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Cool bleiben erwünscht

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Es ist ein für mich schwieriges Thema, denn ich habe das Gefühl es beherrscht gerade die Beziehung zwischen mir und meinem Sohn. Ich bin unsicher, ob ich ein zu großes Fass aufmache - und doch bin ich mir sicher, so wie es gerade ist, ist es schwierig. Dass es so nicht weitergehen kann, möchte ich nicht direkt sagen, aber irgendwie trifft es auch doch schon zu.

Alles muss cool sein. Der kleine Junge, den ich noch vor ein paar Monaten vor mir hatte, ist meistenteils weg. Und das noch nicht mal auf eine natürliche Art und Weise, sondern eher durch die Tatsache, dass ihn sein Umfeld dazu „zwingt".

Mit noch sieben Jahren ist er der Jüngste in der 3. Klasse. Und dann ist es noch eine jahrgangsübergreifende Klassenform, dass heißt die Hälfte der Klasse ist bereits in der 4. Demnach sind rund die Hälfte der Kinder 2-3 Jahre älter als er. Körperlich ist er von den Ältesten kaum zu unterscheiden, auch wenn es mir ein Rätsel ist, warum er eigentlich so extrem groß geraten ist.

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„Mammmaaaaa, sieht das cool aus?" ist der neue Standard-Satz bei uns. Oder: „Nein, eine lange Hose ist voll uncool und passt auch gar nicht zu den Turnschuhen.". Es dreht sich gerade alles um Fußball, was ich tendenziell gut finde, denn er bewegt sich viel und ist draußen an der Luft.

Aber in der eigentlich tollen Jungs-Gemeinschaft, die sich da gebildet hat, herrscht scheinbar gerade auch viel Druck. Das Körperbewusstsein ist schon stark vorhanden und auch die Wahrnehmung anderer und Ihrer Körper.

Einfach gesagt, mein Sohn kategorisiert plötzlich in dick, dünn, hässlich, schön, sportlich, unsportlich etc. Und dass, obwohl ich darauf so stolz war, dass es ihm bis dato noch ziemlich schnurzpiepegal war. Selbst an sich selbst stellt er fest, dass er dünner geworden ist, wenn er im Sommer viel Sport macht und weniger isst. Schade finde ich das.

Bei uns war gesunde Ernährung immer wichtig, aber ich habe nie den Fokus verbal darauf gelegt, da beide Kinder immer schon gerne Obst, Gemüse und Co. zu sich nahmen. Süßigkeiten waren nie verteufelt und von daher auch nichts, auf dass man sich wahllos stürzen musste, wenn es denn mal welche gab. Kurzum: es war alles gut.

Jetzt ist es das natürlich auch noch, aber ich empfinde es als anstrengend. Zur Ruhe kommen ist für ihn gerade auch extrem schwierig. Die Angst etwas zu verpassen, ist viel zu groß. Und Lego bauen ist auf einmal auch eher uncool. Dabei haben wir ein Regal voll damit, weil es immer seine Leidenschaft war.

Dafür liest er nun das Kicker-Magazin (lesen ist ja super!) und kennt von allen wichtigen Spielern alle möglichen Eckdaten. Wenn ich dann mal mit etwas „lieblicherem" wie beispielsweise malen, basteln, puzzlen usw. daher komme, ist das natürlich auch wieder voll uncool.

Wir wohnen direkt an einem Park (noch, denn das wird sich ja bald ändern...), in dem er immer Freunde trifft. Ist das Wetter also gut, zieht es ihn nach draußen. Da der Bewegungsdrang bei ihm schon immer groß war, erlaube ich ihm auch viele Auszeiten, in denen er ganze Nachmittage eigenständig mit seinen Kumpels verbringt.

Aber am Ende ist unsere gemeinsame Zeit dann sehr kurz - und schließlich damit gefüllt, dass wir dann auch mal ein paar Verpflichtungen nachgehen müssen, wie eine zu erledigende Hausaufgabe oder die Geburtstagskarte für die Oma. Und irgendwie fehlt da Zeit, die uns und vor allem ihm Ruhe bringt.

Und wenn ich meinem Sohn so zuschaue, bei allem, was er so macht, dann merke ich, dass er sich stresst, ohne es zu merken. Er ist einem Druck ausgesetzt, den ich nicht möchte - und am Ende streiten wir dann sogar, weil dieser Stress ihn grantig macht und er schon vorpupertäre Äußerungen heraus haut, die mich wahnsinnig machen.

Und ich bin schon eher der Typus Mutter, der mit liebevollen Grenzen erzieht. Denn alles andere wäre mit meiner Persönlichkeit nicht vereinbar. Und Grenzen ziehe ich auch nur dort, wo es wirklich notwendig ist. Ansonsten sollen sich die Kinder frei entfalten können auf dem Weg zu einem empathischen und liebevollen Menschen, so denke ich. Oder besser: so ist meine Wunschvorstellung.

Gerade versuche ich jeden Tag aufs Neue eben auch mal „cool" an die Sache heran zu gehen, meinen Sohn einfach machen zu lassen, denn so oder so: er ist ein wundervolles Kind. Aber dann sehe ich wieder, wie er sich quält, es nicht schafft, etwas anzufangen, sich dreht und wendet, um sich am Ende nur damit zu beschäftigen, wie er die coolen großen Jungs beeindrucken kann.

Nicht, dass Ihr mich falsch versteht, diese Jungs sind auch gute und tolle Kinder und auch keineswegs schlecht für ihn als Freunde, aber sie sind halt schon eine Ecke weiter in vielerlei Hinsicht - und das scheint irgendeinen Druck auszulösen.

Ihr merkt, den Schlüssel für dieses „Problem" habe ich noch nicht gefunden, aber vielleicht habt Ihr ein „Patentrezept" oder einen Tipp!?

Ich versuche gerade, ein wenig mehr Ruhe in unser Leben zu bringen - was als nahezu dauerhaft Alleinerziehende nicht gerade einfach ist. Aber eine tägliche gemeinsame Ruhe-Einheit muss gerade einfach mal sein.

Die Entspannungsmusik dabei (ja, ich versuche es mal so) findet Moritz zwar mehr als „uncool", aber nach einiger Zeit lässt er sogar das Kuscheln wieder zu. Ob es hilft....? Keine Ahnung! Aber diese gemeinsame Zeit tut einfach gut. Und wenn ich merke, dass er es schafft sich zu entspannen, dann tut es doppelt gut.

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