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Warum die AFD nach einem Bildungsdschihad schreit

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AFD ISLAM
MARIJAN MURAT via Getty Images
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Viele denken an 1933 zurück. Ich aber an 613. Als ein friedlicher Mann und seine Anhänger wegen ihres Glaubens ausgegrenzt, beleidigt, erniedrigt, verleumdet, verfolgt, vernichtet und verstümmelt wurden. Ich denke an Gottes Befehl und Besänftigung, mit Geduld und charakterlicher Stärke, Kühle und Verstand, Standhaftigkeit und Tapferkeit, einem Lächeln und Wärme, auf Mörder und Verfolger zu reagieren, ihnen immer wieder auf's Neue die Hand zu reichen, die sie so gerne abschlagen würden.

Ich dachte voller Ehrfurcht und Verzweiflung an 613 zurück, an einen Mann namens Mohammed und seine Anhänger in Mekka, als ich gezwungen war, mühsam eine rassistische Propagandaschrift zu lesen, die sich als Parteiprogramm eines demokratisches Rechtsstaates ziert und dabei mit jedem Wort und jedem Buchstaben die Grundpfeiler von Demokratie und Freiheit zerschmettert.

Fatale Folgen von Unwissenheit

So paradox dies auch erst klingen mag, aber die AfD exemplifiziert mit ihrem Grundsatzprogramm und ihren rassistischen Ressentiments gegenüber Muslimen und Menschen mit Migrationshintergrund die fatalen Folgen von Unwissenheit und oberflächlicher religiöser Bildung. Es beweist gar die dringende Notwendigkeit koranisch-fundierter Bildung im gesamtgesellschaftlichen Kontext.
Hier eine kleine Aufklärungsstunde über die sinnwidrigen und verkehrten Standpunkte des AfD Parteiprogramms zum Thema Islam:

„Das Minarett lehnt die AfD als islamisches Herrschaftssymbol ebenso ab, wie den Muezzinruf, nach dem es außer dem islamischen Allah keinen Gott gibt."

„(...)Und hätte Gott nicht die Menschen, die einen durch die anderen zurückgehalten, zerstört worden wären Klöster, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen der Name Gottes oft genannt wird. Gott wird fürwahr dem helfen, der ihm hilft." (Quran, 22:40)

Diese simple Gegenüberstellung entlarvt die bedrohlich wirkende Interpretation des Minaretts und Muezzinrufs als Herrschaftssymbol als sinnentleerte Aussagen und offenbart zugleich alarmierend das giftige Potential solcher Falschaussagen zu öffentlicher Hetze angesichts des niedrigen Bildungsstandes bezüglich religiösen und kulturell-historischen Wissens.

Stigmatisierung von Kopftuchträgerinnen

Aus dem Vers kristallisiert sich unmissverständlich das islamische Prinzip religiöser Toleranz und der Achtung und Anerkennung der abrahamitischen Religionen heraus. Und was darf in jeder islamophoben Schrift nicht fehlen? Natürlich, die Stigmatisierung von Kopftuchträgerinnen:

„Der Integration und Gleichberechtigung von Frauen und Mädchen sowie der freien Entfaltung der Persönlichkeit widerspricht das Kopftuch als religiös‐politisches Zeichen der Unterordnung von muslimischen Frauen unter den Mann."

Und wieder ein Mal wird dreist der Versuch unternommen, mir und Millionen anderen Frauen, seine trivialen, geistlosen und unreflektierten Banalitäten wie eine identitäre Zwangsjacke aufzuzwingen. Der verzweifelte Versuch, uns der Freiheit zu berauben, zu wählen, zu lieben und zu glauben. Wieder ein Mal werden ich und Millionen andere Frauen grob und gewaltsam mit Worten unterdrückt, denunziert, diffamiert und diskreditiert, zur gesellschaftlichen Projektion vermeintlicher Unterdrückung und Sexismus.

Doch das Wort Gottes befreit mich von all dem.

Interessanterweise setzt der Koran selbst den Aufruf zur Bedeckung in keinster Weise mit dem Wesen der Männer oder den vorangegangen Anweisung an die Männer, ihre Blicke zu senken und Scham zu hüten (24:30), in einen Kausalzusammenhang. Männer als Argumentation oder Begründung für die Anweisung, bestimmte Bereiche des weiblichen Körpers zu bedecken (24:31), ist aus koranischer Perspektive in jeder Hinsicht völlig inkonsequent.

Die Manifestation jener Anweisung an Frauen initiiert einen Lebensstil zu etablieren, eine Lebensphilosophie zu verinnerlichen und zu praktizieren, die zu spiritueller Größe und Vollkommenheit führen soll. Meine Wesen, meine Innen- und Außenwelt, meine Anerkennung, mein Selbstwertgefühl messe ich als Frau nicht an gesellschaftlichen Maßstäben oder, in diesem Falle, nicht an der Gesinnung kleinkarierter Politiker.

Es geht um mich, als frei denkendes, mündiges, aufgeklärtes, selbstbestimmtes Individuum.
Der Islam entschleiert mir und allen Frauen dieser Welt unanfechtbar: Wir sind mündig, frei und wunderschön. Nun zu meinem Lieblingspunkt im AfD-Parteiprogramm, die wohl einzige Aussage die erstaunlicherweise in ihrem Kern mit einem koranischen Grundprinzip im Einklang steht:

„7.6.2 KRITIK AM ISLAM MUSS ERLAUBT SEIN"

„Denken sie denn nicht sorgfältig über den Qurʾān nach? Wenn er von jemand anderem wäre als von Allah, würden sie in ihm wahrlich viel Widerspruch finden." (82:4)
„Wir haben es als einen arabischen Qurʾān hinabgesandt, auf daß ihr begreifen möget." (2:12)
„Und Wir haben den Qurʾān ja leicht zum Bedenken gemacht. Aber gibt es jemanden, der bedenkt?" (17:54) (22:54) (32:54) (40:54)
„(...)Bedenkt ihr denn nicht?" (17:16)

Dies sind nur einige unzähliger Verse im Koran, die vom Menschen das aktive Hinterfragen, die kritische Reflexion fordern, unaufhörlich den Menschen auffordern und herausfordern, unermüdlich über die Inhalte des Buches intensiv nachzudenken, in dem er eindringlich und ausgiebig über sein eigenes Wesen und seine Umwelt reflektiert. Unbezweifelbar pocht der Islam auf eine proaktive, kritische Haltung, um eine Aufklärung des Geistes und Verstandes hervorzurufen.

Eine Kritik setzt eine geistreiche, langwierige und andauernde Reflexion voraus und kann per definitionem nicht in sinnfreie Schmähung und Herabwürdigung münden, denn jene entlarven nur die wahren Motive des „Kritikers".

Unwissenheit und Vorurteile

Schlussendlich alarmieren die inhaltsleeren Anschuldigungen und rassistischen Diffamierungen der AfD, bundesstaatlich manifestiert, über die fatalen individuellen und nationalen Konsequenzen von Unwissenheit und Vorurteilen und öffnen uns die Augen für „(...)unsere Scham, dass sich solches im Raum der Volksgeschichte vollzog, aus der Lessing und Kant, Goethe und Schiller in das Weltbewusstsein traten", wie Theodor Heuss es in seiner Rede „Mahnmal" im Jahre 1952 summarisch und einleuchtend formulierte.

Die Scheindiskussion um den Islam lenkt nur von den wahren kulturellen und intellektuellen Lücken ab. Das Grundsatzprogramm der Partei und die Unwahrheiten und Hetze in ihm müssten zu einem kollektiven Schrei nach Wissen und Aufklärung auslösen, um einen realitätsfremden, verzerrten und undefiniertem Bild einer Religion ein klares Gesicht zu geben und niveauloser Propaganda und Manipulation den Kampf anzusagen.

Das ist der Bildungsdschihad, den Deutschland führen muss: Eine innerislamische Aufklärung, um den islamischen Geist wiederzubeleben: Über seine Schrift und wahren Anspruch aufzuklären, nämlich Wissen von religiöser, historischer, kultureller und wissenschaftlicher Natur in den Kreisen der Gesellschaft zu vermitteln, um Vernunft walten zu lassen und den Charakter zu vervollkommnen. Ich denke an das 18. Jahrhundert zurück, das Zeitalter der Aufklärung, in der Wissen und Offenheit als der Triebmotor kollektiven Umdenkens gepriesen wurden.

Dieses Erbe des Kampfes um die Benutzung des Verstandes und der Berufung auf die Vernunft, die Vermittlung von Wissen und der Aufruf zu religiöser Toleranz muss weitergeführt werden, um Extreme auf beiden Seiten im Keim zu ersticken.

Dies ist, was der Islam mich lehrt. Lehrt mich in den täglichen Gebeten durch die Verse des Korans Menschenwürde, Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit. Lehrt mich den deutschen Geist, das deutsche Grundgesetz zu achten, zu lieben und die Demokratie zu verteidigen. Lehrt mich den Lebensbaum Deutschlands mit all seinen einzigartigen und verschiedensten Blüten durch das Wasser der Toleranz und einen Boden genährt von Wissen und Aufklärung am Leben zu halten. Auch wenn es tagelang, monatelang, jahrelang stürmt und donnert.

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