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Die Jugend ist besser als ihr Ruf

10/02/2016 12:55 CET | Aktualisiert 08/03/2017 11:12 CET
Stanislaw Pytel via Getty Images

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Die beiden Fragestellungen, warum sich junge Leute für Politik interessieren und in der Politik aktiv werden sollten, gehen ein wenig an der Lebenswirklichkeit vorbei.

Denn, das hat die letzte Shell-Jugendstudie gezeigt: „Die junge Generation befindet sich im Aufbruch. Sie ist anspruchsvoll, will mitgestalten und neue Horizonte erschließen", wie der Leiter der Studie, Mathias Albert von der Universität Bielefeld, bei der Präsentation der Ergebnisse erklärte. Und die sind in der Tat bemerkenswert.

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Ich darf an dieser Stelle drei Passagen aus der Veröffentlichung der Shell-Studie zitieren. Zunächst diese: „Im Vergleich zu den vorangegangenen Studien stellen die Autoren bei den Jugendlichen Anzeichen für einen Sinneswandel fest. Seit 2002 charakterisierte die Studie die Jugendlichen als ‚pragmatisch und unideologisch'.

2006 zeigte sich eine Kontinuität dieser Grundhaltung, jedoch mit steigender Unsicherheit, ob die Jungen und Mädchen ihr Leben tatsächlich so gestalten können, wie sie es sich wünschen. 2010 begannen die Druck- und Angstgefühle zu weichen.

Der Optimismus für die persönliche Zukunft wuchs. Und: statt wie in den Vorjahren vor allem auf das eigene Leben und das private Umfeld zu sehen, zeigten Jugendliche wieder wachsendes politisches Interesse und Bereitschaft zum politischen Engagement. Dieser Trend hat sich 2015 deutlich verstärkt."

Junge Menschen interessieren sich mehr für Politik als jemals zuvor

An anderer Stelle heißt es: „Jugendliche interessieren sich zunehmend für das Weltgeschehen, das ihnen allerdings auch Sorgen macht. Die gestiegene Terrorgefahr und der Konflikt in der Ukraine sind im Bewusstsein der Jugendlichen stark präsent.

Fürchteten sich 2010 nur 44 Prozent vor Krieg in Europa, ist die Zahl 2015 sprunghaft auf 62 Prozent angestiegen. Das sind etwas mehr als 2002, als die Kriege im früheren Jugoslawien nachwirkten. Drei Viertel haben Angst vor Terroranschlägen. Für Deutschland wünschen sich die Jugendlichen in der internationalen Politik eine wichtige, vermittelnde, aber keine militärisch eingreifende Rolle."

Und die Autoren stellen fest: „41 Prozent der Jugendlichen bezeichnen sich heute als politisch interessiert (2002: 30 Prozent). Damit einher geht die gestiegene Bereitschaft, sich politisch zu engagieren. Häufige Aktivitäten sind der Boykott von Waren aus politischen Gründen und das Unterzeichnen von Petitionen. Online-Petitionen sind beliebter als Unterschriftenlisten. Jeder Vierte hat bereits an einer Demonstration teilgenommen, und zehn Prozent engagieren sich in einer Bürgerinitiative.

Von dem wachsenden Politikinteresse können die etablierten Parteien jedoch nicht profitieren. Jugendliche bringen den Parteien wenig Vertrauen entgegen. Auch große Unternehmen, Kirchen und Banken genießen eher weniger Vertrauen. Am meisten vertrauen Jugendliche dagegen Polizei, Gerichten sowie Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen."

Weg von etablierten Parteien

Betrachtet man alle drei Aspekte, ergibt sich ein ganz klares Bild: Junge Menschen sind sehr wohl an Politik interessiert. Mehr noch, sie wollen an der Gestaltung der Zukunft, ihrer Zukunft mitwirken. Dass sie dies nicht in und über die etablierten Parteien tun wollen, muss zu denken geben.

Dies gilt vor allem deshalb, weil die Jugendorganisationen zu ihren jeweiligen Mutterparteien mehr oder weniger unabhängig sind und dennoch keine große Anziehungskraft auf ihre Klientel ausüben.

Hier liegt die eigentliche Herausforderung. Denn nach Artikel 21 des Grundgesetzes wirken die Parteien in Deutschland bei der politischen Willensbildung des Volkes mit und spielen damit in unserer repräsentativen Demokratie eine herausragende Rolle, zumal vor allem sie für die Rekrutierung von Personal für die Politik verantwortlich sind. Insofern hätte eine gänzliche Abwendung der Jugend von den Parteien fatale Auswirkungen auf unser demokratisches System.

Wir müssen junge Menschen überzeugen, dass Politik kein Selbstzweck ist

Aber was ist zu tun? Ganz sicher müssen sich die Verantwortlichen in allen Parteien gleichermaßen mit dieser Frage beschäftigen. Dabei wird es darum gehen, über die Parteistrukturen und -hierarchien nachzudenken, parteiinterne Wirkungsmechanismen zu hinterfragen, an der politischen Sprache zu arbeiten und mit nachhaltigen Inhalten verspieltes Vertrauen wieder zurückzugewinnen.

Dass dies insbesondere über altersgemäße Themen und Probleme erfolgen sollte, versteht sich ebenso von selbst wie, dass im Zeitalter der Mediengesellschaft moderne Kommunikationsmethoden zum Einsatz kommen.

Vor allem aber müssen die Verantwortlichen in den Parteien die jungen Menschen davon überzeugen, dass - entgegen einer weit verbreiteten Meinung - Politik kein Selbstzweck ist, sondern für die Menschen gemacht wird. Wenn dies gelingt, gelingt es auch wieder, mehr Jugendliche, überhaupt mehr Menschen dafür zu gewinnen, sich in den Parteien zu engagieren.

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