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Liebe Pokémon-Hasser, an euch sieht man, was Deutschlands Problem ist

Veröffentlicht: Aktualisiert:
POKEMON GO
Chris Helgren / Reuters
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Der Aufstieg war atemberaubend. Niemals zuvor hat sich ein Online-Dienst derart schnell verbreitet wie Pokémon Go.

Ob in New York, Tokio oder Lüneburg: Überall stehen Menschen mit Smartphones, mal im Halbkreis vor Sehenswürdigkeiten, mal in einem Pulk an Kreuzungen.

Doch nun werden auch die Pokémon-Kritiker lauter. In Medien, bei Facebook, beim Mittagessen. Auf einmal sind sie überall. Datenschützer, Zweifler und Kulturpessimisten.

Sie alle glauben zu wissen, warum diese Idee niemals eine Chance hat, ohnehin überflüssig ist und vor allem: Warum sie uns und unsere Kinder in Gefahr bringt.

All das ist natürlich Blödsinn.

Liebe Pokémon-Kritiker, ihr überseht das eigentliche Thema

Denn gerade erlebt eine Technologie ihren Durchbruch, die unser Leben in den nächsten Jahren massiv verändern kann: die Augmented Reality.

In dieser erweiterten Realität verschmelzen die virtuelle und reale Welt. Über das Smartphone-Display und später auch intelligente Brillen oder Kontaktlinsen ergänzen spezielle Dienste die Realität mit Informationen.

Wenn wir etwa in einer fremden Stadt ein Foto von einem Gebäude machen, können uns diese Dienste die wichtigsten Fakten auf den Schirm rufen. Solche Ansätze gibt es längst - in der Breite durchgesetzt haben sie sich nicht.

Nun aber ist es soweit. Über Pokémon Go erleben Abertausende, wie diese Technologie unser Leben bereichern kann. Sie werden viel offener sein, künftig auch andere Dienste dieser Art auszuprobieren.

Apps etwa, die uns helfen, Wohnungen einzurichten. Die Technik könnte auch das nervige Anprobieren vereinfachen: Ein intelligenter Spiegel scannt den Körper des Kunden und zeigt, wie er mit verschiedenen Kleidungsstücken aussehen würde.

Umkleidekabinen brauchen wir in dieser neuen Welt viel seltener. Vielleicht müssen wir nicht einmal mehr zu Ikea fahren, weil uns die App zeigt, wie unsere Wohnungen mit den Möbeln aussieht - ohne, dass wir sie vorher vermessen müssen.

Auch Wohnungssuchenden kann die Technik helfen

Künftig kann uns das Smartphone zeigen, welche Wohnungen in der Straße noch zu haben sind, durch die wir gerade fahren. Der Anbieter Immobilienscout24 etwa hat mit derartiger Technik bereits experimentiert.

Vieles davon ist heute schon möglich. Und es ist nichts weniger als eine Revolution.

Das haben viele Unternehmen erkannt. Bei Apple arbeiten angeblich hunderte Techniker an geheimen Augmented-Reality-Projekten. Auch Facebook und Google interessieren sich für die Technologie.

Und Deutschland? Hier machen wir uns erst einmal darüber lustig.

Dabei ist es eine Technologie, die das Leben von Menschen dramatisch verändern kann: So arbeiten US-Wissenschaftler an einer intelligenten Brille, die tauben Menschen in normalen Gesprächen als Text anzeigt, was das Gegenüber gerade sagt.

Aber darum geht es Pokémon-Hassern nicht. Sie sehen etwas Neues, verstehen es nicht und verurteilen es.

Ich kann es ja verstehen. Die Technik-Welt bewegt sich schnell. Zu schnell für einige. Aber vielleicht sollten wir endlich das ewig deutsche Muster erkennen?

Es ist nicht lange her, da war Deutschland in heller Aufregung. Da plante ein amerikanischer Internetkonzern, die wichtigsten Straßen unseres Landes abzufotografieren. Diese Kamera-Fahrzeuge sollten auch nach Deutschland kommen.

Die Hysterie der Deutschen

Doch die Deutschen reagierten so hysterisch, als plane Google, Kameras in ihrem Badezimmer zu installieren. Google gab Hausbesitzern schließlich die Möglichkeit, ihre Gebäude zu verpixeln.

Man hatte es der internationalen Tech-Elite gezeigt, dachten viele.

Was für ein Irrtum. Stattdessen hatten die US-Tech-Visionäre den Deutschen gezeigt, wo die Zukunft liegt.

Es ist nicht lange her, da verriet mir ein Google-Manager, dass Google Street View in wenigen Ländern so intensiv genutzt wird, wie in Deutschland. Kein Wunder.

Oder erinnert sich noch jemand an die Kritik an Facebook? Die Kritik an E-Books, die angeblich unsere Lesekultur zerstören? An die düstere Vision, dass PCs bald für massive Arbeitslosigkeit verantwortlich sein werden? Oder die Sorge, dass Biotech-Startups Wegbereiter sein könnten für eine gefährliche Frankenstein-Medizin?

Die deutsche Technikskepsis steht uns zu oft im Weg.

Auch dieses Mal.

Während wir uns noch über den Unsinn neuer Technologien streiten, arbeiten anderswo längst Startups und Tech-Konzerne an Ideen, die später auch in Deutschland groß werden.

Wir sollten daher schnell begreifen: Pokémon Go war erst der Anfang. Und Tausende Menschen auch in unserem Land lieben das Spiel.

Lasst uns das als Chance begreifen.

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