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Entschuldigt, aber ich reibe jetzt schnell mein Kind mit dieser giftigen Todescreme ein

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CHILD SUNCREAM
Eine Mutter cremt ihr Kind ein. | The Photo Commune via Getty Images
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Es ist das Memorial-Day-Wochenende. Wir sind mit der Familie ins Wochenendhaus gefahren. Ein paar ruhige und entspannte Tage. Zeit für Dankbarkeit. Zeit, sich an die zu erinnern, die für unsere Freiheit ihr Leben gegeben haben.

Mein Mann hat in letzter Zeit viele Überstunden gemacht und zudem noch freiberuflich gearbeitet, wir haben uns auf dieses Wochenende daher seit Wochen gefreut. Für unsere zweijährigen Zwillinge haben wir sogar ihre ersten kleinen Angeln besorgt und uns eine Schatzsuche ausgedacht.

Und hier bin ich.

Alles an mir schreit: „Bring mich ins Sanatorium."

Also ehrlich jetzt, einer meiner Jungs sah mich nur an und sagte „Mama ist müde". Ja. Ja, Bennett. Mama ist müde. Mama ist wiiiiirklich müde. Ich versuche, meine Gefühlslage vor den Jungs möglichst zu verbergen, aber sie werden älter und nehmen mehr wahr.

Es funktioniert nicht mehr so gut, es einfach zu verstecken. Und dazu muss man gar nicht mal an einer psychischen Krankheit leiden, so wie es bei mir der Fall ist. Die Welt tut schon ihr Übriges, um dich ins Irrenhaus zu bringen.

Das meine ich absolut ernst.

Wir kämpfen uns alle irgendwie durchs Leben. Wir geben unser Bestes, um unsere Kinder aufzuziehen, ihnen Sicherheit zu schenken und sie vor dieser bösen Welt zu beschützen.

Was aber, wenn die Welt dir sagt, dass du das Problem bist?

Das du nicht vorsichtig genug bist. Nicht wachsam genug. Nicht genug aufpasst.

Das war meine größte Angst, als ich Mutter wurde. Eigentlich war ich mir schon mein ganzes Leben lang sicher, dass ich keine Kinder haben würde. Im Hinblick auf meine eigene Kindheit und meinen Kampf mit Depressionen und Panikattacken war ich mir sicher, dass ich den Job nicht meistern würde.

Und ich denke, dass das gegenwärtige kulturelle Klima dabei auch keine große Hilfe ist. Zu viele Regeln. Und ehrlich gesagt, wenn man diese Standards dann wirklich durchziehen will, dann ist dem doch niemand ernsthaft gewachsen.

Am Abend bevor wir losfuhren las ich einen Artikel über eine Studie, die die schlechtesten Sonnenschutzcremes für Kinder und Erwachsene auflistete. Das Zeug, das ich vor einer Weile gekauft hatte, belegte die Plätze eins und zwei. Natürlich. Natürlich, das musste ja so sein.

Schmeiße ich den Kram jetzt weg und denke nicht weiter an die 30 Dollar (keine kleine Summe für uns), die ich so verschwende? Kaufe ich dann etwas Gutes, eine ganz besondere Lotion, die von winzigen Feen gefertigt und von Engeln mit Liebe und dem ewigen Leben versehen wurde?

Kostet mich nur meinen rechten Arm. Und es gibt sie nur in Kalifornien, denn dort wohnen die Feen und die Engel.

Oder mache ich einfach weiter wie bisher und creme meine Kinder mit der giftigen Todescreme ein, denn laut diesem Artikel ist mir das Wohl meiner Kinder ja sowieso egal?

Ich hasse das Leben.

Leute, ich bin müde. Und das liegt nicht nur daran, dass mein Mann eine Menge arbeitet. Oder daran, dass ich zweijährige Zwillinge habe, die mal 0 Prozent und mal 120 Prozent funktionieren. Sie leben auf dem Kapitän-Ich-Planet, wie ich es gerne nenne. Zu 100% unsichtbar und mit 150 Stundenkilometern unterwegs. Kein Problem. Ich verstehe das schon.

Lasst das Jugendamt aus dem Spiel.

Ich habe einfach nur keinen Bock mehr auf diese Regeln. Regeln für das Essen, Regeln zur Hygiene, Regeln zur Kleidung. Regeln bezüglich Schule und Erziehung. Regeln über die Entwicklung. Regeln zur Spielzeit. Regeln zu Medikamenten. Regeln zu Schlafmethoden und Schlafgewohnheiten. Regeln zu Freunden. Regeln zu Autositzen. Regeln über das Stillen. Regeln zum Fernsehen. Regeln zu Regeln.

Und das Wort "Regeln" lässt sich auch durch andere Wörter ersetzen. Meinungen. Lehrstunden. Studien. Richtlinien. Listen. Programme. Standards. Überzeugungen. Handhabung. Bis zum Erbrechen.

Mir reicht's. Und das meine ich aus tiefstem, müdem Herzen. Nehmt eure wissenschaftlichen Studien und steckt sie euch sonst wohin.

In all den Jahren, in denen ich mir Gedanken zu meiner Depression und der Aufzucht von Kindern gemacht habe, kam mir nie der Gedanke, dass ich tatsächlich gar nicht das Problem sein würde.

Für meine Jungs zu sorgen und sie zu lieben, mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen und dabei nicht den Verstand zu verlieren, das ist es, was verantwortungsvolle Eltern ausmacht.

Bipolar und auf Medikamente angewiesen zu sein ist nicht das, was mich nachts wach hält. Stattdessen liege ich nachts wach und frage mich, ob ich die neuen Klamotten der Jungs, die wir neulich erst gekauft haben, gewaschen habe, bevor sie sie das erste Mal trugen, denn ich habe gerade erst in einem Artikel gelesen, dass diese Kleidung giftige Chemikalien enthält, die schädlich für die Haut sein können.

Können wir nicht einfach sagen, dass alles uns überall umbringen wird?

Immer? Und es einfach mal gut sein lassen? Darüber hinwegkommen? Wir sterben eh alle irgendwann mal. Aber das hier gerät außer Kontrolle.

Stattdessen möchte ich meine Kinder füttern. Nur einmal füttern, ohne dass ich gleich diese Stimme im Ohr habe, die mich fragt, ob ich mir wirklich sicher bin, dass das, was meine Jungs gleich verdauen, nicht pure satanische Kost ist? Ich weiß es einfach nicht, denn ich bin bei meinem super-flexiblen Zeitplan noch nicht dazugekommen, jede einzelne Zutat genau zu recherchieren.

Ich will nicht sagen, dass es falsch ist, hier aktiv zu sein.

Ich will auch nicht sagen, dass es falsch ist, sich über diese Dinge Gedanken zu machen. Ich will nicht sagen, dass es falsch ist, seine Stimme zu erheben. Zu tun, was man kann, wenn man kann. Alle Mütter haben meinen größten Respekt. Ihr Mamas solltet einen Orden erhalten.

Ich bin einfach müde. Das alles macht mich müde.

Ich sehe meine Jungs an, wenn ich sie ins Bett bringe, und sie sind die süßesten, glücklichsten und gesündesten Geschöpfe, die man sich vorstellen kann. Sie sind das Beste, was ich je zustande gebracht habe. Hier mache ich mal was richtig.

Ob ich nun den neuesten Mama-Trends zustimme oder nicht. Und manchmal wünsche ich mir, ich würde nicht in einer Zeit leben, in der ich jeden Tag mit Artikeln dieser Art bombardiert werde.

Mein Vater und meine Stiefmutter leiten in Thailand ein Hilfswerk für Kinder, die das Opfer von Menschenhandel wurden. Vor zwei Wochen haben sie ein dreijähriges Kind aufgenommen. Ich wiederhole: ein dreijähriges Kind. Sie hat noch nie gesprochen und ist mangelernährt. Sie hat Gott weiß was gesehen und erlebt. Und hier im Westen zerbrechen wir uns den Kopf darüber, ob wir unsere Kinder zur richtigen Zeit ins Bett bringen.

Perspektive.

Das ist alles. Veröffentlicht all diese enthüllenden Artikel. Teilt die neuesten Entdeckungen. Aber ich verzichte. Das Leben ist schwer genug. Stattdessen werde ich jeden Moment mit meinen Jungs genießen. Wenn ich Überschriften sehe wie „10 Dinge in unserer Luft, von denen du keine Ahnung hast" oder „Wusstest du, dass es tödlich sein kann, die Augen zu öffnen?" dann schalte ich den Computer aus und gehe ins Bett.

Und träume von unserem nächsten Campingausflug. Oder Wanderausflug. Denn ich habe es satt. Wirklich, wirklich satt. Und jeden Tag mit meinen Kindern zu leben, interessiert mich mehr, als mit ihnen zu sterben.

Danke und gute Nacht.

Dieser Artikel ist ursprünglich in der Huffington Post USA erschienen und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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