BLOG

Die Organspende gab dem Tod meines Kindes einen Sinn

20/09/2017 18:31 CEST | Aktualisiert 21/09/2017 17:31 CEST
iStock

Ich war in der zwölften Woche schwanger. Vor meinem Mann und mir flimmerte das Ultraschallbild, auf dem zwei Babys zu sehen waren. Der Arzt deutete zuerst auf den Schädel des einen Babys, dann auf den des anderen - er nannte sie "Baby A" und "Baby B".

Er sagte uns, dass Baby A sterben würde und Baby B sterben könnte. Die Schädel sahen unterschiedlich aus, der eine war rund und gesund, der andere hatte Beulen. Der Arzt erklärte uns, dass die Schädeldecke von Baby A nicht schließe.

Teile des Gehirns hatten sich nicht entwickelt, sodass das Baby ein paar Stunden nach der Geburt sterben würde. Diese Krankheit nennt man Anenzephalie - übersetzt "ohne Gehirn". Es ging jedoch nicht nur um Baby A. Starb Baby A noch im Mutterleib, war auch die Gesundheit von Baby B in Gefahr.

Zu Anfang war es schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, ein Baby auszutragen, das bereits kurz nach der Geburt sterben würde. Doch aus Baby A und Baby B wurden Thomas und Callum.

Und ich fand eine Möglichkeit, mit dieser Situation klarzukommen und meinen Frieden zu finden. Mir wurde klar, dass ich den Tod meines einen Kindes nicht aufhalten konnte. Thomas' Tod sollte jedoch nicht umsonst gewesen sein.

Ich wollte unbedingt einen Weg finden, dieser Situation einen Sinn zu geben. Es gibt ein Zitat von Viktor Frankl, das mich in dieser Zeit begleitet hat: "In some ways suffering ceases to be suffering at the moment it finds a meaning, such as the meaning of a sacrifice." ("In gewisser Weise hört das Leiden in dem Moment auf, in dem es einen Sinn findet, wie etwa die Bedeutung eines Opfers.")

Mir wurde klar, dass ich Thomas' Organe der Wissenschaft spenden wollte. Diese Entscheidung half mir, der Situation einen Sinn zu geben.

Mehr zum Thema: Sie wusste, dass ihr Baby sterben würde. Deshalb wagte diese Mutter einen mutigen Schritt

Sechs Tage lang war Thomas ein Baby wie jedes andere

Bis zu Thomas' Geburt und schließlich seinem Tod wussten wir jedoch nicht, ob er sich überhaupt für eine Spende eignen würde. Er durfte keine infektiösen Krankheiten haben. Und als der Moment gekommen war und meine Zwillinge Thomas und Callum auf die Welt kamen, war ich bereit.

Seit fünf Monaten dachte ich nun darüber nach. Ich hatte mich lange vorbereitet und war müde über das "Was wäre, wenn" nachzudenken. Zu unserem Glück klappte alles wie erhofft.

Statt wie prophezeit, nur wenige Minuten, lebte Thomas sechs Tage. Es fehlten plötzlich banale Dinge, zum Beispiel ein Babysitz für die Rückfahrt im Auto.

Sechs Tage lang war Thomas ein Baby wie jedes andere. Er trank Milch, schlief in meinen Armen ein und packte neugierig jeden Finger, der sich ihm näherte.

2017-06-20-1497957385-7066081-HuffPost1.png

Erste Worte, erstes Durchschlafen - und der erste Kita-Platz: All das ist Thema in unserer Eltern-Gruppe bei Facebook. Meldet euch hier an.

Und als es dann so weit war, Thomas Anfälle bekam und wir ihn gehen lassen mussten, dachte ich nur an eins: Wenn wir Erfolg haben wollten, mussten wir schnell sein. Ich wollte so sehr, dass seine Organe gespendet werden konnten, dass es mir nicht schwerfiel, ihn gehen zu lassen.

Jeder, der einen geliebten Menschen hat leiden sehen, wird verstehen, dass der schlimmste Part nicht sein Tod war, sondern die Zeit, in der man ihm dabei zusehen musste, wie er litt, und nichts dagegen tun konnte.

Ich habe gelernt, dass der Tod ein Teil des Lebens ist und es in Ordnung ist, wenn jemand stirbt. Wir sind sterbliche Wesen, wir können den Tod nicht besiegen.

Mehr zum Thema: Wir sind die Eltern, über die niemand spricht

Nach Thomas' Tod wurden das Nabelschnurblut, die Leber und die Horn- und Netzhäute gespendet. Mir und meinem Mann wurde mitgeteilt, dass die Spenden an renommierte Universitäten gingen.

Uns war wichtig, dass an den Organen geforscht wurde. Ich dachte, vielleicht könnten Thomas' Organe dazu beitragen, eine Krankheit zu heilen. Lange Zeit lebte ich nur mit dem Wissen, welche Organe entnommen wurden.

Doch ich wollte wissen, ob die Spenden meines Babys auch wertvoll gewesen waren. Mich interessierte, welche Bedeutung die Spende hatte und ob überhaupt jemandem damit geholfen werden konnte. Ob die Spenden ankamen und zu Staubfängern wurden, weil es vielleicht zu viele solcher Spenden gab.

Oder ob die Forscher sich darüber freuten. Zwei Jahre lang stellte ich mir solche Fragen, bis ich mich entschloss, Antworten zu finden. Ich schrieb Briefe an die entsprechenden Institute, und zu meiner Überraschung erhielt ich Rückmeldungen.

Was als Nächstes passierte, gab mir ein tiefgreifendes Gefühl von Frieden, von dem ich nicht wusste, dass es mir fehlte. Jedes der Institute lud mich ein. Ich erhielt eine Führung durch die Labore und Erklärungen, woran die Forscher gerade arbeiteten.

So erfuhr ich auch, dass in einem der Labore im Jahr zehn Hornhautpaare ankommen - die Spende also sehr selten ist. In einem Fall hatte ein Forscher sechs Jahre auf eine Gewebeprobe wie die von Thomas gewartet. Dieses Wissen hat mich glücklich gemacht.

Mein Leben hat sich seitdem komplett verändert

Seit dieser Erfahrung hat sich mein Leben stark verändert - im Privaten wie im Beruflichen. Ich habe einen neuen Job und arbeite nun für die American Association of Tissue Banks, eine gemeinnützige Organisation, die sich um Organspenden in den USA kümmert.

Dort bin ich für die Pressearbeit zuständig und kann meine persönlichen Erfahrungen nutzen, um andere Menschen darüber zu informieren. In meinem Büro hängt ein Bild, das mich immer wieder daran erinnert, dass Thomas geholfen hat, Krankheiten ein Stück weit heilen zu können.

Laien sehen darin nur eine Abbildung mit 14 bunten Kästchen. Es gehört zu einer Studie, die erforscht hat, ob sich Zellen, die auf der Innenseite der Hornhaut liegen, regenerieren und damit Erblindung entgegenwirken können.

Das Ergebnis: Ja, es gibt Anzeichen dafür. Dass in dieser Studie Thomas' Zellen verwendet wurden, ist sehr wahrscheinlich. Ein tolles Gefühl.

Mehr zum Thema: Ich habe die Menschen getroffen, die mit den Organen meines toten Sohnes leben

Callum, Baby B, ist inzwischen sechs Jahre alt und hat inzwischen eine kleine Schwester bekommen. Nach der Geburt haben mein Mann und ich die Plazenta gespendet, von der Teile zeitweise als Hautersatz zum Einsatz kamen.

Auch heute bin ich noch immer froh, diese Entscheidung getroffen zu haben. Jedem Elternteil, das in unsere Situation kommt, würde ich empfehlen, darüber nachzudenken, Organe an die Forschung zu spenden. Es ist nicht für jeden etwas, aber wenn ihnen die Idee nicht abwegig erscheint, sollten sie sie verfolgen.

Dieser Beitrag ist zuerst bei XING erschienen.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

id="huffPostGWW01"

z-index="999"

lang="de-DE"

units="m"

par="huffpost_widget"

geocode="52.52,13.38"

links="https://weather.com/de-DE/wetter/heute/l/$geocode?par=huffpost_widget">

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');