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Bosbach geht, die Nieten in der Politik bleiben

29/08/2016 16:05 CEST | Aktualisiert 30/08/2017 11:12 CEST
dpa

Als ich noch Werbung machte, bastelte ich in einer Agentur an einer Kampagne gegen Wahlmüdigkeit. Das Motiv, auf das wir uns schließlich einigten, sollte sich auf zwei Seiten erstrecken. Auf Seite eins eine Bude mit Lostopf, aus der ein Besucher lauter Nieten zog.

Auf Seite zwei dann ein Blick in den Bundestag mit dem Aufruf, wählen zu gehen, um Nieten zu verhindern. Doch dem Auftraggeber war die Sache zu heikel. Nieten im Bundestag, unerhört. Damit war das Konzept gestorben, die ausgedruckten Entwürfe landeten als Klopapier irgendwo im Filterbecken der Kläranlage.

Auf dem Rummelplatz ärgern wir uns höchstens kurz mal schwarz, wenn's nur immer wieder heißt: „Schade, diesmal haben Sie nichts gewonnen". Haben wir aber einmal unser Kreuz gesetzt, können wir die Fehlinvestition nicht einfach so im nächsten Mülleimer entsorgen.

Die Experten schwafeln stets von Respekt, Achtung und Toleranz

Wer etwa die Abgeordnete Petra Hintz als beste Wahl empfand, dürfte sich jetzt ob so einer beraubten Entsorgungsmöglichkeit verarscht vorkommen. Natürlich, es gibt sie, die honorigen Abgeordneten, tatsächlich ihrem Gewissen verpflichtet, Sprechstunden persönlich haltend, die mit kräfteraubendem Einsatz und Nachdruck an die Sache gehen.

Die vielleicht noch mal kurz hoch gucken, hoch an das Portal des Reichstagsgebäudes, wenn sie zur Arbeit gehen, und rekapitulieren, für wen sie das tun, was sie tun: „Dem deutschen Volke". Aber es gibt sie auch, die Damen und Herren, die Angry Birds auf ihrem Smartphone mit olympischen Ehrgeiz beackern, statt dem Redner ganz vorne einfach mal zuzuhören.

Die sich wegdrehen, sobald andere Meinungen auftauchen oder von ihrer steuerfinanzierten Kostenpauschale Luxusfüller bestellen. Die zu Bürgerstunden lieber Vertreter schicken oder dann, wenn sie es selbst machen, sich im Minutentakt von SMS, Twitter, Whatsapp oder Facebook stören lassen. Solche Experten schwafeln stets von Respekt, Achtung und Toleranz vor anderen, aber zeigen demonstrativ, was sie tatsächlich so davon halten.

Ein bisschen Gysi, Scheel und Prinz Charles

Meine Güte, die alten ehrbaren Werte, die so manche auch im Volk inzwischen als obsolet betrachten, haben fast keinen Stellenwert mehr im Parlament. Aber wenn schon nicht dort, warum dann außerhalb jener Mauern?

Das Stützkorsett unserer Gesellschaft misst sich auch darin, ob man Werte nicht nur dahinplaudert, sondern auch lebt. Vielleicht gefiel deshalb Wolfgang Bosbach so vielen. Schon diese Stimme. Klar und deutlich, langsam, um vielleicht mal was mitschreiben zu können. Schon dieses Auftreten.

Exakt sitzende Anzüge, die Krawatte stets bis hoch geschoben, fließende, elegante Bewegungen. Schon diese Attitüde. Nie arrogant, nie schnippisch, Aussagen gespickt mit ironischen Untertönen, schlagfertig. Ein bisschen Gysi, ein bisschen Scheel, ein bisschen Prinz Charles.

Bosbach war nicht nur ein Leuchtturm in seiner ganzen Persönlichkeit. Er war auch der Stachel im Fleisch der Kanzlerin. Oder sollte man sagen, Schiefer? Seine Posten waren zu irrelevant, um Merkel irgendwann mal in die Bredouille zu bringen.

Ein Hauptgewinn ist weg

Er wird mit seinen Abstimmungsentscheidungen, seinen Worten und Mahnungen der Kanzlerin wehgetan haben, gewiss. Aber weil er für sie unter ferner liefen rangierte, musste sie seine Wut nie fürchten.

Vielleicht war sie insgeheim sogar froh, ihn zu haben. Bosbach stand für den Konservatismus, eine aussterbende Gattung innerhalb der CDU, für Anstand, für Gewissen, für eine ganz und gar nicht verbrämte Ideologie der Ehre. Also all das, was der Regierung inzwischen so nonchalant abgeht.

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Aber den Bosbach konnte sie immer vorschicken, wenn es darum ging, wenigstens den Anschein zu erwecken, dass es die Partei noch auf diese Punkte anlegt. Bosbach, ein Tanzbär im Merkelkäfig.

Mit Bosbachs Weggang aus der Politik nächstes Jahr muss man derart starke, vor allem unabhängige Kritiker aus den eigenen Reihen aktueller Politik mit der Lupe suchen.

Sein Ausscheiden bedeutet auch, dass wir zukunftsweisende Entscheidungen mehr und mehr in die Hände bloßer Abnicker legen, die weder Mut noch Anstand haben, manch gefährlichem Treiben Einhalt zu gebieten. Übersetzt ins Losbuden-Sprech: ein Hauptgewinn ist weg. Ein paar Glückslose sind noch da. Und die Mehrzahl: Nieten.

Dieser Text erschien zuerst bei der Achse des Guten.

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