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Weitblick

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MEXICO CITY MAP
Ryan McVay via Getty Images
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Unsere Küche ist bevölkert von Ameisen. Das ist hier nichts Ungewöhnliches. Leider. Man muss eben wissen, wie man damit umgeht. Wir haben hier Geckos, Kakerlaken, Ameisen, kleinere - laut Santiago lustige, weil kitzelnde - Ameisen und Moskitos. Besonders letztere rauben mir den letzten Nerv.

Denn wir brauchen dringend Netze gegen sie. Inzwischen benutzen wir Stecker mit Duftstoffen, die zwar einige Stunden lang Moskitos schwächen, aber - da bin ich sicher - auch mich langsam töten. Tagsüber gestikuliere ich wild umher, um die Viecher von meinem Körper fernzuhalten. Dennoch habe ich von oben bis unten rote Erhebungen auf der Haut. Um mich vom Kratzen abzuhalten, haben wir zunächst Limone (brennt intensiv) und inzwischen Wick Vaporub (brennt nicht, dafür rieche ich verdächtig nach Eukalyptus) auf sämtliche Stellen mit Bissen gerieben. Die Sauger scheinen ein Fußfetisch zu haben, vielleicht ziehe ich aber auch einfach zu selten Socken an.

Ob die Plage an der Lage unseres Hauses liegt, kann ich nicht sicher sagen. Wäre ich ein Moskito, hätte ich mir sicher ein anderes Domizil ausgesucht. Die laute Straße vorne ist zumindest meine geringste Sorge, wenn früh um acht Uhr unser fleißiger Nachbar beginnt, an neuen Skulpturen aus Stein zu arbeiten, die er nebenan verkauft. Und dann, zum Ausklang des Tages dürfen wir dem Gottesdienst auf der anderen Seite zwei Stunden lang lauschen. Ja, als Moskito hätte ich längst meine Koffer gepackt. Wir haben mittlerweile auch schon eine neue, viel kleinere Bleibe ausfindig gemacht. Im Zentrum von Playa del Carmen. Ich habe sie, während ich diese Worte schreibe, noch nicht gesehen, vertraue aber darauf, dass Santiago mich gut genug kennt. Schlimmer als die Orte, die uns während unserer Suche begegnet sind, kann es sowieso nicht werden.

So fanden wir uns kürzlich abends in einer wundervoll friedsamen Ecke der Stadt wieder, wo eine ebenfalls kleine Wohnung frei sein sollte. Eher beiläufig erzählte uns eine junge Dame aus dem gleichen Gebäude, sie hätte uns die Tür ungern aufgemacht, weil am Morgen drei Leichen an der Ecke gefunden worden waren. Drei Leichen sind in Mexiko allerdings scheinbar kein Grund, schockiert zu sein, weshalb auch ich mich kurz darauf mit einem verstörten Grinsen im Auto wiederfand. Der Tod ist in Mexiko nicht das, was er für mich in meinem bisherigen Leben war. Und langsam gewöhne ich mich daran.

Auf dem Titelblatt der Zeitung prangen vier Fotos von grausam zugerichteten Körpern, die wohl von Kartellen hinterlassen wurden. Niemanden stört es, wenn wieder mal etwas passiert ist und die einfache Erklärung ist, so sagt man mir, dass es so häufig geschieht.

Anders. Das ist Mexiko. Hier kriegen zu junge Frauen zu viele Kinder und suchen dann unterbezahlte Arbeit in einer Tortilla-Fabrik oder an einem Taco-Stand, wo sie - wie die meisten hier - um die 200€ im Monat haben werden. Manche verdienen viel mehr und andere arbeiten nicht. Viele Häuser sehen aus wie Baustellen. Und ich ärgere mich regelmäßig, dass diese Menschen hart arbeiten und in improvisiert wirkenden Behausungen schlafen. Doch das alles auf die Regierung, die sich an vielen Ecken zu bereichern scheint, zu schieben, ist falsch. Wie die Frage nach dem Huhn oder dem Ei sei das Ganze - meinte Santi neulich. Denn auch die Bevölkerung arbeitet in oft sinnlos wirkenden Jobs und verbringt ihre freien Stunden mit Alkohol, Sex oder in der neuesten US-Produktion im Kino. Musik handelt hier, noch mehr als sonst wo in der Welt, von Liebe und Verrat ebendieser.

Nicht alle sind so. Nicht alles ist so trist. Die Menschen, die mir helfen, all das hier zu begreifen, zeigen mir, dass auch in diesem Teil der Welt Weitblick möglich ist. Eines Tages könnte alles anders werden hier. Eines Tages könnten die Menschen sinnvollen, gut bezahlten Tätigkeiten nachgehen und besser leben. Mal sehen.

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