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Medienwandel: Warum die eigentliche Revolution erst noch bevorsteht

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Wenn Medienleute über die digitale Revolution sprechen, die alles verändert, die alte Geschäftsmodelle vernichtet und neue entstehen lässt; die vieles in Frage stellt, was Medienunternehmen heute tun und die unser Leben verändert bis in den letzten Winkel - dann denken sie meistens an die Jahrtausendwende. Die Zeit, in der AOL und T-Online den Deutschen das Internet beibrachten.

Das Problem daran: Sie liegen falsch.

Denn die eigentliche Revolution erleben wir jetzt erst: Das mobile Internet.

Das Jahr 2014 wird als der Zeitpunkt in die Geschichte eingehen, an dem das mobile Internet die Macht übernommen hat.

Jeder 2. US-Teenager nutzt laut Studien von Pew Research bereits vor allem das Smartphone, um ins Netz zu gehen. Kein Wunder, dass iPad-Verkäufe langsam stagnieren - während iPhone-Verkäufe weiter wachsen. Das größere iPhone 6 wird das Ende des iPad-Hypes noch beschleunigen.

Das iPad ist nur eine Übergangstechnologie

Manche Zeitungsmacher glaubten, das iPad sei die Rettung. Einige glauben es sogar immer noch. In Wirklichkeit ist es nur ein kurzzeitiges Phänomen, weil Smartphones zu klein und ihre Batterien zu schwach waren.

Das iPad ist ein Gerät für Ältere, die den Übergang nicht schnell genug schaffen. Eine Übergangstechnologie sozusagen.

Langfristig wird das Smartphone seine Position als wichtigstes Gerät unseres Alltags noch deutlich ausbauen.

Das hat dramatische Auswirkungen für Nutzer, Dienstleister, Händler, Medienunternehmen - kurz: Es lässt kaum einen Wirtschaftszweig unberührt. Ganz besonders wird es die Arbeit von News-Seiten verändern: Sie müssen in vielen Bereichen ganz anders arbeiten.

Wir bewegen uns anders durch das mobile Internet

Denn das mobile Internet funktioniert grundlegend anders als das Internet, das wir vom PC aus ansteuern. Wir navigieren hier seltener mit Suchmaschinen durch das Internet, nicht mehr von Website zu Website und wieder zu unseren Bookmarks.

Wir nutzen stattdessen entweder die nativen Apps der Anbieter oder wir bewegen uns mit sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter durchs Netz.

An der Bushaltestelle, im Flughafen, vor dem Einschlafen: Ein kurzer Blick in die Apps, ein Klick auf einen spannenden Text - so sieht die Zukunft der Massenmedien aus.

Jeder Dritte konsumiert Nachrichten bei Facebook

Der Schmierstoff dieser mobilen Zukunft sind die Empfehlungen in sozialen Netzwerken. Jeder dritte Amerikaner liest bereits Nachrichten via Facebook, haben die US-Forscher von Pew Research beobachtet.

Aber nicht, so schreiben die Forscher, weil jeder von ihnen zig Nachrichtenseiten geliked hat. Sie lesen vor allem Texte, die ihre Freunde empfohlen haben. Wir lesen, was unsere Freunde lesen. Und das ist die eigentliche Revolution.

Zur Jahrtausendwende, als die Inhalte sich langsam von ihrem Trägermedium lösten, machten Redaktionen vor allem eins: Tageszeitungen im Internet.

Wir waren es ja auch gewohnt, steuerten Medienmarken direkt an, kamen mehrfach am Tag wieder, um einen Blick auf die Startseite zu werfen.

Social ist die neue Startseite

Mit dem Aufstieg des mobilen Internets wird dieses Prinzip an Bedeutung verlieren. Jüngere navigieren schon heute nicht mehr so durchs Netz.

Die ersten Nachrichtenseiten stellen daher bereits fest, dass ihre Startseite an Reichweite verliert. Ich gehe davon aus, dass das erst der Anfang ist. Da gerät etwas ins Rutschen.

Viele News-Seiten gewinnen aber dennoch neue Leser. Die aber kommen über einen anderen Weg: Sie ahnen, um welchen Kanal es sich dabei handelt.

Das wird in den Redaktionen mehr verändern, als der Wandel von Print zu Online.

Wir bei der Huffington Post sagen: Social ist die neue Startseite. Rund ein Drittel unserer Leser kommt über soziale Netzwerke. Und diesen Trend hin zu Mobile und Social beobachtet die gesamte Branche.

Renaissance journalistischer Fähigkeiten

Das Problem: Viele Redaktionen sind viel zu sehr ausschließlich auf die Startseite ausgerichtet. Die sozialen Kanäle laufen nebenher.

Sie müssen in Zukunft aber ins Zentrum der Strategie rücken. Nachrichtenseiten, die einen Chef vom Dienst für die Homepage haben, brauchen künftig auch einen für die sozialen Kanäle. Kein Social-Media-Manager, der Facebook-Posts absetzt, sondern einen Kollegen, der ähnlich mächtig ist, wie derjenige, der die Homepage steuert.

Denn in sozialen Medien sind mitunter andere Texte gefragt. Niemand verteilt trockene Nachrichten an seine Freunde weiter.

Nutzer empfehlen ihren Freunden nur, was sie bewegt. Zum Beispiel, weil sie etwas wirklich Neues erfahren haben, weil ihnen eine tiefgründige Analyse neue Einblicke in ein komplexes Themenfeld ermöglicht hat, weil sie sich geärgert haben - oder weil sie von einer Geschichte erfahren haben, die sie im positiven Sinne zum Denken angeregt hat. Wie die Idee des 19-jährigen Boyan Slat, der eine Art Staubsauger entwickelt, der einmal die Meere von Müll befreien soll.

Es ist eine spannende Zeit, in der uralte journalistische Fähigkeiten mehr gefragt sind denn je: Vor allem die Fähigkeit, überraschende, emotionale und kontroverse Geschichten zu erzählen und dabei dem Leser sorgfältig zu erklären, weshalb er sch ausgerechnet jetzt für ein spezielles Thema interessieren sollte. All das würde auch traditionellen Medien gut tun.

Neu denken

Aber diese Themen müssen in Zukunft auch anders gemischt werden. Denn das mobile Netz bietet Medienmarken die Chance, ihre Leser von Früh bis Spät zu begleiten. Das Problem: Kein Mensch will den ganzen Tag politische Analysen oder Kurstabellen lesen. Auch hier müssen Redaktionen ein Stück näher an die Leser rücken und herausfinden, zu welcher Zeit sie sich für welche Themen interessieren.

Ich sehe nur ein Problem: All das erfordert ein radikales Umdenken.

Und das in einer Zeit, in der viele Medienunternehmen gerade erst begriffen haben, dass das stationäre Internet künftig ihr wichtigster Distributionskanal sein wird. Wer sich hier zu lange aufhält, ist jetzt schon einen Schritt zurück.

Schon den letzten ersten Wandel haben die meisten Redaktionen verschlafen. Was passiert jetzt, wo der Wandel von online zu mobile noch krasser und für (meist ältere oder alternde) Medienmacher noch viel schwieriger zu begreifen ist?

Der Leser als Multiplikator

So verschieden diese neue Revolution von der letzten ist, so gemeinsam ist beiden der vielleicht wichtigste Paradigmenwechsel im Journalismus: Die Konzentration nicht auf den Autor oder die Kollegen, sondern auf den Leser.

Wo der Leser schon beim Wandel von print zu online in den Mittelpunkt rückte, wird er nun, als Leser und Multiplikator der Nachrichten über Facebook, noch viel, viel wichtiger.

Ich bin fest davon überzeugt: Der eigentliche Medienwandel hat gerade erst begonnen.

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