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Kann der Holocaust zum Alltag werden?

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Die Geschichte der Familie Horonczyk

Seit fast 10 Jahren arbeite ich in Yad Vashem. Tag ein Tag aus beschäftige ich mich mit dem Holocaust, erzähle die Geschichten der Opfer. Oftmals werde ich gefragt, ob man mit der Zeit nicht abstumpft, ob mich die Schicksale nicht heute weniger berühren. Natürlich ist der Holocaust für mich Teil des Alltags geworden, aber die Geschichten sind es nicht. Immer wieder höre ich neue Namen von Opfern, erfahre von dem Schicksal einer mir bisher unbekannten Person, Familie oder Gemeinde. Eine dieser Geschichten möchte ich hier erzählen.

In der Hoffnung auf ein besseres Leben

Schimon Horonczyk (geb. 1875 in Polen) beschließt nach dem Tod seiner Frau 1926 mit seinen fünf Kindern nach Frankreich zu gehen: Symcha, Leah, Esther, Chaya und Josef. In der Hoffnung auf ein besseres Leben lässt er sich in Paris nieder und eröffnet ein Textilgeschäft, das bald erfolgreich wird. Doch der Traum der Familie, eine sichere Zukunft aufzubauen, findet ein abruptes Ende. Nach der Besetzung Frankreichs werden Juden ohne französische Staatsbürgerschaft die ersten Opfer der Verfolgung. Im Mai 1941 werden Schimons Söhne und Schwiegersöhne verhaftet und in Konzentrations- und Transitlagern in Frankreich inhaftiert.

Briefe an einen Inhaftierten

Unter den Inhaftierten ist auch der Ehemann seiner Tochter Esther, Nissan Frenkel. 1940 hatte das Paar einen kleinen Sohn bekommen, Richard, den sein Vater nach der Internierung nicht mehr sehen konnte. In einem Brief an seinen Schwiegersohn beschreibt Schimon den Charakter und die Freuden des kleinen Richard: „Sein größtes Vergnügen ist es, wenn ich ihn schlafen lege, ihn kitzle und zum Lachen bringe. Jeden Abend wartet er gespannt darauf, dass ich ihn wieder zum Lachen bringe. Ich sage es nochmal: Komm bald zurück, alter Mann, und du wirst die gleiche Freude erleben wie ich (und sogar noch mehr)."

Kurz nach Erhalt des Briefes fertigte Nissan im Lager als Geschenk für seinen Sohn einen Brieföffner an. Er gravierte die folgende Inschrift ein: „Für meinen lieben kleinen Richard zum 2. Geburtstag, 21. Juni 1942, Beaune-la-Rolande."

Auch Esther schreibt einen Brief an ihren Mann, in dem Sie ihrer Hoffnung und ihren Träumen Ausdruck gibt: „Heute morgen musste ich früh aufstehen..., aber ich blieb mit offenen Augen im Bett und schwelgte in Erinnerungen. Du warst mir so nah (in meiner Vorstellung) und nahmst Anteil an den Momenten meiner Traurigkeit und meines Glücks.

Es war kein Traum, keine Illusion, sondern ein Augenblick des Glücks und der Freude. Mein Herz sagt mir, dass noch nicht alles verloren ist. Wir werden wieder leben wie früher, und unser Leben wird sogar noch schöner sein. Ich werde mit dir und mit Richard durch die Felder spazieren, und wir werden in den grünen Tälern herumkullern, wie Richard zu Hause auf dem Fußboden kullert. Ich hüte diesen Gedanken wie die Henne ihr Kücken."

Esther sollte ihren Mann nie wieder sehen. Einige Wochen nachdem dieser Brief geschrieben wurde, am 28.Juni 1942, wurde Nissan nach Auschwitz deportiert.

Im Juli 1942 wurden Esther und ihr Sohn Richard verhaftet und nach Pithiviers geschickt. Drei Wochen später wurde Esther gewaltsam von ihrem Sohn getrennt und nach Auschwitz deportiert. Richard blieb ohne Familie allein im Lager zurück, zusammen mit ca. 1800 Kindern, die unter 13 Jahre alt waren.

Eine Woche später wurden die ersten Kinder weiter nach Drancy deportiert. Fünf Wochen nach der Trennung von seiner Mutter wurde Richard im September allein nach Auschwitz deportiert. Zu diesem Zeitpunkt waren seine Eltern bereits ermordet worden. Bei seiner Ankunft wurde der zweijährige Richard auf der Stelle in die Gaskammer geschickt.

Das Schicksal der Familie


Schimons Sohn Josef wurde in Auschwitz ermordet, ebenso wie sein Sohn Symcha und sein Schwiegersohn Froïm-Ephraim Korman, seine Tochter Esther und ihr Mann Nissan.

Leah und ihr Ehemann Salomon schafften es, in den unbesetzten Teil Frankreichs zu fliehen, und überlebten. Schimon wurde im März 1943 nach Sobibor deportiert und ermordet. Seine Tochter Chaja, die im Versteck in Paris überlebte hatte, reichte für ihren Vater ein Gedenkblatt ein.

Das ist das Schicksal der Familie Horonczyk - die Geschichte nur einer Familie von Millionen, die auf brutalste Weise getrennt und ermordet wurden.

Es sind genau diese Geschichten, die mich immer wieder aufs Neue berühren. Es sind diese Schicksale, die nicht zum Alltag werden.

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