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Marsch der Hoffnung: Flüchtlinge verändern EU-Politik

11/09/2015 11:59 CEST | Aktualisiert 11/09/2016 11:12 CEST

Mit einem Marsch vom Bahnhof Budapest-Keleti in Richtung österreichischer Grenze haben Flüchtlinge die europäische Migrationspolitik über den Haufen geworfen. Tausende, die Mehrheit von ihnen SyrerInnen, sind auf dem Weg über Griechenland, den Balkan, Ungarn und Österreich nach Deutschland.

Wir waren in den letzten Tagen zwischen Budapest und Wien unterwegs, um die Flüchtlinge auf ihrem Marsch zu unterstützen. Unsere Gefühle schwankten zwischen blankem Entsetzen und überstömender Freude. Lesen Sie hier unsere Eindrücke.

Nur wenige Minuten nach einem Facebook-Post die ersten Hilfe-Anfragen

Die ersten Ersuche nach Hilfe erreichen uns schon vor der Abfahrt: Unser syrischer Kollege hatte auf Facebook geschrieben, dass wir nach Budapest aufbrechen - Minuten später bitten die ersten Flüchtlinge um Hilfe. Wir wissen, dass die Lage für die Betroffenen dramatisch ist, wie dramatisch, das erkennen wir erst in Bicske.

An diesem Bahnhof, 30 Kilometer westlich von Budapest, steht seit eineinhalb Tagen ein Zug mit Flüchtlingen. Die ungarische Regierung hatte zugesagt, er würde nach Österreich fahren, stattdessen sollten die Passagiere hier in ein Flüchtlingslager gebracht werden.

Auf dem Bahnsteig sind 40 Fernsehkameras auf den Zug gerichtet, hinter einem rostigen Drahtzaun harren Flüchtlinge aus und fordern verzweifelt die Weiterreise. Verzweifelt sind auch einige der wartenden JournalistInnen: Über ihrem Laptop gebeugt bricht eine Reporterin in Tränen aus.

Zustände wie in Syrien

Noch bedrückender ist die Lage am Bahnhof Budapest Keleti, den wir am gleichen Nachmittag erreichen. Hier gibt es wenigstens Menschen wie John. Ihm, dem Koordinator der Initiative ‚Migration Aid', werden wir gleich nach unserer Ankunft vorgestellt.

Auf dem Weg zu seiner kleinen Hilfsstation in der Unterführung zum Bahnhof mussten wir uns auf schmalen Gängen zwischen hunderte Menschen durchschlängeln. Hier haben sie sich provisorische Schlafstätten auf Isomatten und Kartons errichtet. Seit die Polizei sie daran hindert, in den Bahnhof zu gelangen, kampieren tausende Menschen in den Unterführungen.

Auch am Nachmittags liegen sie erschöpft auf dem Boden. An die Wände wurde mit Kreide die Hauptforderung der 3.500 Menschen geschrieben: „Freiheit" - auf Arabisch, Englisch, Kurdisch.

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Vom ungarischen Staat gibt es keinerlei Unterstützung, selbst für einen Wasseranschluss musste „Migration Aid" drei Tage mit der Stadtverwaltung streiten. Krankenversorgung gibt es natürlich auch keine, weshalb die Freiwilligen mit syrischen Ärzten kooperieren, die selbst geflohen sind.

Zu Beginn der Revolution haben ÄrztInnen in Syrien für verletzte DemonstrantInnen Untergrundkliniken eingerichtet. Genau so wirkt die provisorische Hilfsstelle im Zwielicht einer Unterführung.

Vereint in Europa trotz Bürgerkrieg zuhause

Die breite Mehrheit der Flüchtlinge stammt aus Syrien. Während sich der Konflikt dort entlang konfessioneller und ethnischer Grenzen zuspitzt, erleben wir in Ungarn gerade das Gegenteil: Die Flüchtlinge halten zusammen, als Hooligans passieren, skandieren sie gemeinsam „Syria, Syria!".

All das erinnert an einen fast vergessenen Slogan gegen Konfessionalismus auf den ersten Demonstrationen in Syrien: „Eins, eins, eins, das syrische Volk ist eins!"

Wieder beeindruckend sichtbar wird für uns diese Einigkeit kurz später auf der Autobahn: Weil alle Züge in Richtung Österreich ausgesetzt sind, weil Busse sie nicht mitnehmen, beschließt eine Gruppe von FlüchtlingsaktivistInnen, einfach loszulaufen in Richtung Wien. Viele schließen sich diesem „March of Hope" an, dem „Marsch der Hoffnung" wie er in sozialen Medien genannt wird.

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Als es dunkel wird, laufen mehr als 2.000 Menschen auf dem Standstreifen entlang. Aus dem Auto heraus reichen wir Wasserflaschen und Müsliriegel an die völlig erschöpften Menschen. Dankbar nehmen sie die Unterstützung entgegen und feuern sich gegenseitig immer wieder an: „Geht weiter, wir rasten alle gemeinsam!", „Wir schaffen das, wir sind so weit gekommen!", „Yallah, Hurrieh! - Auf in die Freiheit!"

Junge Männer tragen schlafende Kinder fremder Familien im Arm. Wer fit ist, stützt Humpelnde. Vorneweg läuft ein junger Mann mit einer EU-Fahne, neben ihm sitzt ein Einbeiniger im Rollstuhl und hat sich ein Bild von Angela Merkel umgehängt. Deutschland, das ist die Hoffnung aller.

FlüchtlingsaktivistInnen schreiben Geschichte

An einer Ausfahrt knapp 30 Kilometer außerhalb der Stadt setzen sich die Menschen zur Rast. Ein Aktivist fährt mit einem Motorroller hin und her und gibt über Megaphon durch, wo gute Übernachtungsplätze sind. Einige gehen hinter die Leitplanke, andere legen sich direkt auf den Standstreifen.

Freiwillige Helfer aus den umliegenden Orten bringen Wasser und Lebensmittel, der Fahrer eines LKW mit türkischem Kennzeichen wirft im Vorbeifahren seine Jacke aus dem Fenster. Die Solidarität wird hier greifbar.

Was die erschöpften Menschen in diesem Moment nicht wissen: Mit ihrem Marsch der Hoffnung schreiben sie Geschichte. Denn in diesen Minuten geben die deutsche und österreichische Regierung bekannt, dass sie die Paradigmen der europäischen Migrationspolitik über den Haufen werfen und bereit sind, die Flüchtlinge aufzunehmen.

Ist die Busfahrt wieder nur ein Trick?

Spät in der Nacht von Freitag auf Samstag erreichen die ersten Busse die Vertriebenen, um sie zur Grenze zu bringen. Doch sie bleiben skeptisch. Nach dem Trick mit dem Zug, der ins Lager fahren sollte, ist das Vertrauen in die ungarische Regierung gleich null.

Während die Polizei möglichst schnell die Autobahn räumen möchte, stellen die SyrerInnen Bedingungen: Ein erster Testbus müsse die Grenze passieren, bevor die anderen abfahren dürfen. Die Polizei gibt nach. Als die Nachricht eintrifft, dass der erste Bus Österreich erreicht hat, ist kein Halten mehr: Alle wollen mitfahren.

Es entsteht ein Konvoi aus 120 Bussen, der sich in Richtung Grenze bewegt - ein wahrer Mauerfall. Als es gerade anfängt zu dämmern, strömen im Regen tausende Menschen zu Fuß über die Grenze. Wieder ist es zwischen Ungarn und Österreich, wo eine Grenze fällt - der Vergleich mit 1989 liegt in der Luft.

Den Tag über gönnen wir uns etwas Schlaf. Als wir am Abend zur Grenze zurückkehren, hat sich das Bild kaum verändert. Noch immer ziehen hunderte Flüchtlinge über die Grenze und warten im Freien darauf, mit Bussen weiter nach Wien gebracht zu werden. Mittlerweile kommen die Flüchtlinge mit dem Zug an, die letzten sieben Kilometer bis zum Übergang müssen sie zu Fuß zurücklegen.

Die Revolution kommt nach Europa

Die Züge kommen in Hegyeshalom an, dem letzten Bahnhof auf ungarischer Seite. Hier sind es wieder die jungen syrischen AktivistInnen, zwischen 20 und 30 Jahren alt, die für eine Gruppe von 300 Flüchtlingen den Fußmarsch organisieren.

Während die Polizei hektisch wirkt, ordnen die AktivistInnen die Gruppe, achten darauf, dass niemand zurückbleibt und geben das Startsignal, um dann kollektiv und geordnet über die Grenze zu ziehen.

Sie kommen aus Midan in Damaskus, erklärt uns einer der Aktivisten. Midan ist der Stadteil, in dem es 2011 und 2012 die größten Proteste in der syrischen Hauptstadt gab.

Weiter berichtet der Aktivist, dass seine Gruppe wieder nach Syrien zurück will, wie es uns alle Gesprächspartner in diesen Tagen erzählt hatten. Doch alle sagen sie auch, dass es zwischen der Gewalt des Assad-Regimes und dem Terror des so genannten „Islamischen Staats" keine Zukunft geben kann.

Das muss jetzt getan werden

So groß unsere Freude über die Grenzöffnung auch ist: Spätestens jetzt wird uns klar, dass sich Flüchtlingspolitik nicht auf die Verteilung von Vertriebenen in Europa reduziert lassen darf. Die europäische Politik muss endlich damit beginnen, die Ursachen der Vertreibung zu beenden.

In Bezug auf Syrien bedeutet das, insbesondere den täglichen Abwurf von Fassbomben durch die Assad-Armee zu stoppen. Zudem muss die humanitäre Versorgung der Gebiete in Nordsyrien sichergestellt werden, indem die Grenze zur Türkei für Hilfsgüter geöffnet wird.

Diese Erlebnisse bestärken uns darin, diejenigen zu unterstützen, die noch nicht geflohen sind und stattdessen versuchen, sich eine Zukunft weiterhin in Syrien aufzubauen.

Zudem verstehen wir, wie wichtig unser Ansatz ist, hierzulande die geflohenen AktivistInnen zu vernetzen. Denn was die historischen Ereignisse der letzten Tage zeigen: Dort, wo sich Menschen zusammentun und sich organisieren, können sie selbst die europäische Flüchtlingspolitik verändern!

In den letzten Tagen haben wir in Ungarn die Selbstorganisation der AktivistInnen unterstützt. Diese Arbeit wollen wir in der Zukunft fortsetzen. Deshalb bitten wir Sie: Ermöglichen Sie uns diese Arbeit, indem Sie uns mit Ihrer - nach Möglichkeit regelmäßigen - Spende unterstützen!

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Lesenswert:

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

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Video: Sie kämpfen gegen das Ertrinken: Dramatische Szenen im Video: Flüchtlinge werden auf Wrackteilen angeschwemmt

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