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Warum man ein Kind nicht für einen Wutanfall bestrafen sollte

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TANTRUM
A photo looking down at an upset toddler - as if asking to be picked up. | NatalieShuttleworth via Getty Images
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Laut gängigen Erziehungsweisheiten gibt es genau zwei Arten, wie man auf Wutanfälle von Kleinkindern reagieren sollte. Entweder, indem man das „aufmerksamkeitsheischende Verhalten" ignoriert und das Kleinkind belohnt, wenn es brav ist, oder indem man das Kleinkind dadurch bestraft, dass man es ausschließt.

In Millionen Haushalten auf der ganzen Welt werden Kinder auf die „stille Treppe" oder in eine Auszeit geschickt. Doch funktionieren diese Erziehungsmethoden wirklich? Laut Kinderpsychologie und Neurowissenschaften funktionieren sie nicht.

Im Folgenden findest du vier Gründe, warum du beim nächsten Wutanfall deines Kleinkindes deine Reaktionsweise überdenken solltest.

1. Kleinkinder können nichts für ihre Wutanfälle.

Kleinkinder bekommen aus einem ganz einfachen Grund Wutanfälle, nämlich weil ihr Gehirn nicht so funktioniert wie das von Erwachsenen. Durch die noch unreifen Verbindungen in ihrem Gehirn können sie ihre Emotionen nicht so gut kontrollieren wie wir.

Durch unser fertig entwickeltes Gehirn können wir unsere Impulse kontrollieren, ein sozial akzeptiertes Verhalten an den Tag legen und unsere Emotionen mäßigen, bevor wir gewalttätig werden oder die Kontrolle verlieren.

Kleinkinder können das schon rein körperlich nicht. Wenn sie einen Wutanfall haben, sind sie nicht böse oder wollen uns manipulieren, sie sind einfach Kleinkinder, die mit starken Gefühlen, schlechten Kommunikationsfähigkeiten und noch schlechteren Fähigkeiten zur Regulierung ihrer Emotionen zu kämpfen haben.

Auf uns wirkt es vielleicht lächerlich, wenn man wegen der Farbe einer Tasse oder der Form, wie Sandwiches geschnitten wurden, einen Wutanfall bekommt, doch für Kleinkinder sind diese Dinge so wichtig wie es für uns wichtig ist, die Miete oder Hypothek zu bezahlen. Bloß weil etwas für uns keine „große Sache" ist, heißt nicht, dass ein Kleinkind das genauso empfindet.

2. Kleinkinder können sich nicht selbst beruhigen.

Man muss sich Kleinkinder wie einen Topf voller Wasser vorstellen, der ohne Deckel auf der Herdplatte erhitzt wird. Wie beim Wasser im Topf steigen beim Kleinkind starke Emotionen auf und köcheln vor sich hin, bis sie plötzlich wie bei einem unbeobachteten Topf an den Siedepunkt kommen und überkochen.

Kleinkinder können im Gegensatz zu Erwachsenen das Gas nicht herunterdrehen, sie hören erst auf, wenn alles verkocht ist und sie erschöpft sind. Erwachsene können ihr eigenes emotionales Thermostat regulieren, sie können das Gas herunterdrehen und einen Deckel drauflegen.

Kleinkinder können das nicht, sie sind auf unsere Hilfe angewiesen. Kleinkinder brauchen einen Erwachsenen, der das Überkochen verhindert, das Gas herunterdreht und einen Deckel drauflegt.

Mit anderen Worten ausgedrückt müssen wir ihnen helfen, sich zu beruhigen. Sie brauchen beruhigende Worte und Umarmungen, Geduld und Unterstützung. Sie einfach nur in eine Auszeit oder auf die „stille Treppe" zu schicken ist so, als würde man warten, bis alles „verkocht" ist.

Sie denken nicht darüber nach, was sie falsch gemacht haben, oder was sie nächstes Mal besser machen können, ihr Gehirn ist noch nicht fähig für solche komplexen Gedankengänge. Sie beruhigen sich nicht bewusst, sie beruhigen sich lediglich aus zwei Gründen - weil sie irgendwann erschöpft sind und weil sie lernen, dass du ihnen erst wieder zeigst, dass du sie lieb hast, wenn sie sich beruhigt haben.

Durch diese Methoden bringt man ihnen lediglich bei, ihre Gefühle zu verstecken. Wen wundert es, dass so viele Erwachsene Probleme haben, sich emotional zu öffnen, wenn wir genau dieses Verhalten bei unseren Kindern fördern?

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3. Kleinkinder leiden genauso unter ihren Wutanfällen.

Wenn Kleinkinder einen Wutanfall haben, ist es für ihre Eltern echt nicht leicht. Oft fühlt es sich so an, als würde ein Kleinkind bestimmte Dinge absichtlich tun, nur um dich „auf die Palme zu bringen".

Sie suchen sich immer den schlechtesten Zeitpunkt dafür aus, wenn du müde, krank oder gerade in der Öffentlichkeit bist. Du bist beschämt, verlegen, wütend, hilflos, manchmal sogar außer Kontrolle. Es ist nur so, dass es deinem Kleinkind ganz genauso geht.

Ihnen bereiten Wutanfälle auch kein Vergnügen. Stell dir mal vor wie schlimm es sich anfühlen muss, wenn man völlig außer sich ist und die Person, die man auf der ganzen Welt am meisten liebt und der man am meisten vertraut, einen komplett ignoriert, wenn man sie wirklich braucht.

So schlimm es auch für Eltern ist, wenn ihr Kleinkind einen Wutfanfall hat, ist es noch unendlich schlimmer, das Kleinkind zu SEIN, das gerade einen Wutanfall hat!

4. Kleinkinder haben oft Wutanfälle, weil sie sich nicht mit uns verbunden fühlen.

Kleinkinder bekommen besonders oft Wutanfälle, wenn ihnen die Verbindung zu ihren Eltern fehlt. Dies geschieht zum Beispiel häufig, wenn sie ein Geschwisterchen bekommen, mit dem Kindergarten anfangen oder wenn ihre Mutter wieder zu arbeiten beginnt.

In diesen Fällen fühlen Kleinkinder sich weniger verbunden. Dieser Mangel an Verbindung löst bei Kleinkindern Gefühle extremer Verletzlichkeit, Verwirrung und Angst aus. Stell dir vor, dein Partner kommt abends nach Hause und sagt: „Hi Schatz, das ist meine neue Freundin, sie zieht bei uns ein. Ich liebe sie sehr und ich liebe dich noch genauso wie vorher und mit der Zeit wirst du sie auch lieben." Klingt komisch?

Tatsächlich läuft es jedoch genau so ab, wenn du deinem Kleinkind sein neues Geschwisterchen vorstellst. Wenn man sich überlegt, wie sehr sie das verunsichert, wen wundert es dann noch, dass sie Wutanfälle bekommen?

Die beste Art, damit umzugehen, ist, dass man ihnen nicht noch mehr das Gefühl von mangelnder Verbindung gibt, indem man sie ignoriert oder sie in einer Auszeit ausschließt, sondern indem man ihnen durch sein Verhalten und Verständnis zeigt, dass man sie immer noch genauso sehr liebt wie vorher. Man muss sich wieder mehr mit ihnen verbinden, nicht weniger.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post UK erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.




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