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Liebe Burka-Gegner: Warum Eure Debatte brandgefährlich ist

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BURKA
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Liebe Burka-Gegner!

Der Hass auf Muslime in Deutschland, der sich gerade durch Teile der hiesigen Bevölkerung frisst, ist ein ernstes Thema. Er vergiftet Debatten, hetzt Tausende Deutsche zu den Pegida-Demos auf die Straße und wird den Rechtspopulisten der AfD bei der nächsten Bundestagswahl voraussichtlich als Mobilisierungsthema Nummer eins dienen.

Man spielt mit diesem politischen Brandbeschleuniger nicht herum. Man zündelt nicht gegen Minderheiten, denn das wirkt sich äußerst gefährlich auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt in diesem Land aus.

Doch genau das passiert gerade in Deutschland. Es gibt eine Debatte über ein Burka-Verbot. Und es ist beängstigend, wer das Thema Vollverschleierung aus der Mottenkiste zerrt. Die "Bild" ist dabei am wenigsten überraschend - auch die ansonsten der politischen Vernunft verpflichtete "Süddeutsche Zeitung" spricht sich für ein Verbot der Burka aus.

Eric Markuse schreibt zu einem Burka-Verbot in der "Bild": "Die Burka ist Unterdrückung, die selbst im Islam höchst umstritten ist. Die Burka macht Frauen eigenschafts- und charakterlos. Sie werden gezwungen, ihr sichtbares Ich hinter einem Netz, einem Schleier, einer Metall-Maske zu verstecken. Frauen werden optisch entmenschlicht."

Die "SZ" sekundiert: "Anders als das Kopftuch reduziert der Niqab die Frau auf Auge, Gebärmutter, Unterordnung. Eine Frau im Niqab ist gegenüber einem Mann nie gleichwertig, selbst wenn sie sich den Schleier freiwillig überwirft". Die Burka passe bestenfalls zum "Taliban-Afghanistan". Dann fragt der Kollege rhetorisch in Hinblick auf eine Verhandlung des Burka-Verbots in Karlsruhe: "Und das Bundesverfassungsgericht wird sich wohl nicht an den Maßstäben der Dorfältesten von Kandahar orientieren?"

Wahrscheinlich erhoffen sich die männlichen Journalisten dafür ein wenig Applaus und fünf Euro in den Gitarrenkoffer von Seiten der Feministinnen-Fraktion.

Die sind ihnen sicher - denn auch zahlreiche PolitikerInnen unterstützen ein Verbot.

Die unvermeidliche Julia Klöckner fordert mal wieder ein Burka-Verbot

Zum Beispiel Julia Klöckner. Die hatte das Burka-Verbot schon einmal gefordert. Und dann wieder. Und wieder. Und wieder.

Die stellvertretende Vorsitzende der Jungen Union, Katrin Albsteiger, tut so, als sei die Burka in Deutschland ein Massenphänomen. „Wenn ich jemand anlache, will ich wissen, ob er zurück lacht. Nur so geht offene Gesellschaft. Eine Vollverschleierung sorgt für eine Atmosphäre des Misstrauens im öffentlichen Raum."

Überraschend genug: Auch der Grünen-Politiker Dieter Janecek ist mit von der Partie. Er fordert zwar kein allgemeines Burka-Verbot, sondern nur bei der Arbeit und im öffentlichen Dienst. Aber egal.

Euch geht es eigentlich um was anderes

Aber worum geht es euch in dieser Debatte eigentlich, liebe Burka-Gegner? Geht es Euch tatsächlich um Frauenrechte?

Ich habe da meine Zweifel.

Zwar weiß niemand konkret, wie viele Frauen in Deutschland eine Burka tragen - ihre Zahl dürfte verschiedenen Schätzungen zufolge aber zwischen „verschwindend gering" (Stefan Müller, CSU) und „im niedrigen dreistelligen Bereich" (Thomas Volk, Konrad-Adenauer-Stiftung) liegen.

Die meisten der etwa zwei Millionen Muslima in Deutschland sind türkischstämmige Frauen, und dort ist die Burka nicht verbreitet. Allenfalls unter afghanischen Flüchtlingsfrauen dürfte die Burka als alltägliches Kleidungsstück vorkommen.

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Burka-Trägerinnen in Deutschland? Eine Randerscheinung

Doch selbst, wenn man unterstellt, dass alle afghanischen Frauen Burka tragen (was nicht der Fall ist), und alle afghanischen Flüchtlingsfrauen die Burka auch in Deutschland nicht ablegen wollen (was ebenfalls nicht der Fall ist, viele sind ja vor dem islamistischen Terror erst nach Deutschland geflüchtet), steht unsere Gesellschaft kaum vor einem im Alltag spürbaren Problem.

Die Kollegen von „Bento" haben kürzlich versucht, eine Frau mit Burka in Berlin zu finden. Ohne Erfolg. Übrigens wollte sich auch Julia Klöckner nicht äußern, ob sie schon einmal einer Burka tragenden Muslima persönlich begegnet ist.

Nein, den Befürwortern eines Burka-Verbots geht es um etwas anderes. Es ist ein Spiel mit den Ängsten vor der sichtbaren Ausbreitung islamistischer Wertvorstellungen im öffentlichen Raum.

Wer ein Burka-Verbot fordert, der unterstellt, dass dies bereits jetzt ein Problem wäre. Und signalisiert allen, die sich vor einer „Islamisierung des Abendlandes" fürchten: Irgendwie habt Ihr ja Recht.

Das ist abstoßend. Und letztlich betrifft Eure Stimmungsmache alle Muslime in Deutschland. Sie müssen mit dem Klima klar kommen, das Ihr mit Euren Zündeleien erzeugt habt.

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