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Ameisen

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MEXICO
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Santiago kam heute mit traurigen Nachrichten aus der Arbeit. Einer seiner Kollegen, 32 Jahre alt, war auf seinem Motorrad tödlich verunglückt. Oft scheint es mir hier so, als sei der Tod etwas näher als in Europa. Leute hier sterben einfach. Wie in einer Ameisenkolonie, wo eben am Abend einige einfach nicht mehr auftauchen. Das ist traurig, vor allem, weil die Menschen hier ja eigentlich sehr hart arbeiten und es verdient hätten, wenigstens ein schönes sicheres Leben zu führen. Stattdessen sehe ich morgens Männer in meinem Alter im Bus mit kaputtem Auge oder heftigen Narben am Arm. Irgendwo prügeln sich zwei. Manchmal steht der Bus, weil wieder zwei Autos zusammengekracht sind. In meiner ersten Woche sah ich abends eine Person - ich glaube eine Frau - regungslos auf der Schnellstraße liegen. Um sie herum standen Menschen, ebenfalls regungslos. Die Anwohner saßen auf der Pforte und redeten.

Auch in Santiagos Leben komme ich mir hin und wieder etwas gefährdet vor. Na gut. Das mag Paranoia sein. Aber zwei - ich wiederhole: ZWEI - von Santiagos Ex-Freunden sind bereits tot. Das wäre vielleicht in Ordnung, wenn wir uns mit 60 beim Bingo kennengelernt hätten. In meinem Alter denke ich irgendwie an "Final Destination", wenn ich so etwas höre. Unfair scheint mir das. Dass das Leben hier so zerbrechlich ist. So unfair wie die Preise, die die Bevölkerung für drittklassige Produkte zahlen muss. Waschmaschinen ohne Schleuder zu beinahe europäischen Preisen. Was immer Symbol westlichen Lebens ist, und sei es in westlichen Augen technisch noch so veraltet, kostet westlich viel.

Und wie geht es mir? Santiago kommt nach Hause und schläft meist einfach ein. Dafür bin ich nicht nach Mexiko gekommen. Zumindest nicht nach Quintana Roo, den Dschungel-und-Karibik-Hitze-Staat. Ich bin hierher gekommen, um Zeit mit ihm zu verbringen. Aber nach seiner langen Schicht antwortet er meist allen seinen Freunden, bis sein iPhone ihm aus der Hand rutscht, weil er eingeschlafen ist.

Mexico City oder irgendetwas Freundlicheres. Das muss es doch geben. Einen Ort, wo ich nicht den halben Tag vor einem Ventilator sitze und mit Kopfschmerzen aufwache. Ausgerechnet hier soll ich wohnen. Wo das einzige Museum ein 3D-Museum "of Wonders" ist, in dem man witzige Fotos machen kann. Untergebracht in einer nervigen, lauten Straße, durch die den ganzen Tag Busse und Laster scheppern. Neben einer Kirche, in der täglich zwischen 19 und 21 Uhr der selbe schlechte Sänger die selben schiefen Töne singt. In einer Gegend, in der mir Santiago abends davon abrät, das Haus zu verlassen.

In Madrid hatten wir Freiheit. Die Freiheit, mitten in der Nacht noch einen Spaziergang zu machen. Oder entspannt in der Metro ins Zentrum zu fahren und dort in richtige Museen zu gehen. Hier aber wäre ich nie hergekommen. Urlauber bin ich einfach nicht. Manchmal fahren wir durch schöne Gegenden, die sich normale Menschen aber nicht leisten können. Dort ist alles friedlich, aber auch nicht echt. Orte, an denen das Echte schön ist und wo echte Menschen das auch genießen können - nicht nur Touristen - mag ich. An diesem Ort bin ich, weil Santiago hier mit vielen Europäern in Kontakt kam und Freunde in einigen gefunden hat. Und all diese Freunde kommen immer und immer wieder hierher. Wenn mich Santiago manchmal ansieht, wünscht er sicher, ich wäre auch ein bisschen mehr so.

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