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Mütter: Zwischen Familie und Beruf zerrissen?

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Wieso sind oft Mütter im Vereinbarkeitsstress, während Väter eine ruhige Kugel schieben? Liegt es am Anspruch, eine perfekte Mutter sein zu wollen, nicht umsonst studiert zu haben und auch noch eine attraktive Partnerin sein zu müssen? Väter hingegen, die in ihrer Karriere pausieren, werden medial und im Freundeskreis gefeiert. Ich wage hier einen wohlwollenden männlichen Blick auf ein weibliches Phänomen.

Ich habe im Interview mit Felicitas Richter über ihr Buch (Schluss mit dem Spagat. Wie Sie aufhören, sich zwischen Familie und Beruf zu zerreißen) gemerkt, dass mir viele der im Buch beschriebenen Probleme aus meiner Vatererfahrung fremd sind, obwohl ich mehr als über zehn Jahre Selbsterfahrung als Karriere-Vater von zwei Töchtern mit einer Karriere-(Ex-)Frau habe. Bei beiden Kindern waren wir nach drei Monaten jeder wieder vollberufstätig; wir kümmerten uns paritätisch um die Betreuung.

Und doch erlebe ich in meinen Beratungen und Workshops immer wieder, dass gerade berufstätige Mütter ein sehr schnell aktivierbares schlechtes Gewissen mit sich herumtragen. Da kann das eigene familiäre Umfeld, Arbeitskollegen oder ein Spruch der Kindergärtnerin schnell das Fass zum Überlaufen bringen. Was ist da los?

Mütter: Zwischen Familie und Beruf zerrissen? Ein männlicher Verstehversuch #Vereinbarkeit

In den Gesprächen kristallisiert sich schnell eine mangelnde innere Klarheit heraus. Felictas Richter nennt es in ihrem Buch die Perfektionismusfalle. Für mich ist es die fehlende Antwort auf die Frage:

Was für eine Mutter willst Du sein?

Eine simple Frage mit Tragweite, wenn die Antwort ehrlich ist. Denn es werden mehrere Ebenen angesprochen. Die Antwort setzt sich aus biografischen Erfahrungen, Glaubenssätzen, gesellschaftlichen und partnerschaftlichen Erwartungen sowie dem ureigenen Mutterinstinkt zusammen. Wer am lautesten schreit, gewinnt.

Mein Lösungsangebot in den Gesprächen liegt in der teilweise schmerzlichen Bewusstmachung, was mich als Frau und Mutter unbewusst lenkt. Denn aus diesen unbewussten Faktoren zieht das schlechte Gewissen seine Nahrung. Der Weg zur Lösung ist eine ehrliche Selbstreflexion; hilfreiche Fragen hierfür sind:

• Was ist für mich eine gute Mutter?
• Welche Mutter und Großmutter hatte ich?
• Welche mütterlichen Aussagen sind bei mir als Kind hängen geblieben?
• Was habe ich bewusst von meiner Mutter übernommen bzw. lehne ich bewusst ab?
• Wo folge ich unbewusst einem Frauen- oder Mutterbild, was mir gar nicht entspricht?
• Was bedeutet Karriere für mich?
• Wie wichtig ist mir beruflicher Erfolg?
• Was erwarte ich von meinem Partner?
• Wie sieht für mich eine zufriedene Familie aus?
• Woran erkenne ich, dass es meinem Kind gut oder schlecht geht?

Ich gebe in meinen Vorträgen gerne folgenden Impuls ins Publikum: Deine Karriereentwicklung lässt sich planen und verschieben - die Entwicklung Deines Kindes ist unvorhersehbar und unwiderruflich. Was Du da verpasst, ist verpasst.

Die schmerzliche Erkenntnis ist: Du kannst nicht alles haben!

Wenn Dir Karriere und berufliche Selbstverwirklichung wichtig sind, dann werden die Kinder weniger von Dir als Mutter haben. Und Du wirst Entwicklungsschritte Deiner Kids verpassen. Das ist so. Im Gegenzug verpasst eine Mutter, die sich bewusst für mehrere Jahre Elternzeit entscheidet den nächsten Karriereschritt. Auch das ist leider die überwiegende Realität im Arbeitsleben. Väter, die mehr als die zwei Vätermonate Elternzeit nehmen, machen hier übrigens die gleiche Erfahrung. Da sitzen Frauen und Männer im gleichen Boot.

Die schmerzliche Erkenntnis ist: Du kannst nicht alles haben! #Vereinbarkeit

Der Weg aus der Zereißfalle kann nur ein individueller sein. Die Verantwortung dafür liegt bei uns Eltern - nicht beim Arbeitgeber, der Gesellschaft oder der Politik. Diese können mit Service-Angeboten wie Betriebskita, flexiblen Arbeitszeiten sowie Elterngeld unterstützen. Doch die zentrale Frage bleibt, wie viel Zeit will ich für meine Kinder haben, was will ich miterleben. Und: Geht es meinem Kind mit dem gewählten Modell gut.

Spannenderweise passen sich Kinder grundsätzlich den Familienmodellen an. Nur wenn es zu Lasten ihrer seelischen Gesundheit geht, gehen Kinder auf die Barrikaden. Dann darf nicht am Kind herumgedoktert werden, sondern das Lebensmodell der Eltern gehört auf den Prüfstand. Auch dies tut weh, doch die Verantwortung für das Wohlergehen der Kinder tragen wir Eltern. Das können wir nicht outsourcen!

Schmerzhaftes Beispiel

Ich selbst habe erfahren, wie meine zweite Tochter eine Tagesmutter ablehnte. Durch herzergreifendes Schreien beim morgendlichen Abgeben und apathischen Verhalten beim Abholen. Rückblickend haben meine damalige Frau und ich zwei Monate zu lange gewartet, um zu kapieren, dass es unserer Tochter nicht gut geht. Denn an der Tagesmutter hing unser gesamtes Betreuungsmodell. Doch Kinder sind keine Möbelstücke, die man von einer Betreuung zur nächsten schieben kann. Kinder haben eine Seele! Wir nahmen dann von heute auf morgen meine Tochter raus; ich reduzierte total meine Arbeit, bis wir eine neue Lösung fanden.

Hat meine Tochter von dieser Erfahrung langfristigen Schaden genommen? Ich glaube nein. Ich bin glücklich, dass sie die Kraft hatte, uns mit ihrem Schreien drei Monate lang darauf aufmerksam zu machen, dass es ihr nicht gut tut, was wir Eltern mit ihr machen. Ich bin unglücklich darüber, dass ich so lange brauchte, um dies zu erkennen. Es war eine Zerreißprobe, nicht zwischen Familie und Beruf, sondern zwischen Karriere-Anspruch im Verstand und väterlichem Instinkt im Herzen. Gott sein Dank hat das Herz gewonnen!

Es grüßt herzlichst,

Sascha

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Der Beitrag erschien ursprünglich auf dem Blog des Autoren.

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