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"Paradise Papers": Liebe Eliten, wundert euch nicht, wenn die Menschen AfD wählen, es liegt auch an eurem Verhalten

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Kaum eine politische Diskussion kommt ohne sie aus - die Rechtspopulisten: Wie konnte es nur so weit kommen, fragen sich Spitzenpolitiker, Manager und Prominente in Talkshows wie auf feinen Dinner-Partys seit Monaten.

Woher die ganze Wut? Die Angst? Und die Gräben, die unsere Gesellschaft zu teilen scheinen?

Nur eine Frage fehlt in diesen Unterhaltungen allzu oft: "Was hat das alles mit uns zu tun?" Mit dem Verhalten der Mächtigen, Reichen und Einflussreichen?

Es könnte mehr mit ihnen zu tun haben, als ihnen lieb ist.

Denn während viele Menschen - von denen einige nicht einmal wissen, ob es für sie im Alter reichen wird - das Land mit ihren Steuern und Abgaben am Laufen halten, entzieht sich eine kleine Gruppe. Und das tut diese kleine Gruppe allen Gerechtigkeitsdebatten zum Trotz.

Wer nur genug Geld und Einfluss hat, kann vielen Steuerpflichten und Regeln entgehen - und verstößt mitunter nicht einmal gegen Gesetze.

Mehr zum Thema: Politiker und Unternehmer umgingen Millionen an Steuern: Diese Deutschen tauchen in den Paradise Papers auf

Der allergrößte Teil der Bürger dagegen, die einmal im Jahr die grauen Bögen des Finanzamtes ausfüllen müssen, können das nicht.

Für neue Diskussionen sorgt eine aktuelle Recherche der "Süddeutschen Zeitung" (SZ): Mit den Paradise Papers sind der Zeitung Millionen Dokumente aus Steuerparadiesen in aller Welt zugespielt worden, in denen auch rund tausend Namen aus Deutschland auftauchen. Unternehmer, Milliardäre, Politiker, Sportler. Ein Querschnitt durch die Elite unseres Landes. Menschen, die an anderer Stelle wahrscheinlich von sich behaupten würden, Vorbild zu sein.

Längst verlaufen die Grenzen nicht mehr nur zwischen einzelnen Ländern. Sie verlaufen auch zwischen jenen, die bereit sind, die Lasten einer Gesellschaft zu tragen, die Verantwortung übernehmen und jenen, die sich diesen Pflichten entziehen - aus purem Egoismus.

Diese Kluft spüren die Menschen.

Damit werden die Paradise Papers zu einem schnell entzündlichen Treibstoff für Rechtspopulisten in aller Welt.

Denn die Menschen haben ein feines Gespür für die obszönen Details: Den deutschen Spielotheken-Besitzer, der seine Online-Einnahmen unreguliert und steuerfrei einstreicht, den Rohstoffkonzern, der zusammen mit Politikern arme Länder ausplündert und die Superreichen, die sich mit Tricksereien Teile der Steuern auf ihre Privatjets sparen.

Dass auch der Name von Ex-Kanzler Gerhard Schröder in den Unterlagen als Aufsichtsrat einer dubiosen Offshore-Firma der Öl-Industrie auftaucht, liefert Politikverdruss weitere Argumente.

Nach der Wahl von US-Präsident Donald Trump sagte der Filmemacher Michael Moore, die Menschen seien wütend. Trump sei für sie eine Art Molotowcocktail, den sie in das Establishment geworfen haben.

Ein solcher Molotowcocktail war auch der Brexit und der Einzug der AfD in den Bundestag.

Und die nächsten leicht entzündlichen Brandsätze werden fliegen.

Allein dem deutschen Staat gehen Jahr für Jahr Milliarden durch Steuerhinterziehung verloren. Milliarden, mit denen wir Schulen sanieren, Forscher unterstützen oder Kindern aus ärmeren Familien helfen könnten.

Oft kommt in der Diskussion über den Aufstieg der Rechtspopulisten in Deutschland die Sprache auf unseren Wohlstand: Die Arbeitslosigkeit ist historisch niedrig. Noch nie ging es unserem Land so gut.

Das ist nicht falsch. Und doch ist es offenbar nur ein Ausschnitt der Realität.

Mehr als 80 Prozent der Deutschen gaben laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung vergangenes Jahr an, dass sie die sozialen Verhältnisse in Deutschland generell als ungerecht empfinden.

Was sie damit meinen?

Sie sorgen sich vor einem sozialen Auseinanderdriften unserer Gesellschaft, ergab eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach.

Wie die Befragten der Allensbach-Studie das Problem lösen würden? Mehr als 70 Prozent der Befragten fordern, dafür Steuerschlupflöcher zu schließen.

Ein klares Signal - für das Versagen der Politiker ebenso wie der Wohlhabenden.

Ihnen muss klar werden: Wer Steuern hinterzieht, sorgt für ein soziales Auseinanderdriften unseres Landes, weil das Geld an anderer Stelle fehlt.

Dort wo das Geld fehlt, breiten sich Unsicherheit, Perspektivlosigkeit und Zukunftsangst aus.

Und das hilft vor allem einer Partei: Der AfD.