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Erinnerungen

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ALICANTE
gdagys via Getty Images
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Heute Morgen sind Santiago und ich zur Apotheke gelaufen, nachdem ich mit unerträglicher Migräne aufgewacht war. Die Pillen wirken. Mir geht es schon viel besser und später möchte ich mich trauen, in einen Bus zu steigen, der mich entlang der Avenida 30 ins Zentrum bringt, wo ich mich bei Starbucks (Orte wie Starbucks und McDonald's helfen, sich nicht ganz so weit weg zu fühlen) meiner Hausarbeit widmen kann.

Santiago denkt auch über ein Eingangstor nach, da der Stellplatz für unser Auto wann immer ein Bus vorbeifährt ein Klangerlebnis bietet, auf das die Elbphilharmonie sicher neidisch wäre.

Ich sitze also nach wie vor hier und starre auf die gelbe (oder hornhautfarbene, je nach Wahrnehmung) Tapete, deren Farbe ich besonders für ein Schlafzimmer ungewöhnlich finde. Der Ventilator hilft gegen die Hitze und erzeugt gleichzeitig ein Kratzen im Hals, dass mir den kuschligen Winter in Erinnerung ruft, vor dem ich geflohen bin.

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Auf Facebook stelle schnell fest, dass der Winter selbst sich wohl auch schon von Deutschland verabschiedet hat. Hier und da sehe ich Fotos mit einem Glas Wein oder einer Tasse Kaffee auf einer Terrasse, die demonstrativ die ersten Sonnenstrahlen als Anfang des Frühlings feiern.

Gestern Abend bin ich in Gedanken meine Ankunft in Alicante im Januar 2015 durchgegangen. Damals begann ich dort mein erstes Auslandssemester und die ebenfalls stark durch Tourismus geprägte Stadt wollte mir anfangs nicht so recht gefallen.

Vielleicht lag es auch daran, dass ich die erste Woche in einem überteuerten Zimmer verbrachte, dessen winziges Fenster in den Hausflur ging und das ich mit mehreren Mäusen teilte, die überraschenderweise sogar unter der geschlossenen Tür durchkamen.

Aber innerhalb weniger Tage war ich aufgeklärt darüber, dass ich als Ausländer einfach ein gutes Opfer darstellte. Ich hatte noch keine Miete gezahlt und verlor nur die Kaution, als ich überstürzt in eine bessere Bleibe flüchtete. Den Schlüssel habe ich immer noch in Deutschland liegen.

Alicante wurde mit jeder Woche besser. Der wohl wichtigste Moment war aber der Tag, an dem die Tram auf dem Weg von der Universität in San Vicente zurück nach Alicante in ein Auto krachte und ich mit Rachel ins Gespräch kam. Wir verstanden uns auf Anhieb und sie schlug mir vor, meine furchtbar langweilig klingenden Klassen gegen ihre einzutauschen.

Wo Rachel herkam, gab es noch einen ganzen Haufen weiterer eifriger amerikanischer Studenten, die aufgeschlossen waren und genauso viel Zeit hatten wie ich. Wir besuchten Klassen über spanische Filme, zu denen wir uns Chips mitnahmen und saßen regelmäßig in unserem Lieblings-Tapas-Laden, in dem alles frittiert war und 90 Cent kostete. Wir fuhren in abwechselnder Besetzung nach Villajoyosa oder Elche oder marschierten drei Tage durch die südostspanische Einöde (zu Ehren des Dichters Miguel Hernández).

Freunde. Verbündete. Mitgefangene. Das ist genau das, was ich in Mexiko finden muss. Das, und Arbeit, um meinen ausschweifenden europäischen Lebensstil (Pesto, Kino, Margaritas) zu finanzieren.

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