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Die "FAZ" schreibt über die Zukunft - und macht sich dabei ziemlich lächerlich

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FAZ
Tobias Schwarz / Reuters
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Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat Angst vor der Zukunft. Nicht nur vor der Zukunft mit einer Ehe für alle, gegen die "FAZ"-Autoren seit Wochen wacker anschreiben.

Sondern vor der Zukunft ganz allgemein.

Zu lesen erst gestern wieder in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Dort stellte eine Autorin fest, die FDP konzentriere sich seit Jahren auf das Thema Zukunft. Und das findet die "FAS" ziemlich lächerlich. So lächerlich, dass die Zeitung fast eine Seite dafür freiräumt.

Das merkwürdige Verhältnis der Deutschen zur Zukunft

Die "FAS"-Diagnose: Die FDP befinde sich in einem "hysterischen Zustand", weil sie Fortschritt so verehre, "wie junge Mädchen Bibi verehren".

Mir geht es hier nicht so sehr um die FDP. Die Partei ist 2013 zu Recht aus dem Bundestag geflogen. Sie hat schon öfter viel versprochen und nicht geliefert. Und das jüngste Werbevideo von Christian Lindner ist eher in die Kategorie "bemüht fortschrittlich" einzuordnen.

Mir geht es um etwas anderes: Wir Deutschen haben ein merkwürdiges Verhältnis zur Zukunft entwickelt - und der "FAS"-Text bringt diese Stimmung auf den Punkt.

Die deutsche Mittelschicht merkelt sich lieber passiv durch die Gegenwart - als den Blick nach vorn zu richten.

Vielleicht ist das nur logisch. Wir leben in einer Gesellschaft, in der eine wachsende Zahl von Menschen den aufregendsten Teil ihres Lebens hinter sich hat. Für sie ist Zukunft nicht mehr Verheißung - sondern Bedrohung. Das ist tragisch. Es bedeutet Stillstand. Betreutes Wohnen.

Auch die "FAS" begegnet dem Thema Zukunft mit ebenjener Abneigung.

Keine Antworten auf drängende Fragen

Mit Zukunft sei bei der FDP nicht einfach nur "die Zeit gemeint, die noch vor uns liegt", bemerkt die Autorin irritiert.

Die "FAS" hingegen versteht Zukunft als etwas Gottgegebenes, dem wir ausgeliefert sind. Menschen dagegen, die ihre Zukunft gestalten wollen, sind Spinner.

Für die "FAS" sind "Zukunft" und "Fortschritt" nur Worthülsen, weil ja ohnehin alles Zukunft sei: "Es gibt schlicht kein politisches Vorhaben, das nicht auf die Zukunft zielen würde, egal, ob Freihandelsabkommen, schwarze Null, Mindestlohn oder Umgehungsstraße für Marktoberdorf-Bertoldshofen".

Das ist Merkel-Logik: Aus Gegenwart wird irgendwann Zukunft, man muss nur lange genug warten.

Die Union macht das Bewahren der Gegenwart sogar zur Kampagne: "Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben", verspricht Merkel: für ein Land, wie es heute ist.

Genauso ticken auch weite Teile der deutschen Mittelschicht. Sie haben eine regelrechte Abscheu dagegen, sich mit einem gemeinsamen Bild der Zukunft zu beschäftigen. Insofern passen "FAS" und "FAZ" in unser Land und zu unserer Bundesregierung.

Merkel verhält sich seit jeher wie die Ingenieurin eines Schiffsmotors. Wenn die Funken sprühen, verspricht sie, das Ding am Laufen zu halten.

Doch sie versucht nicht einmal, den Eindruck zu erwecken, dass sie eine Antwort darauf hat, was das Schiff antreibt, wenn der Motor für immer stehen bleibt.

Die Zukunft ist digital

Dabei gäbe es drängende Fragen genug: Was für ein Land wollen wir in den nächsten Jahrzehnten sein? Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben? Wie sollen unsere Städte aussehen? Unsere Sozialsysteme? Und in welchen Feldern soll unsere Wirtschaft in den nächsten Jahrzehnten stark sein?

Mehr zum Thema: Angela Merkel verschläft Deutschlands Zukunft

Gerade ein bürgerliches Medium wie die "FAS" sollte versuchen, hier eine Haltung zu entwickeln und Zukunftsbilder ernsthaft zu analysieren. Stattdessen macht man sich lieber darüber lustig.

Am meisten hadert die "FAS" aber mit der Digitalisierung: "Lindner ist es auch, der das Smartphone zum Kultobjekt der Fortschrittsverehrung erkoren hat", findet die "FAS". "Er selbst zeigt sich mit Smartphone auf Werbebildern, mal im Anzug, dann wieder im Unterhemd. So, als wäre es nicht selbstverständlich, dass heute jeder Politiker regelmäßig auf sein Telefon schaut."

Gott sei Dank schauen viele Politiker mittlerweile auf ihr Smartphone. Es hat ja auch lange genug gedauert.

Nur die wenigsten von ihnen begreifen bislang jedoch, wie sehr das mobile Internet unser Land in den nächsten Jahren verändern wird. Auch das wäre mal ein Thema für die "FAS".

Und nebenbei bemerkt nutzen nur wenige Parteien soziale Medien so erfolgreich wie die FDP. Auch hier geht vieles besser. Aber die anderen benehmen sich im Netz immer noch so, als hätte gerade das Jahr 2009 begonnen.

Schließlich stellt die "FAS" lakonisch fest. "Eigentlich ist die Zukunft, von der die FDP spricht, digital."

Hell, yes! Was denn sonst?

Wer die Chancen der Zukunft nicht erkennt, bleibt in der Gegenwart stecken

Große Teile des Geschäftsmodells der deutschen Wirtschaft geraten durch die Digitalisierung in Gefahr, Großkonzerne werden wanken und Hunderttausende Jobs werden sich mindestens verändern, im schlimmsten Fall verschwinden.

Aber die "FAS" macht sich darüber lustig.

Und kommt mit der ewig alten Leier: "Deutschland hat im vergangenen Jahr europaweit die meisten Patente angemeldet."

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Doch was sagen Patente am Ende aus? Oft sind es eher kleine Veränderungen bestehender Produkte, die vielleicht in wenigen Jahren schon überflüssig werden. Die vielen Patente auf Teile in unseren Verbrennungsmotoren zum Beispiel - wer würde (außer der "FAS") darauf wetten, dass die in 25 Jahren noch etwas wert sind?

"Mancher Bürger fragt sich vielleicht, was es mit dem Silicon-Gerede auf sich hat", schreibt die Autorin. Was natürlich heißt: Die "FAS" fragt sich, was das "Gerede" soll.

"Die Zukunft ist auch der Unsinn, den man lässt", findet die "FAS".

Das mag sein. Aber wer die Chancen der Zukunft nicht erkennt, bleibt in der Gegenwart stecken - während die Zukunft anderswo entsteht.

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