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Warum dein Baby NIEMALS die ganze Nacht durchschlafen wird

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BABY SCHLAF
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Wenn du Eltern fragst, wie sie die ersten Monate mit ihrem Baby fanden, wirst du mit Sicherheit sehr häufig die Antwort "anstrengend" zu hören bekommen.

Babys schlafen anders als Erwachsene. Und vor allem schlafen sie nicht so, wie Erwachsene das gerne hätten. Eltern sind permanent auf der Suche nach dem einen Wundermittel, das Babys dazu bringt, "die Nacht durchzuschlafen".

Ihre Suche ist jedoch vergebens, weil es dieses Mittel gar nicht gibt. Eltern können absolut nichts tun, damit ihre Babys die Nacht durchschlafen, weil Babys das nämlich niemals tun!

"Wow, die ist aber pessimistisch", denkst du dir jetzt vielleicht. Und manche sagen vielleicht auch: "MEIN Baby schläft aber nachts durch, du liegst also falsch!"

Auch Erwachsene schlafen nicht durch


Es ist jedoch ganz einfach eine Tatsache, dass Babys nachts nicht durchschlafen. Das haben sie nie und das werden sie auch in Zukunft nicht tun. Niemals. Ebenso schlafen auch Erwachsene nachts nie ganz durch und das wird sich auch bei ihnen nicht ändern.

Warum verwenden Eltern so viel Zeit und Geld darauf, einem Ziel hinterher zu jagen, das sie sowieso nicht erreichen können?

Zuerst einmal sollten wir uns überlegen, warum es unmöglich ist, einem Baby (oder auch einem Erwachsenen) beizubringen, die ganz Nacht durchzuschlafen. Diese Frage lässt sich ganz einfach beantworten: es liegt an unserem Schlafzyklus.

Mehr zum Thema: "Wer sein Kind im eigenen Bett schlafen lässt, spart sich später die Nachhilfe"

Jeder von uns, ganz egal welchen Alters, durchläuft bestimmte Schlafphasen. Diese Phasen beginnen mit dem Wachzustand und führen von einem leichten, zu einem mittleren bis hin zu einem tiefen Schlaf. Und schließlich beginnt alles wieder von vorne.

Erwachsene durchlaufen jede Nacht zwischen vier und sechs dieser Schlafphasen (was davon abhängt, wie lange sie insgesamt schlafen). Bei Erwachsenen dauert eine Schlafphase ungefähr neunzig Minuten.

Babys hingegen durchlaufen in einer Nacht durchschnittlich zwölf bis sechzehn Schlafphasen. Und diese Phasen dauern in etwa nur halb so lange wie bei Erwachsenen.

Das passiert am Ende einer Schlafphase

Das bedeutet also, dass Babys für gewöhnlich fünfzehn Mal pro Nacht aufwachen, und das jede Nacht! Sowohl bei Erwachsenen als auch bei Babys passiert am Ende einer Schlafphase eines der folgenden Dinge:

1. Man geht sofort in die nächste Schlafphase über und hat dadurch den Eindruck, über einen längeren Zeitraum 'tief und fest' geschlafen zu haben (zwei zusammenhängende Schlafphasen wären bei Erwachsenen ungefähr drei Stunden Schlaf und bei Babys in etwa eineinhalb Stunden). Manchmal gehen alle Schlafphasen direkt ineinander über, was für uns so wirkt, als hätten wir die ganze Nacht 'durchgeschlafen'.

2. Man wacht am Ende der Schlafphase auf. Dies kann zahlreiche Ursachen haben. Häufig liegt es jedoch daran, dass man Durst hat (oder bei Babys Hunger), dass es einem zu warm oder zu kalt ist, dass man unbequem liegt, dass man auf die Toilette muss oder dass man ein Geräusch gehört hat.

Angst, Sorgen und Stress können ebenfalls eine Rolle spielen - zum Beispiel, wenn man schlecht geträumt hat, wenn es zu hell ist, wenn man Schmerzen hat, wenn man zu aufgedreht ist und wenn man nicht mehr müde ist. Wir Erwachsene wissen meist gar nicht, warum wir gerade aufgewacht sind. Warum sollte das also bei Babys anders sein?

Wenn eines der in Punkt zwei aufgeführten Probleme bei einem Erwachsenen auftritt, also wenn sie durch irgendetwas gestört werden und deshalb die Schlafphasen nicht mehr fließend ineinander übergehen, dann können sie diese Probleme meist ganz einfach "lösen".

Babys können ihre Schlafprobleme nicht alleine lösen

Erwachsene haben die geistigen und körperlichen Fähigkeiten, um eigenständig dafür zu sorgen, dass sie problemlos von einer Schlafphase in die nächste übergehen können. Babys sind hingegen meist nicht in der Lage, die Probleme zu "lösen", durch die sie am Ende einer Schlafphase aufgewacht sind.

Sie brauchen die Hilfe ihrer Eltern dafür. Ihre Eltern müssen sie vielleicht füttern, ihre Decke oder ihre Kleidung wieder in Ordnung bringen, ihre Windel wechseln, den Lichteinfall verändern oder Lärm beseitigen, ihnen Medizin geben oder sie einfach nur beruhigen (indem sie die Babys hochheben und mit ihnen kuscheln.

Ganz genau: Die Babys *wollen* keine Umarmung, sie *brauchen* sogar eine!). Dass Eltern ihren Babys nachts diese Bedürfnisse erfüllen müssen, ist völlig normal. Babys sind nicht so manipulativ, dass sie mit Absicht Probleme erzeugen, um ihre Schlafphasen zu durchbrechen.

Um es mit anderen Worten auszudrücken sind Babys aus neurologischer und physiologischer Sicht schlichtweg nicht in der Lage, 'sich selbst zu regulieren' und 'sich selbst zu beruhigen', wenn sie nachts ein Problem haben.

Leider können Eltern nichts tun, um die Schlafphasen ihrer Babys zu verlängern. Die Phasen werden von allein länger, wenn das Baby älter wird. Das ist ganz einfach eine Entwicklungssache. Wir müssen endlich aufhören, von unseren Babys zu verlangen, dass sie "nachts durchschlafen", denn das ist rein faktisch einfach nicht möglich.

Dies ist ein Mythos und eine Fehlinformation, die uns zu dem Glauben bringt, dass es nicht in Ordnung ist, wenn ein Baby ganz normal schläft (das heißt, dass es mehrere kurze Schlafphasen hat, an deren Ende es regelmäßig aufwacht und nach seinen Eltern schreit).

Der normale Schlafrythmus des Babys wird zum Problem gemacht

Dadurch machen wir den ganz normalen Schlafrhythmus von Babys zu einem Problem, das behandelt werden muss. Skrupellose Personen oder Organisationen, die ihre Lösung für das "Problem" vermarkten wollen, schüren bei Eltern die Angst, dass ihr Kind sich geistig und körperlich nicht gesund entwickelt, wenn es nachts nicht länger und tiefer schläft.

Fakt ist jedoch, dass Babys nichts davon haben, wenn sie sich beim Übergang von einer Schlafphase in die nächste ruhig verhalten. Der Nutzen daran liegt einzig und allein bei den Eltern.

Heißt das also, dass Eltern überhaupt nichts tun können? Müssen sie einfach akzeptieren, dass sie jede einzelne Nacht einmal pro Stunde aufgeweckt werden? Nicht unbedingt. An dieser Stelle sollten wir uns anschauen, warum manche Babys es schaffen, ohne die Hilfe von Erwachsenen problemlos von einer Schlafphase in die nächste überzugehen (von diesen Babys wird dann fälschlicherweise behauptet, dass sie sich "selbst beruhigen" können).

Manchen Babys wurde durch ein spezielles Schlafverhaltenstraining beigebracht, dass sie selbst dann nicht schreien, wenn sie sich zwischen zwei Schlafphasen unwohl fühlen. Sie haben im Schlaftraining gelernt, dass ihnen ihr Schreien nichts bringt, weil die Eltern nicht darauf reagieren.

Es gibt jedoch auch Babys, die auf natürlich Weise von einer Schlafphase in die nächste übergehen. Und diese Babys sollten wir uns genauer anschauen. Wie schaffen sie es, ihre Schlafphasen reibungslos miteinander zu verbinden? Dazu gehört ganz einfach ein wenig Glück und die Tatsache, dass die Babys sich in einer Umgebung befinden, in der sie nichts 'stört'.

Ziel ist es, die bestmögliche Schlafsituation zu schaffen

Wenn Eltern sich wünschen, dass ihre Babys besser schlafen, sollten sie die Störfaktoren beseitigen, die verhindern, dass das Baby schnell und automatisch von einer Schlafphase in die nächste übergeht. Was gilt es hier zu beachten?

Ziel ist es, die bestmögliche Schlafsituation für das Baby erschaffen. Sowohl die inneren (die körperlichen) als auch die äußeren Faktoren sollten darauf abgestimmt sein, den Schlaf des Babys zu fördern. Dabei sollte man auf folgende Dinge achten:
  • auf die Bequemlichkeit (durch das richtige Bettzeug und durch körperliches Wohlbefinden: das heißt, dass das Baby keine Schmerzen oder Verdauungsprobleme hat)
  • auf die Temperatur
  • auf den Lichteinfall
  • auf die Geräuschkulisse
  • auf Gerüche
  • auf die individuell richtige Schlafenszeit für jedes Baby (und auf dessen Einschlafrituale)
  • darauf, dass das Baby keinen Hunger oder Durst hat
Damit Babys automatisch von einer Schlafphase in die nächste übergehen können, spielen auch die folgenden psychologischen Ursachen eine wichtige Rolle: Die Eltern müssen entweder beim Baby sein oder das Baby muss spüren können, dass die Eltern sich in seiner Nähe befinden.

Das Baby braucht körperliche Zuwendung und seine Bedürfnisse müssen erfüllt werden.

Die Ursachen für Ängste, Stress, Überstimulierung oder Erschrecken müssen so weit wie möglich beseitigt werden.

Leider gibt es hierbei kein allgemeingültiges Patentrezept (Vorsicht vor jeglichen 'Experten' oder Methoden, die vorgeben, die einzig richtige Lösung gefunden zu haben!) Jedes Baby ist anders und der Schlüssel liegt darin, herauszufinden, was dein Baby genau braucht. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, um seinem Baby zu gutem Schlaf zu verhelfen.

Gebt euch und eurem Kind Zeit

Die wichtigste "Lösungsmöglichkeit" habe ich jedoch noch gar nicht erwähnt, obwohl sie so simpel ist: lass dir einfach Zeit. Der Schlaf deines Babys wird sich verändern. Wenn es älter wird, werden seine Schlafphasen länger werden und dein Baby wird immer mehr in der Lage sein, die körperlichen und emotionalen Ursachen selbst zu beheben, die es daran hindern, reibungslos von einer Schlafphase in die nächste überzugehen.

Eltern sollten sich nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, ob sie 'schlechte Angewohnheiten' fördern oder ob sie 'sich gerade ihr eigenes Grab schaufeln'. Und sie sollten ihr Baby nicht dazu zwingen, möglichst schnell unabhängig von ihnen zu werden.

Ironischerweise entwickeln Babys sehr viel schneller die Fähigkeit, ihre Emotionen selbst zu regulieren, wenn ihre Eltern ihnen in den Anfangsmonaten besonders viel Aufmerksamkeit zukommen lassen. Und diese Fähigkeit hilft ihnen dabei, später ganz von allein von einer Schlafphase in die nächste überzugehen.

Wir müssen uns klarmachen, dass es so etwas wie 'die Nacht durchschlafen' einfach nicht gibt. Gab es nie und wird es auch nie geben. Diese Erkenntnis wird die Einstellung vieler Eltern verändern und damit auch in ihren Familien etwas bewegen, selbst wenn der Schlaf des Babys sich nicht ändert.

Wenn du dich ausführlicher darüber informieren möchtest, wie du deinem Baby dabei helfen kannst, problemlos von einer Schlafphase in die nächste überzugehen (ohne oberflächliches Schlafverhaltenstraining anzuwenden oder dein Baby zum Weinen zu bringen), findest du genaue Informationen dazu in meinem Buch 'The Gentle Sleep Book.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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