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Bosbach geht, die Nieten in der Politik bleiben

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
BOSBACH
dpa
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Als ich noch Werbung machte, bastelte ich in einer Agentur an einer Kampagne gegen Wahlm├╝digkeit. Das Motiv, auf das wir uns schlie├člich einigten, sollte sich auf zwei Seiten erstrecken. Auf Seite eins eine Bude mit Lostopf, aus der ein Besucher lauter Nieten zog.

Auf Seite zwei dann ein Blick in den Bundestag mit dem Aufruf, w├Ąhlen zu gehen, um Nieten zu verhindern. Doch dem Auftraggeber war die Sache zu heikel. Nieten im Bundestag, unerh├Ârt. Damit war das Konzept gestorben, die ausgedruckten Entw├╝rfe landeten als Klopapier irgendwo im Filterbecken der Kl├Ąranlage.

Auf dem Rummelplatz ├Ąrgern wir uns h├Âchstens kurz mal schwarz, wenn's nur immer wieder hei├čt: ÔÇ×Schade, diesmal haben Sie nichts gewonnen". Haben wir aber einmal unser Kreuz gesetzt, k├Ânnen wir die Fehlinvestition nicht einfach so im n├Ąchsten M├╝lleimer entsorgen.

Die Experten schwafeln stets von Respekt, Achtung und Toleranz

Wer etwa die Abgeordnete Petra Hintz als beste Wahl empfand, d├╝rfte sich jetzt ob so einer beraubten Entsorgungsm├Âglichkeit verarscht vorkommen. Nat├╝rlich, es gibt sie, die honorigen Abgeordneten, tats├Ąchlich ihrem Gewissen verpflichtet, Sprechstunden pers├Ânlich haltend, die mit kr├Ąfteraubendem Einsatz und Nachdruck an die Sache gehen.

Die vielleicht noch mal kurz hoch gucken, hoch an das Portal des Reichstagsgeb├Ąudes, wenn sie zur Arbeit gehen, und rekapitulieren, f├╝r wen sie das tun, was sie tun: ÔÇ×Dem deutschen Volke". Aber es gibt sie auch, die Damen und Herren, die Angry Birds auf ihrem Smartphone mit olympischen Ehrgeiz beackern, statt dem Redner ganz vorne einfach mal zuzuh├Âren.

Die sich wegdrehen, sobald andere Meinungen auftauchen oder von ihrer steuerfinanzierten Kostenpauschale Luxusf├╝ller bestellen. Die zu B├╝rgerstunden lieber Vertreter schicken oder dann, wenn sie es selbst machen, sich im Minutentakt von SMS, Twitter, Whatsapp oder Facebook st├Âren lassen. Solche Experten schwafeln stets von Respekt, Achtung und Toleranz vor anderen, aber zeigen demonstrativ, was sie tats├Ąchlich so davon halten.

Ein bisschen Gysi, Scheel und Prinz Charles

Meine G├╝te, die alten ehrbaren Werte, die so manche auch im Volk inzwischen als obsolet betrachten, haben fast keinen Stellenwert mehr im Parlament. Aber wenn schon nicht dort, warum dann au├čerhalb jener Mauern?

Das St├╝tzkorsett unserer Gesellschaft misst sich auch darin, ob man Werte nicht nur dahinplaudert, sondern auch lebt. Vielleicht gefiel deshalb Wolfgang Bosbach so vielen. Schon diese Stimme. Klar und deutlich, langsam, um vielleicht mal was mitschreiben zu k├Ânnen. Schon dieses Auftreten.

Exakt sitzende Anz├╝ge, die Krawatte stets bis hoch geschoben, flie├čende, elegante Bewegungen. Schon diese Attit├╝de. Nie arrogant, nie schnippisch, Aussagen gespickt mit ironischen Untert├Ânen, schlagfertig. Ein bisschen Gysi, ein bisschen Scheel, ein bisschen Prinz Charles.

Bosbach war nicht nur ein Leuchtturm in seiner ganzen Pers├Ânlichkeit. Er war auch der Stachel im Fleisch der Kanzlerin. Oder sollte man sagen, Schiefer? Seine Posten waren zu irrelevant, um Merkel irgendwann mal in die Bredouille zu bringen.

Ein Hauptgewinn ist weg

Er wird mit seinen Abstimmungsentscheidungen, seinen Worten und Mahnungen der Kanzlerin wehgetan haben, gewiss. Aber weil er f├╝r sie unter ferner liefen rangierte, musste sie seine Wut nie f├╝rchten.

Vielleicht war sie insgeheim sogar froh, ihn zu haben. Bosbach stand f├╝r den Konservatismus, eine aussterbende Gattung innerhalb der CDU, f├╝r Anstand, f├╝r Gewissen, f├╝r eine ganz und gar nicht verbr├Ąmte Ideologie der Ehre. Also all das, was der Regierung inzwischen so nonchalant abgeht.

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Aber den Bosbach konnte sie immer vorschicken, wenn es darum ging, wenigstens den Anschein zu erwecken, dass es die Partei noch auf diese Punkte anlegt. Bosbach, ein Tanzb├Ąr im Merkelk├Ąfig.

Mit Bosbachs Weggang aus der Politik n├Ąchstes Jahr muss man derart starke, vor allem unabh├Ąngige Kritiker aus den eigenen Reihen aktueller Politik mit der Lupe suchen.

Sein Ausscheiden bedeutet auch, dass wir zukunftsweisende Entscheidungen mehr und mehr in die H├Ąnde blo├čer Abnicker legen, die weder Mut noch Anstand haben, manch gef├Ąhrlichem Treiben Einhalt zu gebieten. ├ťbersetzt ins Losbuden-Sprech: ein Hauptgewinn ist weg. Ein paar Gl├╝ckslose sind noch da. Und die Mehrzahl: Nieten.

Dieser Text erschien zuerst bei der Achse des Guten.

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