sie (wie so oft vor Wahlen) als Zielgruppe - und überbieten sich mit wilden Vorschlägen, um jungen Eltern zu helfen.

Mehr Geld für die Paare, weniger Arbeit für die Eltern, kostenlose Kinderbetreuung - sogar ein ausgeweitetes "Baby-Begrüßungsgeld", ein "Baukindergeld" und ein "Kindergeld 2.0" sind im Gespräch.

Schaut man sich die Ideen aber im Detail an, wirken sie auf mich als jungen Vater so, als hätten die eifrigen Familien-Retter eines versäumt: nämlich mit den Betroffenen selbst zu sprechen.

Sonst hätten sie vielleicht erfahren, welche Probleme junge Eltern wie wir wirklich haben.

Viele wissen zum Beispiel nicht, wie sie Beruf und Familie unter einen Hut kriegen sollen - wegen fehlender Betreuungsplätze.

Bundesweit fehlen fast eine Viertelmillion Kita-Plätze

In München beispielsweise müssen junge Eltern eine würdelose Odyssee über sich ergehen lassen, um an einen Kita-Platz zu kommen.

Ein junger Vater berichtete mir neulich von mehr als 30 angeschriebenen Einrichtungen. Antworten erhielt er keine. Und wenn etwas kam, dann Absagen.

Entnervt meldeten er und seine Frau ihr Kind in einer privaten Kita an, für 850 Euro im Monat - damit geht ein großer Teil des Gehalts der Ehefrau drauf. Aber sie hatten keine andere Wahl. Die Alternative wäre gewesen, dass die Mutter mit dem Kind Zuhause bleibt.

Mehr zum Thema: Vergesst die Frauenquote: Wir brauchen eine Krippen-Quote!

Viele weniger gute verdienende Paare hätten genau diesen Weg gehen müssen. Denn bundesweit fehlen fast eine Viertelmillion Kita-Plätze hat das Institut der deutschen Wirtschaft kürzlich ausgerechnet.

Dabei gibt es in Deutschland längst das politisch verbriefte Anrecht auf die Kinderbetreuung - in einer staatlichen Einrichtung. Doch mit so einem Platz rechnen viele Familien nicht einmal mehr ernsthaft.

Erzieher und Erzieherinnen bezeichnen die Lage als katastrophal

Das spielt in der Berliner Familienpolitik kaum eine Rolle. Es ist ja auch weniger sexy, die Versprechen der Vergangenheit abzuarbeiten, als neue in die Welt zu setzen.

Während auf Bundesebene also in flotte Marketing-Wolken gehüllte Wohltaten versprochen werden, verfallen die Einrichtungen auf lokaler Ebene.

Nicht wenige Erzieher und Erzieherinnen bezeichnen die Lage als katastrophal, weil dem Betreuungssystem schlicht das Geld fehlt.

In reichen Städten wie Düsseldorf sorgen sich Eltern sogar um die Gesundheit ihrer Kinder, weil die Räume nicht mehr richtig gereinigt werden.

Besonders hart trifft die Situation Alleinerziehende - häufig sind das Frauen.

Wenn sie keine Betreuung für ihre Kinder finden, können sie ihren Job gleich hinschmeißen.

Alleinerziehende haben keine Lobby

Sie profitieren nicht vom Ehegatten-Splitting, die meisten bekommen zu wenig Unterhalt für ihre Kinder, sie arbeiten öfter Vollzeit als verheiratete Mütter und sie gehören zu der Gruppe in unserem Land, die am stärksten von Armut bedroht ist.

Doch Alleinerziehende haben ein Problem: Sie haben keine Lobby. Sie werden in jeder Rede über Gerechtigkeit erwähnt. Aber nur, weil es gut klingt - nicht etwa, weil jemand ernsthaft daran interessiert wäre, ihre Probleme zu lösen.

Faiererweise sei erwähnt, dass SPD-Familienministerin Schwesig ihnen wenigstens in Sachen Unterhalt helfen will. An der Betreuungssituation ändert das nichts.

Die Konservativen tun sich da weitaus schwerer. Sie preisen dann doch lieber die Vollzeit-Mutter - anständig verheiratet, versteht sich.

Aber auch sonst sind es oft Frauen, die unter der aktuellen Familienpolitik leiden. Denn in vielen Familien bleibt die Mutter Zuhause, wenn die Familie keine Chance auf einen Kita-Platz hat. Diese Beispiele kennt jeder von uns auas dem Bekanntenkreis. Und wenn die Frauen dann zurück sind, dann oft eher in Teilzeit. Oft unfreiwillig.

Solange wir das Betreuungsproblem nicht gelöst haben, brauchen wir gar nicht über gleiche Chancen zu sprechen. Denn de facto gibt es die für Mütter nicht.

Familien müssen den Versprechen der Politik vertrauen können

Derweil wirken die Vorschläge für die Familienpolitik auf mich als Vater so als wären sie von Menschen ohne Kinder für Menschen gemacht, deren Kinder längst aus dem Haus sind.

Klingt gut. Fühlt sich gut an. Passt nur leider nicht zu der Realität junger Familien.

Wir brauchen nicht immer neue Schlagworte und Feelgood-Ideen. Für die Lebensplanung müssen wir uns auf etwas verlassen können.

Auf die längst gemachten Versprechen zum Beispiel.

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(lk)