BLOG

Brennende Asylheime, rechter Mob, Hassposts: Warum sich Deutschland diesen Sommer radikal verändern wird

31/08/2015 20:26 CEST | Aktualisiert 31/08/2016 11:12 CEST
Getty

Es ist nicht lange her, da schaute die Welt mit Bewunderung auf unser Land. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wirkte Deutschland wie eine fröhliche Studenten-WG; ein Ort, an dem Fremde Willkommen sind, wo jeder ausgelassen feiern kann.

In den Jahren darauf wurde Deutschland sogar zu einem Vorbild. Während unsere europäischen Nachbarn in die Rezession rutschten, entstanden bei uns Jobs. Junge Menschen aus der ganzen Welt kamen, weil sie bei uns eine bessere Zukunft sahen.

Dann kam der Sommer 2015.

Auf einmal fliegen Molotowcocktails in Asylbewerberunterkünfte. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres hat es in Deutschland rund 200 Attacken auf Flüchtlingsunterkünfte gegeben. Allein im Juli und August zählte das Bundeskriminalamt 131 solcher rechtsextremistischen Angriffe.

Nazi-Beschimpfungen gegen die Kanzlerin

Dazu kommen immer mehr kleine Schubsereien, Pöbeleien gegen Fremde in U-Bahnen, und in einem besonders krassen Fall Nazis, die in aller Öffentlichkeit auf Kinder einer Flüchtlingsfamilie urinieren.

Zu Hunderten demonstrieren sie vor Asylbewerberunterkünften wie im sächsischen Heidenau und brüllen in Sprechchören sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel, als sie eine solche Unterkunft besucht, "Volksverräter" entgegen, einen besonders üblen Begriff der Nazi-Propaganda.

Es ist erschütternd, dass so etwas in Deutschland möglich ist. Denn es hat so gar nichts mit dem Land zu tun, das viele von uns jeden Tag erleben. Es hat wenig zu tun mit dem Lebensgefühl weltoffener deutscher Großstädte wie Hamburg, Berlin, Köln und München.

Dieser offene, immer lautere Fremdenhass, ist vor allem ein Phänomen der kleineren Städte - von Orten mit hoher Arbeitslosigkeit, wenig Perspektiven und einem gefährlichen rechten Milieu, wo diejenigen, die Brandanschläge verüben, von den anderen gedeckt werden. Einen der Anschläge soll ein Feuerwehrmann begangen haben. Wenig später half er beim Löschen.

National befreite Dörfer

Jahrelang haben Medien und Politik übersehen und unterschätzt, wie mächtig rechte Bewegungen in Teilen Deutschlands geworden sind. Sie haben übersehen, dass kleine Orte in ostdeutschen Bundesländern "gesellschaftlich fast vollständig von Rechtsextremen beherrscht" werden: mit Wandmalereien im NS-Stil, Hinweisen auf Hitlers Geburtsort - und einem von Rechten geschürten Klima der Angst. In solchen Orten herrscht schon seit Jahren eine rechte Leitkultur - vom Gymnasium bis zur Schreinerwerkstatt.

Doch auch im Süden und Westen Deutschlands verüben Ausländerhasser Anschläge auf Unterkünfte für Asylbewerber. Die Radikalisierung in Teilen der deutschen Gesellschaft ist also kein rein ostdeutsches Phänomen. Der deutsche Verfassungsschutz sieht sogar schon die Gefahr eines neuen, rechten Terrorismus.

Manchmal möchte ich einfach nur aus diesem Albtraum aufwachen. Ist das wirklich das Land, in dem ich mein Kind großziehen möchte? Es ist nämlich ein Land, das ich bislang nicht kannte. Meine Frau ist britische Inderin. Sie kam hierher und wurde von allen herzlich aufgenommen - wie viele Tausend Zuwanderer mit ihr. Dieses andere, hässliche Deutschland gab es in unserem Leben bislang nicht.

Den "besorgten Bürgern" geht es um sich selbst

Nun hat eine kleine, unzufriedene Gruppe ein breites, gesellschaftliches Einverständnis gekündigt: Dass Deutschland, als eines der reichsten Länder der Welt, Menschen in Not helfen muss.

40 Prozent aller Flüchtlinge, die in der EU ankommen, kommen nach Deutschland. Nach aktuellen Schätzungen der Bundesregierung werden es dieses Jahr rund 800.000 Menschen sein. Das sind so viele, wie in Frankfurt am Main leben. Viele Deutsche haben Angst davor.

Darüber müssen wir reden, klar.

Aber vielen von diesen "besorgten Bürgern", wie sie sich nennen, geht es nicht in erster Linie um Flüchtlinge. Es geht ihnen um sich selbst. Sie haben Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg, Angst davor, dass es im Alter finanziell nicht reicht. Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird.

Blüte fremdenfeindlicher Propaganda

Und nun haben sie endlich eine vermeintliche Begründung für ihre Angst gefunden: Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, um ihnen die letzten paar Euro Sozialhilfe zu nehmen.

Diese Angst nutzen Hassprediger und rechtsradikale Parteien, die jahrelang wenig beachtet wurden. Nun haben sie ihr Publikum gefunden. Über das Internet stacheln sie die verängstigte Menge auf: Sie verbreiten gefälschte Zeitungsartikel über Flüchtlinge, die angeblich wie eine hungrige Meute über deutsche Schulmädchen herfallen, um anschließend unsere Sozialsysteme auszubeuten.

Politiker und Presse lügen, sagen diese Hassprediger und bauen sich ihre eigene Realität. Der kranken Logik dieser Menschen folgend gibt es eine Art „Volkswillen", der Gewalt gegen ausländische Mitbürger rechtfertigt.

Wir erleben daher nicht nur eine der schlimmsten Wellen von rechtsradikalem Terror seit dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch eine schaurige Blüte fremdenfeindlicher Propaganda.

Um es klar zu sagen: Diese Menschen sind in der Minderheit. In Deutschland gibt es auch - im Gegensatz zu Dänemark oder Schweden etwa - keine mächtige Anti-Asyl-Partei. Aber das kann sich ändern, wenn die gefährliche und laut brüllende Minderheit mächtiger wird, weil sich ihr niemand entgegenstellt.

"Gut, dass ihr hier seid."

Lange hat die Mehrheit der Deutschen die Entwicklung fassungslos beobachtet. Wie Kanzlerin Angela Merkel, die zu den Attacken auf Asylbewerber viel zu lange geschwiegen hat, haben viele gehofft, dass die Wut vorübergeht wie ein heftiges Gewitter. Doch das Gegenteil ist passiert. Das Schweigen der Mehrheit wirkte wie ein Brandbeschleuniger. Auf einmal fühlte sich die Minderheit in der Mehrheit.

Zu Wenige haben sich anfangs in dieser aufgeheizten Debatte zu Wort gemeldet. Die Huffington Post Deutschland gehörte zu den ersten Medien, die klar Stellung bezogen haben: In einer großen Aufmacher-Story sagten 200 Politiker, Schauspieler, Professoren, Studenten und Rentner vor einigen Wochen: "Liebe Flüchtlinge, herzlich Willkommen. Gut, dass ihr hier seid."

Boulevardzeitungen räumen mit Negativ-Mythen auf

Doch wer es wagt, sich positiv über Flüchtlinge zu äußern, lernt die hässliche Seite unseres Landes erst richtig kennen. Per E-Mail, Facebook oder Telefon prasselte es auf uns ein. Von "Drecksgesindel" war die Rede, von "Gaskammern", mit denen sich das Flüchtlingsproblem lösen ließe, und davon, dass Flüchtlinge nichts als "Gewalt und Krankheiten" nach Deutschland bringen.

Doch nun, endlich, entsteht eine Gegenbewegung.

Studenten, Schauspieler, Manager, Blogger und Politiker sammeln Kleiderspenden, engagieren sich bei der Verpflegung von Flüchtlingen und halten dem braunen Stumpfsinn in sozialen Medien Argumente entgegen.

Sie begreifen die Situation als das, was sie ist: Eine extreme Herausforderung für uns alle.

Selbst Boulevardzeitungen räumen mit Negativ-Mythen über Flüchtlinge auf. Vor einigen Jahren noch vergifteten einige von ihnen das Klima mit fragwürdigen "Wahrheiten" über Einwanderer.

Eine historische Herausforderung steht uns bevor

Aber das kann nur der Anfang sein. Als nächstes steht uns eine enorme Integrationsaufgabe bevor. Mittlerweile hat das auch Angela Merkel erkannt. Am Montag verglich sie in der Bundespressekonferenz die Integrationsarbeit der nächsten Jahre mit den Anstrengungen beim „Aufbau Ost" nach der Wiedervereinigung.

In den kommenden Monaten und Jahren müssen wir gleich zwei Minderheiten wieder in unser Land integrieren: Die Flüchtlinge, die dauerhaft bei uns bleiben auf der einen Seite und die "besorgten Bürger", der Vertreter der Angstgesellschaft, auf der anderen.

Wahrscheinlich wird es bei der zweiten Gruppe schwieriger.

Das ist eine historische Aufgabe. Die Art, wie wir sie bewältigen, wird darüber entscheiden, wohin sich unser Land bewegt. Letztlich geht es zum die Frage, ob Deutschland dieses fröhliche WM-Land bleiben kann, in dem viele von uns gerne leben wollen.

***

2015-08-06-1438870629-2559366-10000.png

200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not


Lesenswert:

Sechs Fakten: Das bringen Flüchtlinge Deutschland wirklich

Bewegendes Video verpasst Flüchtlingshassern einen Denkzettel

Hier geht es zurück zur Startseite

Gesponsert von Knappschaft