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8 Gründe, warum Schlaftraining für Babys eine schlechte Idee ist

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BABY SLEEP
Schlafendes Baby | Valueline via Getty Images
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Denkst du auch gerade darüber nach, deinem Baby das Schlafen beizubringen, weil momentan in allen Medien darüber berichtet wird, dass Schlaftraining harmlos ist? Hier findest du acht Gründe, warum du mit deinem Baby lieber kein Schlaftraining machen solltest.

1. Schlaftraining wird dem normalen Babyschlaf nicht gerecht

Die Befürworter von Schlaftraining haben ein falsches Verständnis davon, wie normaler Babyschlaf eigentlich aussehen sollte. Babys und kleine Kinder schlafen nicht so wie Erwachsene. Und es gibt einen guten Grund, warum sie das auch gar nicht sollen. Niemand schläft "die Nacht durch", ganz egal in welchem Alter.

Unser Schlaf besteht aus mehreren zeitlich begrenzten Abschnitten, den sogenannten "Schlafphasen". Bei neugeborenen Babys dauern die einzelnen Schlafphasen etwa 45 Minuten. Bei Erwachsenen dauern sie ungefähr doppelt so lange.

Am Ende jeder Schlafphase wachen wir zwar kurz auf, wir werden dabei jedoch nicht richtig wach. Danach beginnt eine neue Schlafphase und wir bemerken gar nicht, dass wir von einer Phase in die nächste übergehen. Manchmal wachen wir auch richtig auf und können danach eine Weile nicht mehr einschlafen. Das ist bei Babys nicht anders.

Mit dem Unterschied, dass die Schlafphasen von Babys bedeutend kürzer sind als unsere, und dass Babys etwa 10 bis 12 Mal pro Nacht wach werden können. Für die Eltern mag das zwar anstrengend sein, doch für Babys ist das sehr wichtig. Denn das wiederholte Aufwachen ist ein Schutz für sie und bewahrt sie vor dem Plötzlichen Kindstod, der auch Krippentod genannt wird. Babys zu tieferem und längerem Schlaf hin zu erziehen, ist unnatürlich und kann sich negativ auf sie auswirken.

Außerdem ist bei Babys der Biorhythmus, die sogenannte innere Uhr, noch nicht fertig ausgebildet. Durch chemische Schlafsignale fühlen wir uns je nach Tageszeit entweder wach oder schläfrig. Unter vier Monaten können Babys noch nicht zwischen Nacht und Tag unterscheiden.

Bei älteren Babys funktioniert der Biorhythmus allmählich fast so gut wie bei Erwachsenen. Dennoch ist er noch nicht genauso gut ausgebildet und es kann passieren, dass sie bis ins Schulalter hinein noch nachts aufwachen. Ab dem Schulalter ist der Biorhythmus dann fertig entwickelt.

Im Klartext bedeutet das also, dass Babys gar nicht so schlafen sollen wie Erwachsene.

2. Die Schlaftraining-Theorie überschätzt die Fähigkeiten von Babys

Die Theorie des Schlaftrainings geht davon aus, dass Babys wie Erwachsene denken, doch das tun sie nicht. Wenn wir uns erschrecken oder Angst haben, können wir rational mit unseren Emotionen umgehen und uns selbst beruhigen - zumindest können das die meisten von uns. Manche Erwachsene können ihre Emotionen nur schlecht selbst regulieren. Bestimmt kennst du auch jemanden mit einem kurzen Geduldsfaden.

Damit wir unsere Emotionen regulieren können, muss eine komplexe Abfolge neurologischer Vorgänge stattfinden, was eine gute Gehirnfunktion voraussetzt. Bei Babys ist die Gehirnfunktion noch nicht ausreichend ausgeprägt und ihre kleinen Gehirne müssen sich erst noch fertig entwickeln.

Wenn wir wie die meisten Befürworter von Schlaftraining verlangen, dass Babys sich "selbst beruhigen" oder "von allein wieder herunterkommen" müssen, dann gehen wir von der falschen Annahme aus, dass die Babys wirklich ihre Emotionen regulieren und deshalb ruhiger werden. Doch das ist nicht der Fall.

Die Babys leiden zwar noch immer unter starker Angst, doch sie kommunizieren diese nicht mehr. Sie sind dann vielleicht still, doch sie sind nicht ruhig. Das sind zwei verschiedene Dinge. Manche Babys sind von Natur aus ruhig, es ist jedoch wichtig, dass dies nicht mit "Selbstberuhigung" verwechselt wird, wie dieser Artikel verdeutlichen soll.

3. Schlaftraining funktioniert auf lange Sicht nicht

Studien über die Langzeitfolgen von Schlaftraining liefern interessante Ergebnisse. Wenn man mit seinem Baby ein Schlaftraining gemacht hat und dadurch eine kurzfristige "Verbesserung" eingetreten ist, dann geht man doch wahrscheinlich davon aus, dass diese Verbesserung länger als ein paar Monate anhält, oder nicht? Die Untersuchungen dazu kommen jedoch zu einem anderen Ergebnis.

In einer großangelegten Studie zu den Langzeitfolgen von Schlaftraining sollte bewiesen werden, dass das Training keine negativen Auswirkungen hat. Diese Studie ergab jedoch, dass man mit Schlaftraining auf lange Sicht keine positiven Ergebnisse erzielt. Mit anderen Worten bedeutet das: Babys, mit denen Schlaftraining gemacht wurde, schliefen im Endeffekt nicht besser als Babys, mit denen kein Schlaftraining gemacht wurde.

4. Schlaftraining funktioniert auch kurzfristig nicht immer

Viele Menschen glauben, dass Schlaftraining immer funktioniert. Doch das stimmt nicht. Jedes Jahr bitten mich hunderte Eltern um Rat, die vorher mit einem konventionellen Schlaftrainer zusammengearbeitet haben, oder die den Plan eines Buches über Schlaftraining befolgt haben und nicht verstehen können, warum das Training bei ihrem Baby nicht funktioniert hat.

In vielen Fällen verschlechtert sich der Schlaf eines Babys durch konventionelles Schlaftraining sogar und die Eltern befinden sich danach in einer noch schlechteren Position als vorher. Schlaftraining beruht meist darauf, das Verlangen des Babys zu "brechen", nach seinen Eltern zu rufen (zu weinen), wenn es einsam ist, Angst oder Hunger hat, oder wenn es sich unwohl fühlt.

Manchmal ist dieses Verlangen, was die tatsächlichen Bedürfnisse des Babys widerspiegelt, jedoch so stark, dass das Baby ruhig wird (was fälschlicherweise als "beruhigt" oder "heruntergekommen" bezeichnet wird). Babys können dadurch sogar noch aufgelöster und verzweifelter werden, weil sie wollen, dass ihre Bedürfnisse erfüllt werden. Manche Eltern stellen fest, dass ihr Baby durch das Schlaftraining sogar noch "anhänglicher" wird.

5. Schlaftraining kann das Vertrauen deines Babys in dich stören

Eigentlich wollen doch alle Eltern, dass ihr Baby mit dem Wissen aufwächst, dass es ihnen vertrauen kann. Sie wollen, dass ihr Kind weiß, dass sie immer für ihr Kind da sind und dass es bei allen Problemen immer zu ihnen kommen kann. Doch inwiefern wird ihnen dieses Wissen durch Schlaftraining vermittelt? Inwiefern stärkt Schlaftraining ihr Vertrauen in ihre Eltern?

Eigentlich ist genau das Gegenteil der Fall. Wenn Babys nachts schreien, mag das zwar anstrengend und unbequem sein, sie schreien jedoch aus einem guten Grund - weil sie ihre Eltern brauchen. Wenn man nicht auf ihr Schreien reagiert und sie nicht beruhigt und ihre Bedürfnisse nicht erfüllt (und dabei reicht es nicht, sie ein wenig zu tätscheln und "psssst" zu sagen), dann kann es leicht passieren, dass dadurch ihr Vertrauen in die Eltern gestört wird. Wenn dein Kind schon als Baby nicht darauf vertrauen kann, dass du ihm bei seinen Problemen hilfst, wie soll es dir dann seine Probleme anvertrauen, wenn es erst einmal älter ist?

Außerdem durchlaufen die meisten Babys eine ganz normale Phase der sogenannten Trennungsangst. Diese Phase ist aus psychologischer Sicht eigentlich ein sehr gutes Zeichen, auch wenn man sich dies nur schwer vorstellen kann, wenn ein Baby jedes Mal sofort zu schreien beginnt, wenn man es hinlegt.

Wenn Babys sich in dieser Phase befinden, müssen sie immer wieder darin bestärkt werden, dass alles in Ordnung ist. Dass man wieder zu ihnen zurückkommt. Dass man sie nicht allein lässt. Babys brauchen diese Phase, um Vertrauen zu ihren Eltern aufbauen zu können. Wenn sie das nicht tun (weil ihre Bedürfnisse nach den Regeln des Schlaftrainings nicht erfüllt werden), müssen die Eltern die Konsequenzen daraus höchstwahrscheinlich später tragen.

6. Schlaftraining befasst sich nicht mit tatsächlichen Problemen

Es ist zwar völlig normal, dass Babys zwischendurch aufwachen, doch in manchen Fällen bestehen bei Babys auch echte Schlafstörungen. Diese Fälle werden beim konventionellen Schlaftraining oft nicht beachtet, was später zu größeren Problemen führen kann.

Zum einen kann es körperliche Gründe für Schlafstörungen geben: ein verkürztes Zungenbändchen, eine Allergie gegen Kuhmilch, Laktoseintoleranz, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Reflux, eine gestörte Darmflora, erhöhter Hirndruck, durch die Geburt entstandene Verletzungen und Schlafapnoe.

Zum anderen können auch äußere Umstände der Grund dafür sein: zu viel künstliches Licht, eine zu hohe Raumtemperatur, dass das Baby nicht passend zugedeckt ist, dass die Schlafenszeiten ungünstig sind und vieles mehr. Außerdem können auch psychologische Gründe vorliegen: das Bedürfnis nach stärkerer Bindung (dies gilt vor allem für berufstätige Mütter), das Bedürfnis, bei Trennungsangst beruhigt zu werden, sowie Entwicklungsschübe und Entwicklungsphasen. Beim Schlaftraining werden diese Gründe komplett missachtet.

7. Schlaftraining basiert auf einem falschen Verständnis der Entwicklung von Eigenständigkeit

Viele Eltern beginnen mit dem Schlaftraining aus Angst, dass ihre Kinder zu anhänglich und nie eigenständig werden könnten. Dieses schlimme Missverständnis ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Man kann Kinder nicht dazu zwingen, eigenständig zu werden. Man kann sein Kind nur zur Eigenständigkeit erziehen, indem man ihm erlaubt, dass es so lange von seinen Eltern abhängig sein darf, wie es das braucht.

Wenn Kinder sich sicher genug fühlen, beginnen sie ganz von allein damit, nach und nach den Rest der Welt zu entdecken. Zwingt man sie jedoch, sich abzulösen, bevor sie bereit dazu sind, dann führt dies sogar zu noch geringerer Eigenständigkeit und Angst. Du kannst dein Baby gar nicht zu oft im Arm halten. Wirklich nicht.

8. Schlaftraining ist anstrengend und nur schwer auszuhalten

Ich habe noch kein einziges Mal Eltern kennengelernt, die mit ihrem Kind Schlaftraining gemacht haben und sagten: "Es ging, es war gut." Alle Eltern hatten mir berichtet, dass es sehr schwer ist und dass es schlimm ist, mit ansehen zu müssen, wie das eigene Kind schreit und dass man seine Bedürfnisse nicht erfüllen darf.

Du hast doch nicht umsonst Elterninstinkte. Hör auf sie! Es gibt einen Grund, warum die meisten renommierten Experten für Schlaftraining selbst gar keine Kinder haben. Wenn sie wissen würden, wie es sich anfühlt, wenn einem das Herz zerrissen wird, dann würden sie bestimmt nicht dazu raten.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post UK erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.


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