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Pegida und die Lügenpresse: Die Wahrheit über die angeblich gelenkten Massenmedien

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PEGIDA
dpa
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Es ist viel von Medienkritik zu lesen dieser Tage. Von einer vermeintlichen Einheitsmeinung (oft angeblich linksgrün), gelenkten Massenmedien und Lügen. Nur noch Lügen, Lügen, so weit das Auge reicht.

Ganz gleich ob bei Hartz IV, Zuwanderung, Arbeitslosigkeit oder unserem Verhältnis zu Russland: Die Wahrheit, so rufen die Kritiker, sei eine ganz andere. Doch die werde von einem verschworenen System aus Politikern, Medienleuten und Bürokraten vertuscht.

Aus Angst vor dem vermeintlichen Wir-Volk. Aber jetzt ist genug: „Lügenpresse halt die Fresse", rufen die Anhänger der Pegida-Bewegung, die sich in einer irgendwie totgeschwiegenen Mehrheit wähnen. Dass sie dabei Nazi-Vokabular nutzen: Egal. Dass einige Journalisten bedrohen: Will auch keiner gesehen haben.

Nun gibt es tatsächlich jede Menge Gründe, Medien zu kritisieren. Für mangelnde Recherche, für langweilige Texte, für artige Interviews, für übersehene Themen, für heimliche PR, für überdrehte Texte, für bewusst falsche Interpretationen, für Nachlässigkeit, für Fehler. Solche Dinge eben.

Der einzige wirkliche Mythos ist, dass die Medien gelenkt seien, gesteuert von einer unsichtbaren Macht, einem Verbund aus amerikanischer Hochfinanz, Geheimdiensten und mächtigen Bürokraten, wie manche meinen.

Ich arbeite seit 15 Jahren in unterschiedlichen Positionen als Journalist, hatte Stationen beim Radio, bei Magazinen, bei großen und bei kleinen Tageszeitungen. Die einen waren liberal, die anderen konservativ und an diesen Grundpfeilern richtete sich auch ihre Berichterstattung aus.

Nur: Dahinter steckte keine unheimliche Macht, sondern in der Regel Verleger, Geschäftsführer und Chefredakteure, die mit unterschiedlichem Erfolg versuchten, Leser und Anzeigenkunden zu begeistern. Klar, einige ordnen sämtliche Kommentare einer politischen Denkrichtung unter - oder sie öffnen den redaktionellen Teil für die Interessen von Anzeigenkunden, auch nutzen einige Journalisten offenbar allzu intensiv lukrative Presserabatte. Darüber hatte ich früher schon einmal geschrieben.

Aber ist das eine geheime Unterwanderung? Eher nicht. Denn beides ist recht schnell durchschaubar. Und Leserinnen und Leser haben ein gutes Gespür dafür.

Aber nehmen wir für einen kurzen Moment an, es gäbe eine solche Macht, und nehmen wir an, diese Macht wolle tatsächlich Zeitungen und TV-Sender manipulieren.

Selbst wenn das so wäre, hätten Massenmedien nicht die Macht, eine ganze Nation zu sedieren und von der eigentlichen Wahrheit abzulenken.

Denn so mächtig sind Zeitungen, Magazine und TV-Sender nicht mehr.

Wenn sie eine solche Macht jemals gehabt haben sollten, haben sie diese schon mit dem Aufstieg des freien Internets verloren.

Anders als in Russland und China kann in Deutschland, Frankreich und Großbritannien schon seit Jahren jeder Mensch zu jedem erdenklichen Thema ein eigenes kleines Massenmedium aufbauen.

Über Nacht. Als Blog, Facebook-Seite oder Twitter-Account. Jeder so entstandene kleine Medienunternehmer kann in wenigen Wochen nach dem Start Hunderttausende erreichen.

Das Tolle daran: Wie viele Leser sie erreichen, entscheidet kein Geheimbund. Das entscheiden Sie, die Leserinnen und Leser, oder, wie man heute sagt: das Volk.

Video: Unterhaltsam und aufschlussreich: Diese Grafiken lassen Pegida ziemlich blöd aussehen

Und es gibt unzählige solcher Angebote. Seit Jahren gehen Watchblogs großen Medienangeboten auf die Nerven, finden Fehler, Übertreibungen und einseitige Berichte. Deren Macher sind meist weniger von Geheimdiensten und Freimaurern gelenkt, sondern von dem schieren Interesse an der Materie.

Auch zu allen anderen Themen schreiben Menschen im Internet. Da gibt es kritische Wirtschaftsblogs, liberale Websites, konservative Politikbeobachter, Polizisten, Mütter, Wissenschaftler - und solche, die es noch werden wollen. Die alle zu steuern wäre ein recht komplexes Unterfangen.

Es gibt Websites, die Wahrheiten über Ufos im Angebot haben und es gibt andere, die sich mit den Gefahren von Federkernmatratzen befassen, die gefährliche Erdstrahlen verstärken. Dinge, die uns die Industrie angeblich verschweigt.

Das Volk ist also schon seit Jahren nicht mehr auf die Wahrheit der Massenmedien angewiesen, ob nun gelenkt oder nicht.

Es gibt sogar Blogs, die sich mit dem Islam auseinandersetzen. Mit unterschiedlichen Ergebnissen. Einige glauben, dass der Islam eine Gefahr für Deutschland sei. Andere sehen Muslime als Bereicherung. Es gibt auch Blogs wie "live aus der Parallelgesellschaft", in denen Muslime selbst schreiben, wie sich das Leben in Deutschland anfühlt.

Jeder von ihnen kann über Nacht ein Millionenpublikum erreichen. Wo um Herrgottesnamen ist hier Zensur? Was scheren Sie sich, liebe Kritiker, um Massenmedien, wenn Sie so viele Alternativen haben?

Der Markt an Meinungen, Ansichten und Wahrheiten war noch nie so groß wie heute. Lassen Sie uns alle dazu beitragen. Lassen Sie uns über die Frage diskutieren, welche Probleme Deutschland wirklich hat.

Und lassen Sie uns schauen, welche dieser Meinungen und Wahrheiten am Ende mit den besten Argumenten und Belegen untermauert werden. Die Netzgemeinschaft ist ein guter Gradmesser dafür, was eine große Mehrheit "des Volkes" denkt. Denn ein Großteil der Deutschen bewegt sich mittlerweile in sozialen Medien.

Bislang - so sieht es jedenfalls aus - organisiert sich hier allerdings vor allem Widerstand. Petitionen für ein weltoffenes Deutschland etwa erhalten in wenigen Stunden zehntausende Stimmen.

Wie auch immer: Das Netz ist der ideal Ort für diese Debatte. Hier gibt es praktisch keine Eintrittshürden. Aber das macht die Sache natürlich auch anstrengend.

Der Autor Christoph Marx schreibt dazu in einem höchst lesenswerten HuffPost-Beitrag:

Das Netz ermöglicht eine neue Form der Freiheit, mit der alle erst umzugehen lernen. Tatsächliches Neuland. Und Freiheit ist in erster Linie jenseits der offiziellen Sonntagsreden vor allem auch eine permanente Zumutung, impliziert immer die Möglichkeit der Widerlegung. Und das ist anstrengend, beschwerlich - das Gegenteil von bequem. Aber anders geht nicht. Stecker rausziehen gilt nicht.

Da stehen wir vielleicht alle noch am Anfang.