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Diese Krise wäre Grund für einen Aufstand - und keiner will sie wahrhaben

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tyannar81 via Getty Images
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Vielleicht ist das Problem einfach zu groß. Zu weit weg. Und damit zu abstrakt, um das ganze Ausmaß verstehen zu können.

Zugegeben: Ich hatte auch keine Lust, über das Ende meines Berufslebens nachzudenken, als ich meinen ersten Job antrat. Es waren ja noch 40 Jahre hin. Wieso also sollte ich mich jetzt um meine Rente kümmern?

Das wird schon irgendwie. Zur Not halt mit etwas weniger Geld.

Viele denken so. Fast drei Viertel der 18- bis 34-Jährigen gehen davon aus, dass sie von ihrer gesetzlichen Rente „überhaupt nicht" oder „eher nicht" gut werden leben können, ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Infratest für die IG Metall.

Aber: Nur gut ein Drittel der Jüngeren spart regelmäßig für das Alter - Tendenz eher sinkend.

Rente? Bleib mir weg damit.

Doch die Haltung ist ein Fehler. Weil sich von den Jungen kaum jemand für das Thema interessiert, können CDU, SPD und Gewerkschaften die folgenden Generationen ausplündern.

Die Mütterrente und die Rente mit 63 etwa waren solche Maßnahmen.

Und kaum einen regt es auf. Dabei werden wir es in einigen Jahrzehnten alle spüren.

Die Generation, die viele gerade mit einem Y charakterisieren, die kreativ, selbstbewusst, optimistisch und weltoffen in das Berufsleben einsteigt, wird am Ende die Generation A sein - die Generation Altersarmut.

Bislang spüren wir das noch nicht. Noch nie ging es Rentnern besser als heute.

Doch das wird sich ändern. Wir alle werden in einigen Jahrzehnten Menschen im Bekanntenkreis haben, die sich nach 40 Jahren Arbeit kaum noch ihre Wohnung leisten können - wenn wir nicht selbst dazu gehören.

Langsam, aber unaufhaltsam wird In den nächsten Jahren das Thema Altersarmut in unseren Alltag vordringen.

Schwer vorstellbar. Aber Freunde werden um einen Teller Suppe bitten müssen, weil sie ihn sich selbst nicht mehr leisten können.

Schuld ist die Politik der vergangenen Jahre. Um mehr Stimmen zu sammeln, kümmert sich die Regierung vor allem um die aktuelle Rentner-Generation. Kein Wunder, sie stellen eine immer größere Wählergruppe. Die Mütter-Rente und die Rente mit 63 sind Maßnahmen, die wir uns nur leisten können, weil die Rentenkasse gut gefüllt ist.

Noch. Dieses Polster wird uns später fehlen. Das bestreitet heute schon fast niemand.

Das liegt an der Konstruktion unseres Rentensystems. Hier spart nicht jeder individuell ein Vermögen an. Stattdessen finanzieren die Arbeitnehmer von heute die Rente. Experten nennen dieses Prinzip "Umlageverfahren".

2012 kamen drei Arbeitnehmer zwischen 20 und 64 Jahren auf einen Ruheständler, hat die OECD in Deutschland 2012 gezählt. 2050 sollen nur noch 1,5 Arbeitnehmer einen Rentner finanzieren.

Jeder Achtklässler kann sich ausrechnen, dass das nicht funktionieren wird. Denn den Rentenbeitrag kann man nicht beliebig anheben. Nur ist bislang kaum jemand so ehrlich, das auch zu sagen.

Es wäre also Zeit für einen Aufstand der Jüngeren.

Die Rente ist sicher: Kann sein. Die Frage ist: In welcher Höhe?

Doch die Frage stellen viele gar nicht erst. Sie sparen ihr Geld für Möbel, für Reisen. Aber nicht für später. "Die Generation Y zweifelt immer mehr an der privaten Vorsorge", sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann.

Man könnte auch sagen: Sie verschließt die Augen vor dem vielleicht größten Problem ihrer Generation.

Es ist ein bisschen wie mit der Zahnreinigung. Man weiß, dass die Zähne schneller ausfallen, wenn man sie schleifen lässt. Dennoch kümmert man sich nicht darum. Weil es noch so lange dauert, bis das absehbare Unglück eintritt.

Gleichzeitig finden Vertreter von Union und SPD, die Riester-Rente sei gescheitert,. Die Zinsen seien ohnehin zu niedrig zum Sparen.

Doch so einfach ist das nicht. Jeder könnte sein Geld beispielsweise selbst in Aktienfonds anlegen.

Doch das tun die Wenigsten.

Auch, weil vielen Deutschen schlicht die finanzielle Bildung fehlt. Viele machen sich einerseits den Zusammenhang zwischen unserem Rentensystem und dem demografischen Wandel nicht klar.

Und sie misstrauen andererseits den einfachsten Anlageinstrumenten. Aktien zum Beispiel werden von vielen ein bisschen gesehen wie Mathe: Man weiß irgendwie, dass es wichtig ist, es ist aber auch schick, sich nicht damit auszukennen.

Dabei würden schon 50 bis 100 Euro monatlich in einem Aktienfonds mit Zinsen von rund sechs Prozent (wie sie an Aktienmärkten durchaus üblich sind) nach 40 Jahren knapp 100.000 bis 120.000 Euro bringen.

Zwei Drittel der Jüngeren würden laut der Infratest-Umfrage eher eine politische Initiative begrüßen, wie etwa automatische Sparregelungen. Eine staatliche Spar-Pflicht sozusagen.

Das Problem dabei: Weil die Interessen der Jüngeren erst in vielen Jahren aktuell werden, werden sie kaum zur Basis für aktuelle politische Entscheidungen.

Die staatliche Initiative kann also genau das Gegenteil bewirken: dass erneut die Interessen der ohnehin schon recht wohlhabenden Rentner-Generation im Mittelpunkt stehen.

Wenn also der Aufstand ausbleibt, bleibt nur noch: die Eigeninitiative.

Ich habe irgendwann angefangen, mit kleinen Beträgen in Aktienfonds zu investieren - auch in Zeiten, in denen das Geld knapp war. Die Werte schwanken, keine Frage. Aber in einigen Jahren gleicht sich das immer aus.

Klingt unbequem? Mag sein. Aber es ist der einzige Weg.

Warum ich angefangen habe? Weil ein Freund von mir beinahe Unterhalt für seinen Vater hätte zahlen müssen. Der Vater war jahrelang selbstständig und hat sich nie um seine Altersvorsorge gekümmert. Plötzlich war er Pflegefall. Bevor aber das Sozialamt hilft, wird das Einkommen der Kinder für den Unterhalt herangezogen - selbst wenn die keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern hatten.

In so eine Situation sollen meine Kinder nie kommen.

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