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Ihr rechten Islamhasser wollt mich umbringen? Ich lass mir von euch Brandstiftern nicht den Mund verbieten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
NAZI GERMANY
TOBIAS SCHWARZ via Getty Images
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Ihr selbsternannten Ankläger von Projekt "Nürnberg 2.0":

Ich bin kürzlich bei Recherchen über Eure Seite gestolpert. Seit einigen Jahren schon treibt Ihr im Netz Euer Unwesen: Ihr nennt euch "Netzwerk demokratischer Widerstand" und wollt offenbar ein "Volksverrätertribunal" gegen Menschen anstrengen, die Eure faschistoiden Ansichten nicht teilen.

Darunter sind Leute wie der Soziologe Christoph Butterwegge, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier oder der Journalist Heribert Prantl.

Man kennt diese Haltung ja noch von den Pegida-Demos, wo zeitweise mehr als zehntausend Menschen grölend durch die Dresdner Innenstadt gezogen sind und sich, besoffen am Gruppengefühl, für das "Volk" gehalten haben.

Auch dort haben die Teilnehmer ihren Hass-Fantasien gegen die Bundesregierung freien Lauf gelassen. Und auch dort gab es Forderungen nach "Tribunalen".

Nach der "Machtergreifung 2.0" wird es ernst

Nun, nach eurer "Machtergreifung 2.0" wollt Ihr neuerdings auch mich vor ein Gericht stellen.

Meine "Akte" wurde offenbar im März diesen Jahres online gestellt und zeigt neben einem reichlich derangierten Profilbild (ein Screenshot, den Ihr illegal aus einem Online-Video entnommen habt) eine Liste mit möglichen Anklagepunkten.

Ich soll mich angeblich der "Lobbyarbeit für eine fremde Macht", der "Verhöhnung von Opfern islamischer Verbrechen" und der "Verharmlosung einer faschistischen Ideologie" (gemeint ist wohl der Islam) schuldig gemacht haben.

Als Beweise verlinkt Ihr Texte von mir aus den Jahren 2014 bis 2016, in denen ich vor einer neuen rechten Gewaltwelle gewarnt, islamfeindliche Kampagnen verurteilt und die Verlogenheit rechtsradikaler Empörungsrituale angeprangert habe.

Was habt Ihr wohl als Strafe für mich vorgesehen? Bin ich ein kleiner Fisch, der mit ein paar Jahren Knast davonkommt?

Oder wollt Ihr mich hängen sehen, so wie einst Joachim von Ribbentrop?

Angesichts eurer offensichtlichen Unfähigkeit, den Rahmen eines möglichen Tribunals zu definieren, gehe ich mal von letzterer Variante aus.

Ihr wollt mir ja schließlich drohen, und bei Drohungen macht man keine halben Sachen.

Die Rechten halten sich für verfolgt

Wer Ihr seid? Das erwähnt Ihr an keiner Stelle eurer Prangerseite. Es gibt jedoch einige Gründe anzunehmen, dass die Spur zur rechtsextremen Partei "Die Freiheit" und zum Islamhasser Michael Mannheimer führen könnte.

Aber zurück zu dem, was mir nach eurer Machtergreifung blühen soll. Bei dem Gedanken an die Schlinge, die Ihr um meinen Hals legen wollt, kommen mir zwei Gedanken.

Erstens: Wie groß muss eurer Minderwertigkeitskomplex sein, dass Ihr euch nicht mehr anders zu helfen wisst, als Andersdenkenden mit einem Tribunal zu drohen?

Das Problem ist ja nicht neu: Radikale Rechte sehen sich selbst schon seit Jahrzehnten als verfolgte Unschuld. Die "linken Meinungsmacher" haben es dieser Sichtweise folgend ja angeblich schon den Republikanern, der NPD und schließlich der AfD unmöglich gemacht, die nötigen Wahrheiten auszusprechen, um das deutsche Volk zu erretten.

Das leidenschaftliche Herbeifiebern der Apokalypse

Überall Feinde. Überall Missgunst. Überall der böse Wille, dieses Land in den erdachten Abgrund zu führen.

Ihr Rechten entwickelt regelmäßig eine kaum zu unterschätzende Leidenschaft, wenn es um das Herbeifiebern der Apokalypse geht.

Erinnert Ihr euch noch an die Euro-Krise, als die "korrupten Eliten" angeblich den wirtschaftlichen Untergang Deutschlands herbeiführen wollten?

Oder an die Flüchtlingsdebatte, als Euresgleichen von der "Umvolkung" der Deutschen schwadronierten und die Parole ausgaben, dass die staatliche Ordnung in der Bundesrepublik Deutschland binnen Monaten zusammenbrechen würde?

Was soll ich sagen: Der Weltuntergang ist bisher ausgeblieben. Diese Lust an der Endzeit habt Ihr übrigens mit der radikalen Linken gemein.

Die dachte ja auch im Frühjahr 2014, dass die blutrünstige Nato die Völker des Westens in einen Vernichtungskrieg gegen Russland führen wollte.

Einen Krieg gab es dann ja tatsächlich, nur dass ihn der angeblich so bedrohte und eingeengte Wladimir Putin höchststelbst angezettelt hat. In der Ostukraine starben bis heute mehr als 10.000 Menschen.

Zweitens: Die neue Rechte ist mit der Flüchtlingsdebatte keineswegs verschwunden. Sie hat nun zwar kein Thema mehr, mit dem es sich in der Öffentlichkeit so vortrefflich hetzen lässt.

Die Massen kann sie derzeit nicht mobilisieren, und doch treibt sie weiterhin ihr Unwesen in diesem Land. Vielleicht hoffen die Rechtsextremisten auf eine neue Chance im Kampf gegen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Lassen wir ihnen keinen Zentimeter Spielraum.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

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(sma)