Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Sarah Yilmaz Headshot

"Männliche Jugendliche aus Afghanistan? Pass auf!"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TEENAGERS SYRIA
ASSOCIATED PRESS
Drucken

Ich studiere Lehramt für sonderpädagogische Förderung und dieses Semester durfte ich im Fach Deutsch ein Praxisseminar belegen. Das Semester über bereiteten wir Unterricht für geflüchtete Jugendliche vor und in den letzten beiden Wochen des Semesters haben wir das Projekt "Wir sind Köln" durchgeführt und Jugendliche unterrichtet.

Heute möchte ich ein bisschen über meine Erfahrungen berichten. Ich hoffe, ich kann all meinen Erfahrungen und den Menschen, über die ich schreibe, gerecht werden.

Wieso?

Wir müssen keine Praxisseminare belegen, aber dieses Seminar weckte sofort mein Interesse. Ich habe bereits drei Jahre in der Inklusion und in einer Förderschule gearbeitet, habe Praktika an verschiedenen Schulen gemacht und habe als Ehrenamtliche für frisch angekommene Flüchtlinge geholfen.

Deutsch als Zweit- oder als Fremdsprache wird ein wichtiger Bestandteil meiner späteren Arbeit, ich hatte vorher jedoch keine Erfahrungen damit und habe nie DaZ/DaF-Unterricht gegeben. Außerdem wollte ich eine neue Aufgabe, etwas, für das ich am Ende des Semesters nicht nur stupide auswendig lernen muss.

Wie wurden wir vorbereitet?

Leider muss ich sagen, dass wir kaum bis gar nicht vorbereitet wurden. Wir hatten keine Informationen zu den Schüler!innen und bekamen bloß Arbeitsbücher, aus denen wir kopieren sollten. Es war furchtbar! Ich war sehr unzufrieden mit dem Seminar, hatte Angst vor dem Projekt und fühlte mich überhaupt nicht vorbereitet. Wir wurden ins kalte Wasser geworfen, in dem wir jedoch schnell zu schwimmen vermochten.

Der erste Tag - "Gruppe Deutz"

Wir Förderkräfte wurden in Gruppen eingeteilt und sollten zu dritt einen Kurs übernehmen. Wir versammelten uns in der Aula der Kölner Hauptschule. Die Aula war voll, laut, und die Luft war stickig. Lautes Gemurmel, Gedrängel und Geschubse.

Zum ersten Mal sah ich unsere zukünftigen Schüler/innen. Wir Studentinnen standen auf der einen Seite, die Schüler/innen auf der anderen. Erst wurden wir Förderkräfte aufgerufen, dann unsere Schüler/innen, mit denen wir dann in die Klasse gingen.

Insgesamt gab es circa 33 Schüler/innen. Unsere Gruppe "Deutz" wurde aufgerufen. Wir bekamen sieben Schüler/innen. Vier Jungen, drei Mädchen.

In der Klasse angekommen stellten wir uns alle vor und erstellten Steckbriefe. Alle Schüler/innen sind fünfzehn bis siebzehn Jahre alt. Eine kommt aus dem Irak, eine aus Syrien, einer aus dem Iran, die anderen vier aus Afghanistan. Niemand von ihnen ist bereits seit einem Jahr in Deutschland, erst seit ungefähr einem halben Jahr sind sie auf der Schule. Alle sprechen schon relativ gut deutsch.

Da wir keine Informationen zu den Schüler/innen hatten, dachten wir, wir müssten zuerst einen Alphabetisierungskurs machen. Die Schüler/innen dachten, wir nehmen sie auf den Arm. Alle Aufgaben waren zu leicht, sie fanden sogar Fehler auf den Arbeitsblättern.

Wir waren ehrlich mit ihnen und beichteten, dass wir überhaupt keine Informationen zu ihnen hatten und fragten, was sie denn lernen wollten. "Plusquamperfekt, Futur II, Konjunktiv I und II!", antwortete A.

Die Vorbereitungen waren umsonst

Die Vorbereitungen waren also allesamt umsonst. Wir mussten komplett neu planen. Jeden Morgen um 07.20 Uhr klingelte mein Wecker, gegen 17.30 Uhr kam ich nach Hause und habe jeden Tag noch ein bis zwei Stunden Unterricht geplant.

Ich kam nicht zum Lernen für die Klausuren, aber das machte nichts. Die Erfahrungen waren mir zu wertvoll. Jeden Tag haben wir neue Methoden ausprobiert und uns Sprachspiele ausgedacht. Wir haben uns ganz nach den Schüler/innen gerichtet und konnten nach zwei Wochen einen großen Unterschied zu vorher bemerken.

"Männliche Jugendliche aus Afghanistan? Pass auf!" und "Wie kleidest du dich?" Diese Aussage und diese Frage habe ich in der Zeit leider zu häufig gehört. Ich kann immer nur wieder sagen, dass es in jedem Land "schwarze Schafe" gibt, jedoch habe ich damit keine Erfahrungen gemacht.

Meine Schüler waren die höflichsten, interessiertesten, lernwilligsten und respektvollsten Schüler, die ich je hatte - und ich hatte schon viele Schüler/innen. Nicht einmal gab es eine Situation, in der eine Grenze überschritten wurde, nicht einmal habe ich mich unsicher oder respektlos behandelt gefühlt.

Vorurteile können nie oft genug widerlegt werden

Ich musste nicht einen einzigen Stuhl selbst hochstellen, ich musste nicht ein einziges Mal um Ruhe bitten. Auch habe ich mich gekleidet wie in jeder anderen Schulsituation zuvor auch, was nie ein Problem darstellte.

"A., war es anfangs komisch für dich, dass Frauen hier alleine auf die Straße gehen und du keine oder kaum Frauen in Niqab oder Burka siehst?"

"Ja, aber jedes Land hat eine andere Kultur und das muss man akzeptieren. Man kann und soll einer Frau nichts vorschreiben."

Es ist bescheuert, sowas extra erzählen und betonen zu müssen, aber durch all die Hetze fühle ich mich dazu gedrängt. Gutes kann nie oft genug erzählt werden, Vorurteile können nie oft genug widerlegt werden.

Persönliche Gespräche und emotionale Momente

In den zwei Wochen habe ich so viele einschneidende, emotionale, aufwühlende Momente und Gespräche gehabt, die ich erst einmal verarbeiten musste.

Oft saßen wir zusammen in der Pause und aßen gemeinsam Rosinenbrötchen, Obst und Helva. Wir sprachen über viele Themen, häufig über Deutschland und ihre Heimatländer. Was ist anders, und was gleich? Was wundert sie hier und was finden sie schöner als im Irak, in Syrien, im Iran oder in Afghanistan?

Alle waren sich einig: Sie mögen Deutschland und sind gern hier, auch wenn sie den Überblick im Bürokratie-Dschungel häufig verlieren.

A. kam alleine nach Deutschland und ist im Heim. M. ist Jesidin und floh vor dem IS im Irak. Y. kam alleine mit ihrem Onkel und wurde in Syrien vom IS verfolgt, weil sie katholisch ist. F. kam mit ihrer Familie, war während der Flucht sogar im Gefängnis.

Sie erlebten mit, wie Menschen starben

Alle haben gesehen, dass Leute neben ihnen erschossen wurden. Manche wohnen mittlerweile in einer Wohnung, M. lebt seit zehn Monaten in einer Turnhalle mit 300 anderen geflüchteten Menschen.

A. erzählt, dass er fünf Sprachen spricht, unter anderem Paschto. Er selbst ist kein Paschtune, sondern gehört zum in Afghanistan unterdrückten Volk der Hazara. Er sagte mir, er habe Paschto gelernt, weil "dir in Afghanistan sonst die Kehle durchgeschnitten wird, wenn du einer Terrororganisation wie der Taliban nicht auf Paschto antworten kannst. Es ist sicherer."

Wir redeten über die Erlebnisse auf der Flucht, kurz wurde die Stimmung komisch und drückend.

Später erzählte mir eine Kollegin, dass sie in ihrer Gruppe Bilder zur Heimat malten. Ein Mädchen hat einen erhängten Mann gemalt und geweint.

Solche Momente waren schwer für mich, vor allem, weil ich auf sowas nicht vorbereitet wurde. Ich habe so viele Jahre über den nahen und mittleren Osten gelesen, und plötzlich gibt es Menschen in meinem Leben, die mir ans Herz gewachsen sind, die all das selbst erlebt haben.

Wir haben unendlich viel gelacht

Wir haben nicht nur zusammen geweint, wir haben unendlich viel gelacht. Vor allem über deutsche Wörter, die wie persische Wörter klingen, aber was ganz anderes bedeuten. Wir haben so viel gelacht, dass ich manchmal abends Bauchschmerzen und Muskelkater hatte.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Ich bin unendlich dankbar für all die Momente, die Erfahrungen, die Herausforderungen die ich machen und überwinden durfte. Und unendlich dankbar für die Menschen, die neu in mein Leben traten und es so sehr veränderten.

Zu meinen Schüler/innen habe ich immer noch Kontakt und helfe ihnen privat. Ich helfe ihnen beim Deutschlernen, ich rufe Sportvereine und Ämter für sie an und treffe mich privat mit ihnen zum Grillen. Vier von ihnen kommen aufs Gymnasium.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei medium.
Mehr über die Autorin Sarah Yilmaz erfahrt ihr auf twitter und instagram.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: