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Ich habe als erster in der Familie studiert und bin wütend über die Chancenungleichheit an deutschen Unis

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Es gibt ein Gefühl, dass mich mein ganzes Erwachsenenleben begleitet hat. Trotz Abitur, trotz Begabtenstipendium, trotz Uni-Diplom. Was, wenn alles nur Zufall war? Oder übertrieben viel Glück? Und: Bewegst du dich womöglich in einer Welt, in der du eigentlich nichts verloren hast?

Ich bin der erste in meiner Familie, der an einer Uni studiert hat. Meine Eltern haben beide klassische Arbeiterberufe erlernt und sich später mit einem kleinen Betrieb selbstständig gemacht. Meine Geschwister haben beide die Mittlere Reife.

Dass ich selbst Abitur gemacht habe, war nicht selbstverständlich: In der achten Klasse wäre ich fast sitzen geblieben. Das lag vor allem am Fach Französisch, mit dem mir niemand in meiner Familie und meinem näheren Umfeld helfen konnte. Ich habe mich geschämt, dass ich mit den Akademikerkindern in meiner Klasse nicht mithalten konnte. Und weil wir 32 Schüler in unserer Klasse waren, gab es auch keine individuelle Förderung von Seiten der Lehrer.

Bis heute habe ich Probleme dabei, Fremdsprachen zu erlernen, weil ich mich nicht traue, in aller Öffentlichkeit beim Sprechen Fehler zu machen. Ich bewundere die Leichtigkeit, die andere dabei empfinden. Sie ist mir völlig fremd.

Einige Kommilitonen machten sich über meine Kleidung lustig

Ich erinnere mich auch noch an die ersten Wochen an der Uni in München, 550 Kilometer von meinem nordhessischen Heimatort entfernt. Fast meine gesamten Ersparnisse waren für die Wohnungssuche, drei Monatsmieten Kaution, für den Umzug und die ersten Möbel draufgegangen.

Es war im Herbst 2001: Mein Bafög-Antrag war noch nicht bewilligt: Es dauerte Monate, bis das erste Mal Geld vom Amt bekam. Wie ich in der Zeit mein Leben finanzieren sollte, interessierte beim Studentenwerk niemanden.

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Während ich mir mit einem Fremdwörterbuch Begriffe wie "normativ" zu erschließen versuchte und zu begreifen begann, was ein "Seminar" ist und was eine Uni überhaupt so tut, machten sich einige meiner Kommilitonen hinter meinem Rücken über meine Kleidung lustig. Hosen und Pullover hatte ich bei einem Second-Hand-Laden gekauft. Für mehr reichte mein Geld nicht. Es war während einer Vorlesungspause. Ich höre das Gekicher noch heute.

Ihre Witze waren eine besonders hinterhältige Art mir zu zeigen, dass ich ihrer Meinung nach eigentlich nicht dazu gehörte. Und doch trafen sie damit den Grundzweifel, den ich schon damals mit mir herumtrug - und gerade zu einem Zeitpunkt, als ich mich unter ihresgleichen zurechtzufinden versuchte.

Die Studiengebühren rissen ein Loch in meine Kasse

Und dann war da die Einführung der Studiengebühren in Bayern im Jahr 2007. Sie trafen mich direkt vor meinem Prüfungssemester: Plötzlich sollte ich für Studiengebühren und Semesterbeitrag knappe 600 Euro zahlen. Finanziell war für mich das Studium in München ohnehin immer ein Balanceakt. Die Stadt war damals schon so unglaublich teuer, dass mein komplettes Vollstipendium, dass ich seit dem dritten Semester hatte, gerade so für Miete, Telefon und Internet reichte.

Die Studiengebühren rissen ein Loch in meine Kasse, das gut zwei Monate lang bestand. Zum ersten Mal in meinem Leben reizte ich den Dispo meines Girokontos bis zum Anschlag aus. Zwei Wochen lang ernährte ich mich von Nudeln und Aldi-Keksen. Danach gelang es mir, durch Extraarbeit wieder etwas Boden unter den Füßen zu bekommen.

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Und währenddessen machten die Bürgerkinder von RCDS auf dem Hof vor der Mensa an der Münchner Giselastraße Werbung für die neuen Studiengebühren: Was nichts kostet, das sei auch nichts wert - wer Gebühren zahle, kümmere sich auch zielstrebiger um seinen Studienerfolg. Dass die Dinge bei mir genau anders herum lagen, wollten sie nicht verstehen.

Es gibt so viel Ungerechtigkeit im Bereich Bildung in Deutschland

Glaubt man der Kanzlerin, ist dieses Deutschland ein Ort, an dem man "gut und gerne leben" kann. Doch nichts ist gut in einem Land, das jedes Jahr aufs Neue so viel Ungerechtigkeit im Bereich Bildung produziert wie die Bundesrepublik.

Es gibt eine Zahl, die mich besonders wütend macht. Von 100 Arbeiterkindern schaffen nur 23 den Sprung ins Studium (Stand 2012). Das ist lächerlich wenig, gerade wenn man bedenkt, wie wichtig heute Bildung geworden ist. Mein Großvater war ungelernter Bauarbeiter und verdiente ordentliches Geld. Heute wäre er ohne Berufsausbildung und ohne höheren Schulabschluss womöglich latent armutsgefährdet.

In einer Gesellschaft, in der mittlerweile zwei von fünf Kindern Abitur machen, ist das Studium für eine spätere Karriere zur Bedingung geworden. Ganze Berufsgruppen, die früher auch Nicht-Graduierten offen standen, sind heute durch-akademisiert. Das beste Beispiel ist der Journalismus. Egon Erwin Kisch, Hanns Joachim Friedrichs oder Gerd Ruge: Sie alle hätten es heute schwer, den Sprung in eine Redaktion zu schaffen, weil die Voraussetzung dafür meist ein abgeschlossenes Studium ist.

Von 100 Akademikerkindern schaffen dagegen 77 den Sprung an die Uni. Drei von vier.

Es gibt ja noch nicht einmal ein Bewusstsein für das Problem

Und die Ungerechtigkeit setzt sich im weiteren Bildungsleben noch fort. Die "Zeit" hat dafür aktuelle Zahlen des Hochschul-Bildungs-Reports verwendet. Während Akademikerkinder viermal so häufig den Sprung an die Uni schaffen wie Arbeiterkinder, machen sie fünfeinhalb mal häufiger einen Masterabschluss und promovieren zehnmal häufiger im Vergleich zu Arbeiterkindern.

Die Gründe für diese Schieflage sind vielfältig. Einerseits fehlt es an finanzieller und ideeller Förderung für Kinder aus bildungsfernen Familien. Wie auch? Es gibt ja noch nicht einmal wirklich ein Bewusstsein für das Problem. Andererseits passiert es auch häufig, dass Arbeiterfamilien sich selbst ausbremsen. Etwa, wenn dem Kind beim Auftreten erster Schulschwierigkeiten nahe gelegt wird, doch besser auf eine Berufsausbildung hinzuarbeiten. "Ist ja was Solides, und damit kann man auch früh Geld verdienen."

Und dann sind da noch gesellschaftliche Probleme: Wie soll Förderung von Arbeiterkindern in einer Gesellschaft möglich werden, deren Mittelschicht immer kräftiger nach unten austritt, weil die Panik vor dem eigenen Abstieg so groß geworden ist?

Privatunis versprechen Gleiche unter Gleichen

Ein Beispiel: Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Studien, die belegen, dass ein gemeinsamer Unterricht bis zur zehnten Klasse oder gar bis zum Abitur jene fördern würde, die von Haus aus weniger gute Voraussetzungen haben. In Deutschland dagegen halten immer noch viele Eltern am dreigliedrigen Schulsystem fest. Das Gymnasium bedeutet Prestige und Disktinktionsgewinn gegenüber jenen, deren Kinder es nicht geschafft haben.

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Ein weiteres Beispiel sind die in Deutschland zuletzt sehr erfolgreichen Privatunis. Gegen zum Teil horrende Studiengebühren kann man sich dort das Versprechen erkaufen, "erstklassige Bildung" genießen zu dürfen. Das trifft zwar nicht immer zu, und doch treffen an den Privatunis Gleiche auf Gleiche, in dem Bewusstsein, Teil von etwas Besonderem zu sein. Jene, die sich den Spaß nicht leisten können, oder sich nicht trauen, einen Kredit aufzunehmen, bleiben außen vor.

Ich selbst schreibe derzeit an meiner Masterarbeit im Fach Zukunftsforschung an der Freien Universität Berlin. Ich habe zwar schon ein Diplom, aber acht Jahre nach meinem ersten Abschluss hatte ich mich noch einmal entscheiden, zurück an die Uni zu gehen.

Zum größten Teil aus Neugierde, ich wollte noch einmal etwas lernen. Aber natürlich ging es nebenbei auch um noch etwas anderes: Mir selbst zu beweisen, dass eben nicht alles einfach nur Glück war.

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Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace.