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Wenn ihr euch so verhaltet, lehnt euer Kind sein Geschwisterchen ab

22/06/2016 17:14 CEST | Aktualisiert 23/06/2017 11:12 CEST
Marc Romanelli via Getty Images

Ist in eurer Familie gerade ein zweites Kind geboren worden? Ich wette, dass euer erstes Kind eines, oder vielleicht auch alle der folgenden Verhaltensmuster an den Tag legen wird:

  • Verstärkte Wutanfälle
  • Verstärktes Quengeln
  • Gewalt gegenüber des Neugeborenen
  • Gewalt euch gegenüber
  • Schlafprobleme
  • Verweigern der Toilettengänge

Bestraft euer Kind nicht für sein Verhalten

Der allgemeine Elternverstand sagt euch, euer Kind für einen Moment auf den „bösen Stuhl" zu setzen oder ihnen ein Time-Out zu geben. Es heißt: „Sie müssen lernen, dass ihnen nicht mehr eure ungeteilte Aufmerksamkeit gilt" Und: „Sie sind vielleicht eifersüchtig, aber ihr müsst die Kontrolle behalten und das Verhalten gleich im Keim ersticken." Diese Ratschläge könnten die Situation aber noch verschlimmern.

Wenn eine solche Situation eintritt, dann müsst ihr euer erstgeborenes Kind vor euer Neugeborenes stellen, denn sie sind verletzt. Sehr verletzt. Ihre ganze Welt steht plötzlich Kopf und sie verspüren ein Gefühl von Traurigkeit, das sie nicht kennen.

Warum? Stellt euch folgende Szene vor:

Ihr kommt abends nach Hause und euer Partner begrüßt euch an der Tür mit den Worten „Hallo Liebling, wie war dein Tag? Ich habe eine Überraschung für dich! Ich möchte dir meine neue Lebensgefährtin/meinen neuen Lebensgefährten vorstellen, ist das nicht großartig? Er/sie wird ab jetzt bei uns wohnen. Wir sind dann eine große, glückliche Familie. Ich weiß, das kommt jetzt etwas plötzlich für dich, aber ihr werdet euch großartig verstehen. Ich habe genug Liebe für euch beide!"

Die Kinder stehen vor einer völlig neuen Situation

Wie würdet ihr euch fühlen? Wütend? Traurig? Schockiert? Fragt ihr euch, warum euer Partner das Bedürfnis nach einer weiteren Partnerin/einem weiteren Partner hatte? Reichst du ihm/ihr nicht mehr? Das hört sich total verrückt und weit hergeholt an, aber stell dir einfach mal vor, du wärst in dieser Situation. Dann weißt du, wie sich der große Bruder oder die große Schwester jetzt fühlt. Sie haben nicht um ein Geschwisterchen gebeten.

Tatsächlich hatten sie wahrscheinlich gar kein Mitspracherecht. Ihr Leben bei euch war toll, sie bekamen 100 Prozent Aufmerksamkeit, jetzt sind es nur noch 50 Prozent oder noch weniger. Warum brauchtet ihr noch jemanden? Waren sie nicht genug? Warum das zweite Kind?

Wenn ihr euch auch so fühlt, dann sucht ihr sicher auch nach Ventilen, um diese Gefühle rauszulassen. Vielleicht schlagt ihr um euch, um eure schlimmste Wut an dem neuen Partner auszulassen. Er oder sie ist schließlich der Grund dafür, dass euer Leben zerbricht. Vielleicht schreit, weint und jammert ihr, dass das alles nicht fair sei. Vielleicht könnt ihr nachts nicht mehr schlafen.

Aus der Sicht eines Kleinkindes oder Vorschulkindes ist ihr Verhalten ein ganz normaler Ausdruck von Trauer, Wut, Schock und Traurigkeit. All die Gefühle, die sie jetzt verspüren. Das Schlimmste, das ihr als Eltern jetzt machen könnt, ist, die Trennung von euch, die euer Kind empfindet, durch Strafen oder Ignorieren noch zu verstärken.

Welche Nachricht wird hier verschickt? „Nein, du hast uns nicht mehr gereicht, ich liebe das kleine Neugeborene tatsächlich noch mehr und möchte dich nicht mehr in meiner Nähe haben." Nicht grade der beste Schritt, um diese neue Geschwister-Beziehung zu beginnen.

baby sibling

Was kann man also machen? Hier sind fünf Ratschläge für den besten Umgang mit großen Geschwistern, die Probleme mit dem Neugeborenen haben.

1. Vor allem müsst ihr ein bisschen Verständnis aufbringen.

Ihr müsst die Gefühle eures Kindes verstehen. Versucht, durch ihr freches Verhalten hindurchzuschauen, um die Verletzung und Verwirrung zu erkennen. Jedes Verhalten ist eine Form der Kommunikation. Was wollen eure Kinder euch mitteilen? Je frecher das Verhalten, desto verletzter sind sie und desto mehr brauchen sie eure Liebe, Aufmerksamkeit und Unterstützung.

2. Hört auf mit dem „großer Junge"- und „großes Mädchen"-Gerede.

Wenn ein weiteres Kind geboren wird, dann erscheinen die älteren Kinder plötzlich riesig. Aber so ist es nicht. Nicht wirklich. Du sagst Dinge wie „Du bist jetzt ein großer Junge" oder „Du hast jetzt ein neues Bett für große Mädchen". Aber wer bekommt jetzt die Aufmerksamkeit bei euch? Die größeren Kinder oder das Baby?

Wenn sich bei euch zu Hause alles nur um das Baby dreht, dann macht es wenig Spaß, groß zu sein. Besonders, wenn man plötzlich aus seinem kleinen Bett oder Zimmer geworfen wird, um Platz für das Baby zu machen. Habt ihr euch mal gefragt, warum Kinder bei der Geburt eines Geschwisterkindes plötzlich wieder in Baby-Sprache sprechen, die Flasche haben oder gar gestillt werden wollen? Hier kommt die Antwort: Es erscheint schöner, ein kleines Kind zu sein! Versucht, von euren älteren Kindern nicht immer nur als „große Kinder" zu sprechen. Etwas wie „Du bist immer noch mein Baby" ist so viel besser!

3. Verbringt Zeit alleine mit dem älteren Kind.

Nur ihr beide, ohne das Baby. Zu viele junge Familien organisieren sich so, dass der Vater das ältere Kind zur Schule bringt, mit ihm in den Park geht oder es zur Spielgruppe fährt. Die Mutter kümmert sich zu Hause um das Baby. Aber andersrum ist es besser.

Mama muss auch mal etwas alleine mit dem älteren Kind unternehmen, während Papa sich um das Baby kümmert. Und zwar jeden Tag. Kinder, die noch gestillt werden, können auch mal eine halbe Stunde ohne Stillen auskommen. Für diese besondere gemeinsame Zeit muss jeden Tag Platz im Kalender sein. Konzentriert euch aufs Spielen. Kinder kommunizieren durchs Spielen und schaffen eine Verbindung.

4. Behaltet eure übliche Routine drei Monate vor der Geburt des Kindes und bis drei Monate danach bei.

Fangt jetzt nichts Neues mit eurem älteren Kind an, das auf das Baby zurückgeführt wird. Lasst ihnen ihr altes Kinderzimmer und ihr altes Bett. Schafft nicht auf die Weise Platz für das Baby, indem ihr dem älteren Kind etwas nehmt. Gewöhnt eurem älteren Kind in der Zeit zwischen dem sechsten Monat der Schwangerschaft und dem Zeitpunkt, bis das Baby drei Monate alt ist, auch nicht das Töpfchen ab. Dekoriert nicht das Kinderzimmer um. Beständigkeit und Vorhersehbarkeit bedeuten für euer Kind Sicherheit.

5. Übertragt dem älteren Kind Verantwortung.

Bittet es, euch mit dem Baby zu helfen. Welche besonderen Aufgaben können ältere Kinder übernehmen? Vielleicht frische Windeln bringen? Den Schlafanzug des Babys holen? Dem Baby sein Kuscheltier geben? Je mehr ihr eurem älteren Kind das Gefühl gebt, dass es euch in der neuen Situation mit dem Baby hilft, desto besser.

Schenkt eurem älteren Kind vielleicht eine eigene Puppe (möglicherweise mit dem gleichen Geschlecht des Babys) und schlagt vor, dass es die Puppe wickelt oder füttert, während ihr euch um das Baby kümmert. Sagt eurem Kind immer wieder, was für eine große Hilfe und was für ein wichtiger Teil in dieser neuen Situation es für euch ist: „Du bist mir so eine große Hilfe mit dem Baby, vielen Dank!"

Mit der Zeit werdet ihr hoffentlich Freunde für ein ganzes Leben schaffen, aber die erste Zeit oder das erste Jahr mit dem Baby kann für euch alle schwierig sein. Der Schlüssel für eine gesunde Geschwisterbeziehung ist es, Verständnis für euer erstgeborenes Kind und dafür, was es gerade durchmacht, aufzubringen. Ihr Verhalten ist kein Zeichen von bösem Willen oder Neid. Sie sind verletzt und verwirrt. Ihr müsst verstehen, dass ihr manchmal, wahrscheinlich auch sehr oft, die Bedürfnisse eures Kindes oder sogar beider Kinder, nicht stillen könnt. Ihr seid nur eine einzelne Person und wenn eines eurer Kinder einmal weint, dann ist das schwer, aber es lässt sich nicht vermeiden. Wenn ihr mit dieser neuen Situation Schwierigkeiten habt, dann lest auch meinen anderen Artikel.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

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Ihr könnt auch einfach Zeit spenden: Als Vorlesepate von Kindernim Raum Stuttgart bei Leseohren e.V.

Oder ihr werdet gleich Pate für ein Kind und schenkt ihm ein Stück unbeschwerte Freizeit: Solche Paten vermittelt zum Beispiel das Projekt Biffy Berlin.

(LM)

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