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Social-Media liegt tot auf der Tanzfläche

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Social-Media liegt tot auf der Tanzfläche. Wo es vorher noch im hippen Beinkleid beschwingt zu eigens komponierter Musik den Dancefloor des Marketings in den letzten Jahren quasi im Alleingang unterhielt, wurde es jetzt von der fürchterlichen Normalität im allgemeinen Kommunikationsuniversum untergebuttert. Es konnte noch kurz den ausgestreckten Daumen hochrecken, der kurz darauf sogar von Facebook selbst mittels Not-OP entfernt wurde ... böse Quetschung im Gedrängel.

Ist das wirklich so? Und noch wichtiger: Ist das schlimm? Ich versuche mal meine subjektiven Beobachtungen zusammenzufassen.

Frage 1: Ist das wirklich so?

Natürlich ist es nicht wirklich tot - das Social-Media Dingens, aber es ist zur Normalität geworden. Facebook, Twitter und Co sind einfach nur ein weiterer Kanal im großen Marketing-Glücksrad. So gut wie jedes Unternehmen, das die Zeichen der Zeit erkannt hat, nutzt die gängigsten Kanäle mit mehr oder weniger Erfolg. Alle haben erkannt, dass diese Kanäle Vorteile bieten, wenn man sie korrekt nutzt. Die Kunst besteht lediglich darin genau das zu tun und entsprechend zu interagieren. Hier ist die eine Agentur oder das andere Unternehmen schon weiter und sozusagen in der Feinjustierung, während manch anderer noch bei der Bedienungsanleitung im Themenbereich "Ein Like ist nicht das Nonplusultra" herumblättert. Facebook selbst, mag den Begriff "Social" selbst auch schon nicht mehr hören, wie Scott Woods (Facebooks Deutschland-Chef) im Interview gesteht.

Ich muss dazu sagen, dass ich mich inzwischen allerdings schon ein wenig schwer tue mit dem Begriff "Kanäle". Grund: Kanäle sind eher eine Erfindung von Vertriebs-Gurus und Werbe-Hanseln. Der Kunde/Verbraucher/Konsument oder wie immer man seine Zielgruppe in Normal-Sprech nennen möchte, denkt nicht in Kanälen. Marketing heißt: "Denken vom Markt her". Wenn sich also Vertrieb und Marketing aus ihrem Elfenbeinturm der Weisheit bewegen, dann stellen Sie fest, dass es eigentlich nur noch Touchpoints entlang der costumer journey gibt (YEAH!!! Werbe-Sprech!!!). Der mündige Käufer sucht und findet (hoffentlich) da, wo ihm danach ist. Aufgabe von uns Marketing-Fuzzis und Vertriebs-Assen ist es also herauszufinden, wo mein blendend aufbereiteter und grafisch herausragender Content denn am ehesten auf Interesse stoßen könnte. Mirko Lange hat das in einer ganz wunderbaren Grafik zusammengefasst:

talkabout

Und das, liebe Freunde des digitalen Zeitalters, bedeutet nichts anderes, als das sogar die ordinäre alte Zeitung, die Postwurfsendung, ein Rundfunker bei Radio Ostfriesland oder ein Einspieler während des Sexy-Sport-Clips seine Daseinsberechtigung hat, wenn diese denn als Touchpoints identifiziert werden konnten. Lernen müssen Marketing und Vertrieb also ihre thematischen Begrenzungen im Kopf und in der Unternehmensstruktur einzureissen und sich auf die Suche machen, wo IHRE Kunden unterwegs sind. Und Social-Media-Manager müssen genauso lernen, dass die Plattformen nicht reine Info- und CRM-Quellen sind, sondern auch (richtig eingesetzt) der schnöden,bösen, alten Werbung dienen müssen. Eine gute Marke sollte es also schaffen schlüssige und mit vergleichbaren Konditionen an den richtigen Orten aufzubereiten.

Ein Beispiel warum vergleichbare Konditionen wichtig sind: In der Hotelbranche gibt es ja inzwischen mehr Hotel-Buchungsportale als Hotels. Wer sich die Freude macht via Trivago mal ein x-beliebiges Angebot zu ermitteln stellt fest, dass ein und das gleiche Hotel bei 10 Anbietern einen anderen Preis aufweist. Teilweise offensichtlich, teilweise durch versteckte Kosten (zum Beispiel Frühstück inklusive oder eben nicht). Wie fühlt sich da der Kunde? Verarscht! Denn ihn beschleicht ja ständig das bescheidende Gefühl irgendwie über den Restauranttisch gezogen zu werden. Auf wen fällt dieses Gefühl zurück? Die Portale? Ne ne liebe Freunde: auf den Anbieter: Den Hotelier! Den Gast interessiert nämlich nicht mit welchen Methoden und Hintergründen die Verträge und Konditionen zustande gekommen sind. Beim Gast kommt nur an: Warum muss ich eigentlich das Gefühl haben zu viel zu zahlen. Habt ihr also toll gemacht, ihr Vertriebler und e-Commerce-Cracks! Denn Misstrauen ist das größte Gift, was man einer Marke injizieren kann. Positiv ist (und da ich ja nicht nur meckern will, sei das auch erwähnt), dass dieses Thema bei immer mehr Hoteliers angekommen ist - und immer mehr ein Auge darauf haben einheitlichere Preise raus zu geben. Den besten Preis sollte man aber immer noch als Hotel selbst rausgeben können. Dieses Vertrauen gilt es in diesem Beispiel also beim Gast aufzubauen.

Zurück zu Frage 2: Ist das schlimm?

Nö ... denn jeder Hype (wie in diesem Fall Social-Media), der eine gewisse kritische Masse übersteigt und eine gewisse Zeit überdauert, wird irgendwann zur Normalität. Social-Media ist einfach nur eine weitere Form, um sich mit Kunden und seinesgleichen auszutauschen. Brieffreundschaft 2.0, Klinkenputzer 3.0, Drückerkolonne 4.0. wären je nach Auslegungssache beschreibende Kontaktformen der Vergangenheit in die SoMe-Welt übertragen. ;-) Bei uns im Büro nutzen wir dieses Chart, um unsere Vorstellungen von Kommunikation zu beschreiben:

vondersee

Wie banal Social-Media inzwischen sein kann, zeigt die Social-Wall, die Bertelsmann ins Leben gerufen hat, erschreckend überdeutlich. (An dieser Stelle Danke an Steffie Bamberg, die dieses Fundstück ausgebuddelt hat.) ...

bertelsmann

Dort bietet sich ein erschreckendes Bild. Ungefiltert ballert alles auf den unschuldigen Betrachter ein, was im Bertelsmann-Universum so in die Social-Channels gepustet wird. Braucht man das? Ist das der große Wurf? Wem nutzt das etwas? Fragen, die man sich bei Bertelsmann offensichtlich nicht gestellt hat. Dahinter steckt keine Story, kein Mehrwert (außer vielleicht Google-Traffic) und auch kein Infotainment. Vielleicht hat Bertelsmann aber auch nur seine Monitoring-Wall für alle sichtbar machen wollen?

Fazit: Nichts, aber auch gar nichts, wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Es braucht nur manchmal länger, bis es auf genießbare Temperatur runtergekühlt ist. Dann muss es nur noch schmecken, oder eben nachgewürzt werden. Daran sollten all die Agenturen, Social-Medianer und Unternehmen (in welcher Konstellation auch immer) arbeiten.

esel

Ausblick: Das "next big thing" ... Wie sieht es aus? Was wird der nächste Trend-Esel, der durch das Konsumenten-Dorf gejagt wird, um dann schlussendlich zur Salami verarbeitet zu werden? Ich weiß es nicht. Wenn ich es wüsste würde ich 50 € investieren und hoffen, dass 5.000.000. € daraus werden und dann meinen bleichen Arsch in die Sonne hängen.

Hat jemand nen Tipp?

http://www.von-der-see.de

Bildrechte: Pixababy (Esel), Talk About/Mirko Lange, Screenshot Bertelsmann Cloud, Sebastian Freitag.