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Patchwork - und das Ding mit der Liebe

10/06/2017 15:12 CEST | Aktualisiert 10/06/2017 15:12 CEST
Imgorthand via Getty Images

Patchwork - ein Begriff, der inzwischen schon recht platt getreten ist. Dennoch lieben wir ihn. Denn Patchwork steht ja für nichts anderes als etwas Zusammengefügtes oder Zusammengesetztes. Und genau das sind wir!

Bepackt mit einigem "Vergangenheits-Gepäck" trafen wir uns eines Tages... Oder, nein, genau genommen war es schon abends. Er mit einem Sohn, ich mit einer Tochter und einem Sohn "im Rücken". Und wir trafen uns natürlich abends damit wir uns ohne Kinder besser kennenlernen konnten.

Ich habe mich kürzlich gefragt, ob ich auch einen Mann hätte kennenlernen können, dem ich es erst einmal vorenthalte, wer da noch mit mir zusammen wohnt. Aber ich bin mir ziemlich sicher, das hätte ich nicht gekonnt! Die „Stolpersteine", beziehungsweise Kinder sollten beim Dating offensichtlich sein, denn: Mich gibt's nur so oder gar nicht.

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Da wir Beide aber sowieso nicht alleine unterwegs waren, stellte sich diese Frage natürlich gar nicht erst. Kleiner, aber feiner Unterschied: er ist der 14-Tages-Papa (meistens zumindest) und ich die Vollzeit-Mama. Dass das zwischenzeitlich auch mal zu diskussionswürdigen Themen führen könnte, ahnte ich bei unserem Kennenlernen noch nicht.

Denn da war zunächst erstmal eins vorhanden: eine gemeinsame Basis und Verständnis. Neben der Tatsache, dass wir uns dann auch noch so ziemlich gut fanden, stand also eins für uns fest: wir wollen das versuchen mit uns und der Liebe!

Wie sagen wir das den Kindern?

Erstmal nicht. Zumindest nicht direkt. Dass die jeweiligen Elternteile irgendwie anders schienen, merkten sie glaube ich sowieso.

Beim vorsichtigen Vorfühlen, wie es denn wäre, wenn Mama einen Freund hätte, gab es grünes Licht von der Kinderseite - auch bei meinem Freund war das der Fall und somit machten wir ein erstes Date mit Kindern aus.

Wir waren super vorsichtig und gingen ganz langsam an die Sache heran - hatte doch vor allem der Sohn meines Freund nie den Papa mit einer Partnerin erlebt, auch nicht bei der eigenen Mama.

Wir hatten Glück und die Kinder, vor allem die bis auf 3 Wochen gleich altrigen Jungs verstanden sich prima. Meine kleine Paula war noch außen vor und machte sich ihr eigenes Bild mit gerade mal 2 Jahren.

Nach und nach unternahmen wir immer mehr gemeinsam. Vor den Kindern leben wir eher freundschaftlich als frisch verliebt zueinander - und so wuchs eine Art Familiengruppe ganz behutsam zusammen, die noch ein wenig undefiniert herumwaberte und doch irgendwie zusammengehörte.

Ein komisches Gefühl ergab sich, als mein Freund mehr Zeit mit meinen Kindern verbrachte, als mit seinem eigenen Sohn. Aber so war es nun mal, schließlich leben meine Kinder zu 95% bei mir - und sein Sohn maximal zu 50% bei ihm. Für ihn etwas völlig Neues, für mich immer etwas mit einer Art schlechtem Gewissen behaftetes.

Ich bin ehrlich: das führte von Anfang an zu Diskussionen.

Fühlte ich mich (und meine Kinder) doch ab und an zurück gestoßen, wenn mein Freund mir klar machte, dass er an einem Papa-Sohn-Wochenende auch und vor allem Zeit mit seinem Sohn alleine verbringen möchte. Irgendwie verständlich. Irgendwie aber auch ziemlich hinderlich beim Zusammenwachsen einer Familie.

Wie schaffen wir das?

Nach der ersten Euphorie tat sich sein Sohn zunehmend schwer. Aufgrund unserer getrennten Wohnsituation, stellte sich zudem noch die Frage: Wie machen wir das an Kinder-Wochenenden? Übernachten wir alle in einer Wohnung oder doch jeder für sich? Naja, im Endeffekt machten wir es mal so, mal so. Es gab einige Tränen und viel Drama. Nicht nur bei den Kindern.

Aber zum Glück gab es da ja diese Liebe. Diese ziemlich besondere, erwachsene Liebe. Von Anfang an war es anders, als ich es bisher kannte. Ja, es war besser! Und so unglaublich ehrlich!

Nach einigen blöden Erfahrungen in der Vergangenheit fiel es mir schwer von Anfang an in diese wunderbare Liebe zu vertrauen. Ich litt, wenn wir eine längere Dauer räumlich getrennt voneinander verbrachten. Aber es war notwendig, weil es die Situation mitunter vereinfachte. Natürlich zweifelte ich (und ich bin mir sicher auch mein Freund tat das!) daran, dass das mit uns etwas werden kann. Also langfristig.

Und dann erlebten wir plötzlich wieder einen dieser wundervollen Momente, in dem wir spüren konnte, wie gut das allen tut, auch und vor allen Dingen den Kindern! Dadurch wussten wir dann wieder, dass es genau so richtig war.

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Zwei Jahre lebten wir also so: in getrennten Wohnungen, mit viel anstrengender Organisation, einigen Diskussionen, zahlreichen Missverständnissen, unglaublich vielen schönen Momenten und ganz viel Liebe.

Alle 14 Tage hatten wir in der Regel kinderfrei - was wir genossen. Wir machten Kurztrips, wir schliefen lange, wir gingen aus und wir spürten spätestens dann wieder: Ey, cool, wir schaffen das, denn wir haben ja uns!

In gemeinsamen Urlauben zu Fünft erlebten wir auch immer besonders schöne und wertvolle Zeiten: immer dann waren wir eine vollständige Familie. Von Tag zu Tag wuchsen wir während dieser Zeiten mehr zusammen - wurden danach aber auch leider schnell wieder vom Alltag eingeholt.

Eine Herausforderung für eine Familie, die noch keine richtige Familie ist und eben nicht immer zusammen ist. Für mich, so glaube ich, zudem der größte Lernprozess innerhalb dieser zwei Jahre, denn wenn ich ehrlich zu mir bin, dann ist mein Wunsch nach Familie doch sehr romantisch belegt.

Jetzt wohnen wir zusammen, ganz klassisch, in einem Haus mit Garten am Standrand. Den Kindern zuliebe - und uns! Ich hätte es nie gedacht, aber seitdem sind die meisten Probleme wie weg gepustet. Nach einer anstrengenden Umzugsphase kommen wir alle an, da wo wir endlich sein wollen.

Und wir sind vielmehr zu Fünft, weil wir alle gerne da sein wollen und das genießen. Klar, sind nicht alle Reibungspunkte, die sich in Patchwork-Konstellationen nun mal ergeben können, weg. Aber weil wir nur noch einen Ort haben, den wir gemeinsam unser Zuhause nennen, ist es einfacher.

Meine Kinder zum Beispiel hinterfragen nun nicht mehr die Anwesenheit meines Freunds. War es vorher täglich die Frage „Kommt Janno (liebevoller Kosename ;-)) heute zu uns?", herrscht hier heute eine grundliegende Freude darüber, dass wir nun irgendwie komplett sind.

Jetzt werden auch erzieherische Maßnahmen akzeptiert, sowohl von meinem Freund bei meinen Kindern, als auch meine bei seinem Sohn. Jeder hat jetzt ein eigenes Zimmer und es gibt genug Platz, um gemeinsam sein zu können, aber auch genug Rückzugsorte.

Patchwork erfordert viel Verständnis und bietet viel Wertvolles.

Habe ich früher oft bedauert, dass meine Kinder in keiner klassischen Familie groß werden, weiß ich heute, sie profitieren von diesen vielen Personen, die sie lieb haben.

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Und hat der Sohn meines Freund früher noch häufig betont, dass wir ja nicht verheiratet seien und dass er das zwar einerseits doof fände, andererseits jedoch nicht wolle, dass wir heiraten (Kinderlogik!), so genießt er es heute, wenn ich ihn morgens genauso wecke, wie ich es mit „meinen" Kindern mache.

Endlich kann ich ihm auch ein wenig von dem geben, was ich im Leben wichtig finde: Nähe und Geborgenheit. Ich hätte niemals gedacht, dass es schwierig ist, eine Patchwork-Mama zu sein. Aber das ist es. Manchmal sogar sehr. Eine Liebe zu einem Kind aufzubauen, was man aber nur bedingt in seinem Alltag erleben kann, ist eben schwierig - Gefühlschaos inklusive.

Aber es ist eben auch schön. Und besonders.

Die Kinder sprechen mittlerweile davon, dass sie wie Geschwister, Halbgeschwister oder Freunde sind. Und davon, dass sie jetzt zwei Mamas, zwei Papas, vier Omas und vier Opas haben. Und ich glaube, sie finden das auch gut so.

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Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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