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Warum wir von kleinen Kindern nicht verlangen sollten, dass sie sich entschuldigen

30/03/2016 16:20 CEST | Aktualisiert 31/03/2017 11:12 CEST
Layland Masuda via Getty Images

Alle Eltern wollen ihre Kinder zu freundlichen, höflichen und rücksichtsvollen Menschen erziehen. Deshalb ist es selbstverständlich, dass sie von ihnen verlangen, dass sie sich entschuldigen, wenn sie einem anderen Kind wehgetan haben.

Das ist doch gewiss die beste Art, um Kindern gesellschaftliche Regeln und Vorstellungen näherzubringen und sicherzustellen, dass sie zu so empathischen Menschen werden, wie alle Eltern sich das wünschen?

Ebenso wie eine wachsende Zahl von Experten bin ich da anderer Meinung. Wenn man von Kindern verlangt, dass sie „Entschuldigung" sagen, kann das sogar dazu führen, dass man sie zu weniger freundlichen und rücksichtsvollen Menschen erzieht.

Mir ist klar, dass das für einige von euch beim Lesen seltsam klingen mag. Warum in aller Welt sollten wir nicht von unseren Kindern verlangen, dass sie sich entschuldigen, wenn sie etwas falsch gemacht haben? Das stelle ich auch gar nicht infrage, doch ich stelle die Art infrage, wie wir dabei vorgehen.

Kinder entwickeln erst spät Empathie

Bei kleinen Kindern ist die „Theory of Mind" noch sehr wenig entwickelt. Im Wesentlichen bedeutet das, dass sie die Sichtweisen von anderen Menschen noch nicht richtig verstehen können. Es fällt ihnen schwer, die Gefühle von anderen nachzuvollziehen, insbesondere dann, wenn ihre eigenen Gefühle davon abweichen.

Ihr kennt dies vielleicht unter dem Begriff „Empathie". Empathie bedeutet, dass man im übertragenen Sinn in der Haut eines anderen steckt und versteht, wie die Person sich in einer bestimmten Situation fühlt. Empathie ist jedoch die soziale Kompetenz, die Kinder zuletzt entwickeln.

Obwohl bei manchen Kindern die Fähigkeit zur Empathie eindeutig stärker ausgeprägt ist als bei anderen, sollte man realistischerweise davon ausgehen, dass Kinder erst über ausreichend Empathie verfügen, wenn sie mit der Schule anfangen. Kleinkinder und Vorschulkinder besitzen jedoch bekanntermaßen noch wenig Empathie.

Was nötig ist, um „Entschuldigung" zu sagen

Weil dies bedeutet, dass es einem Kind leid tut, was es getan hat. Doch damit es dem Kind leidtun kann, muss es erst verstehen, welche Gefühle es bei anderen erzeugt hat. Wenn beispielsweise ein Kleinkind ein anderes Kleinkind in einer Spielgruppe schlägt oder beißt, würde es bedeuten, dass das Kind versteht, dass es dem anderen Kind wehgetan hat, wenn es sich entschuldigt.

Außerdem würde es bedeuten, dass das Kind es bereut, das andere Kind verletzt zu haben, und dass es sich wünscht, dass es dem anderen Kind wieder besser geht. Wenn es jedoch noch über wenig Empathie verfügt (was in diesem Alter normal ist), dann hat es solche Gedankengänge nicht.

Willst du deinem Kind wirklich beibringen zu lügen?

Tatsächlich ist jedoch so, dass ein Kind, das ein anderes Kind gebissen oder geschlagen hat, weil es ein Spielzeug haben wollte, sogar glaubt, dass das verletzte Kind sich freut, weil es selbst sich ja auch freut, da es das Spielzeug jetzt hat. Wenn man in so einem Fall das Kind dazu zwingt, sich zu entschuldigen, bringt man es nicht dazu, dass es ihm leid tut, sondern man zwingt es in Wirklichkeit dazu, zu lügen.

„Na und? Sie müssen es eben lernen", denkst du dir jetzt vielleicht. Doch willst du deinem Kind wirklich beibringen zu lügen? Findest du es richtig, dass du deinem Kind beibringst zu lügen, weil es weiß, dass es Probleme umgehen kann, wenn es „Entschuldigung" sagt (auch wenn es ihm gar nicht leidtut)?

Solange dein Kind noch im Kleinkind- oder Vorschulalter ist, werden dir die Auswirkungen davon noch nicht bewusst werden, doch sobald du einen Schulhof betrittst, hörst du überall nur noch Entschuldigungen.

Die meisten davon sind höchstwahrscheinlich leer und falsch. Es tut den Kindern nicht aufrichtig leid, sie haben nur gelernt, dass sie aus Schwierigkeiten herauskommen, wenn sie sich entschuldigen.

In diesem Fall klingen die meisten Entschuldigungen unglaublich heuchlerisch, und zwar weil sie es sind. Ein Kind streitet sich auf dem Schulhof mit einem anderen Kind. Die Pausenaufsicht geht dazwischen und verlangt von dem Kind, das angefangen hat, dass es sich entschuldigt. Das Kind sagt wie ein Papagei „Entschuldigung" und es kommt damit davon.

Dem Kind tut es höchstwahrscheinlich nicht wirklich leid, es hat nur gelernt, dass es keine Schwierigkeiten bekommt, wenn es lügt. Ist es dir lieber, dass dein Kind sich so verhält (dass es lügt, um Probleme zu umgehen) oder dass es nur dann „Entschuldigung" sagt, wenn es das auch wirklich so meint?

Empathie ohne Lügen fördern

Bedeutet es also, dass du immer alles erlaubst und deinem kleinen Schatz „alles durchgehen lässt", wenn du nicht von deinem Kind verlangst, dass es sich entschuldigt? Damit erziehst du dein Kind doch gewiss zu einem noch weniger einfühlsamen Menschen? Definitiv!

Die Alternative bedeutet jedoch nicht, dass du einfach alles ignorierst, sondern dass du auf eine Art damit umgehst, die Empathie ohne Lügen fördert. Wenn du zum Beispiel in einer Spielgruppe bist und dein Kind ein anderes Kind schubst und zum Weinen bringt, solltest du als Mutter oder Vater dich zuerst einmal bei dem Kind und bei der Mutter oder dem Vater des Kindes entschuldigen, weil es dir vermutlich wirklich leid tut.

Damit bist du ein tolles Vorbild für dein eigenes Kind. Danach solltest du deinem eigenen Kind an einem ruhigen Ort ganz einfach erklären, dass das andere Kind geweint hat, weil es ihm wehgetan hat, geschubst zu werden. Dies ist eine wunderbare Weise, um die Fähigkeit zur Empathie bei deinem Kind zu fördern. Du kannst ihm noch einmal sagen, dass es „nicht schubsen, sondern seine Stimme nutzen soll", wenn es sich nächstes Mal über etwas ärgert.

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Dein Kind wird beim nächsten Mal zwar höchstwahrscheinlich wieder schubsen, weil Zwei- und Dreijährige das eben so machen, doch wenn du diesen Prozess jedes Mal wiederholst, stehen deine Chancen sehr viel höher, dass dein Kind aufrichtige Empathie entwickelt und dass es ihm, wenn es einmal älter ist, auch wirklich leid tut, wenn es „Entschuldigung" sagt. Wäre das nicht eigentlich allen Eltern lieber?

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post UK erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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