Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Sebastian Matthes Headshot

Liebe Frau Merkel, es ist Zeit für die Wahrheit

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MERKEL ABSTIEGSANGST
Getty
Drucken

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Liebe Frau Merkel,

die vergangenen zehn Jahre Ihrer Kanzlerschaft müssen Ihnen manchmal wie ein Rausch vorkommen. Weltweit agierende Banken sind kollabiert, ganze Staaten schlitterten gen Abgrund. Und nächtelang haben Sie mit anderen Regierungschefs in neonbeleuchteten Konferenzräumen um die Zukunft unseres Kontinents gerungen. Immer wieder.

Zur gleichen Zeit haben sich Millionen Menschen auf den Weg nach Nordeuropa gemacht. Und in dieser unübersichtlichen Lage ist die deutsche Wirtschaft von einem Sorgenkind zu einem weltweit gefeierten Vorbild aufgestiegen.

Was für ein Jahrzehnt der Extreme.

Doch, liebe Frau Merkel, bei all diesem Wirbel übersehen wir das Problem. Natürlich stehen wir mit der Flüchtlingskrise vor einer gigantischen Aufgabe. Doch Deutschland steckt in einer Krise, die noch viel tiefer geht.

Selten zuvor war in Deutschland eine so große Angst vor dem sozialen Abstieg spürbar.

Die Menschen brüllen es bei den Pegida-Demonstrationen heraus. Sie streiten darüber beim Abendessen. Und sie tragen diesen Streit in die Kommentarspalten bei Facebook. Natürlich plagen die Menschen aktuelle Sorgen. Wohnungsnot, Kriminalität, Terror.

Doch beschäftigt man sich tiefer mit ihren Argumenten, liest man Umfrageergebnisse oder einige der Abertausenden Kommentare im Netz, schwingt immer noch eine weitere, bange Frage mit: Wer kümmert sich um uns?

Die Skepsis gegenüber Fremden ist die Folge von Angst - und das ist nicht einmal neu. Wissenschaftler weisen schon seit Jahren auf den Zusammenhang zwischen Abstiegsangst und Fremdenfeindlichkeit hin.

Und dabei geht es nicht nur um Menschen mit niedrigerem Einkommen: Die gesamte deutsche Mittelschicht ist verunsichert. Der Kasseler Soziologe Heinz Bude hat eine regelrechte Statuspanik in Deutschland ausgemacht.

Gehöre ich bald nicht mehr dazu? Wie geht es für uns überhaupt weiter? Wie kriege ich meine Kinder ordentlich durch die Ausbildung?

Vieles, was früher sicher war, ist es heute nicht mehr. Der Nachhilfe-Boom in Mittelstandsfamilien ist so ein Fall. Man vertraut der Institution Schule nicht mehr. Will ein doppeltes Sicherheitsnetz.

Liebe Frau Merkel, die Deutschen spüren, dass gerade etwas in Bewegung gerät.

Sie spüren, dass Deutschland nach diesem bewegten Jahrzehnt vor einem tiefgreifenden Wandel steht. Und sie brauchen jemanden, der ihnen diesen Wandel erklärt.

Mir erzählte neulich ein Taxifahrer: "Eigentlich mag ich Mercedes. Aber die müssen einfach zu oft in die Werkstatt. Und bei VW kann man sich sowieso auf nichts mehr verlassen. Der Toyota Prius dagegen braucht nach 100.000 Kilometern gerade einmal eine neue Glühbirne." Da war für ihn die Entscheidung klar. Dass auch Toyota seine Probleme hat, wie etwa die jüngsten US-Skandale: Für ihn egal.

Frau Merkel, die Menschen ahnen, dass etwas nicht stimmt, wenn ein Gigant wie VW wankt - und wenn die massentauglichen Fahrzeuge mit innovativen, sparsamen Hybrid-Antrieben eher von asiatischen Herstellern kommen als aus Wolfsburg. Viele sehen die enorme Konkurrenz für die deutschen Unternehmen aus Asien - nicht nur in der Automobilindustrie.

Und sie ahnen: Dass in den nächsten Jahren ganze Wirtschaftszweige verschwinden werden (und damit auch ihr Job), weil die Digitalisierung auch in Deutschland fast jeden Winkel unserer Arbeitswelt durcheinander wirbeln wird. Einst sichere Jobs im produzierenden Gewerbe fallen weg. Selbst deutsche Traditions-Hightech-Produzenten wie Osram bauen ihre Fabriken lieber in Asien.

Vielleicht ahnen einige auch, dass die Wirtschaft aktuell auch deshalb gut läuft, weil sie von billigem Öl und niedrigen Zinsen profitiert - einer Art glücklichem Konjunkturprogramm, das jederzeit auslaufen kann.

In einer Zeit, in der es vielen Deutschen so gut geht wie noch nie, blicken daher immer mehr Menschen pessimistisch in die Zukunft.

Das Merkwürdige an der ganzen Sache ist: Diese Stimmung steht in einem krassen Missverhältnis zu der wirtschaftlichen Lage.

Noch nie gab es in Deutschland so viele Jobs wie heute. Immer mehr Unternehmen werden in den nächsten Jahren Probleme haben, frei werdende Stellen zu besetzen. Noch nie war es für junge Unternehmen in Deutschland so einfach, an Kapital zu kommen. Und noch nie gab es in Deutschland so viele Hochschulabsolventen.

Ein möglicher Grund für den Pessimismus sei, „dass Wohlstand eine Angst erzeugt, dass die Dinge wieder schlimmer werden könnten", schreiben die Meinungsforscher von YouGov.

Aber das ist nur der eine Grund.

Der andere ist: Deutschland hat die gemeinsame Idee der Zukunft verloren.

Liebe Frau Merkel, wir verwalten unser Erbe, anstatt zu überlegen, was wir einmal vererben wollen.

Wir müssen uns daher fragen, in was für einem Land wir in Zukunft leben wollen.

Wie wollen wir arbeiten? Wie soll unsere Wirtschaft aussehen? Und vor allem: Wie wollen wir mit den Menschen zusammenleben, die gerade in unser Land kommen?

Ein Land vielleicht, das stolz auf seine vielen jungen Unternehmen ist, die versuchen, die vernetzte Zukunft mitzugestalten. Ein Land, das Innovationen feiert, bevor es sie verurteilt. Ein weltoffenes Land, das leistungswillige Menschen aus aller Welt anzieht, die uns dabei helfen, unsere gemeinsame Vision Realität werden zu lassen.

Ein Land, das sich wieder stärker um gleiche Chancen kümmert - und Menschen, die sich abgehängt fühlen, wieder stärker mitnimmt; ein Land aber auch, das keine Energie mit allzu viel Gleichmacherei verschwendet.

Ein Land, in dem Menschen bereit sind, Risiken einzugehen. Sowohl persönlich, beruflich wie auch familiär: Kinder etwa sind ein solches Risiko. Menschen, die pessimistisch in die Zukunft blicken, bekommen tendenziell weniger Kinder. Daher müssen wir auch ein Land sein, das Menschen auffängt, die nicht mehr allein stehen können.

Frau Merkel, in den vergangenen Jahren haben Sie sich darauf konzentriert, Deutschland vor Katastrophen zu bewahren. Wir haben immer wieder definiert, was wir NICHT sein wollen.

Doch die größte Katastrophe haben Sie dabei übersehen: Dass wir keine gemeinsame Idee der Zukunft haben.

Es wäre an der Zeit genau jetzt damit zu beginnen.

10 Jahre Merkel


Klöckner zu 10 Jahre Merkel: "Merkel war nicht laut, aber effektiv"


Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter
blog@huffingtonpost.de
.

Hier geht es zurück zur Startseite