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Was hat der Holocaust mit den Olympischen Spielen zu tun?

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OLYMPIC GAMES OPENING
Tim de Waele via Getty Images
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Auf den ersten Blick eigentlich gar nichts, jüdische Sportler jedoch nicht wenig. Viele Juden waren vor dem Krieg sportlich aktiv: manche professionell, andere nur als Hobby nebenbei. Einige von ihnen schafften es sogar zu den Olympischen Spielen, gewannen Medaillen oder wurden Weltmeister.

Wusstet ihr zum Beispiel, dass der ungarisch-jüdische Ringer Károly Kárpáti bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin die Goldmedaille im Leichtgewicht, Freistil erhielt? Zum Ӓrger der Nationalsozialisten gewann er gegen Wolfgang Ehrl, einen der erfolgreichsten deutschen Ringer.

Kárpáti war einer der größten Ringer seiner Zeit, gewann 1925 seine erste ungarische Meisterschaft, wurde zweimal europäischer Meister im freien Stil und erlangte bei den Olympischen Spielen 1932 in L.A. die Silbermedaille. Während des Krieges wurde er in einem NS-Arbeitslager interniert, wo er den Holocaust überlebte. Nach dem Krieg war er jahrelang Trainer der ungarischen Ringer-Nationalmannschaft.

Ein anderer faszinierender Sportler war
Alfred Nakache - wahrscheinlich der einzige, der sowohl vor als auch nach seiner Gefangenschaft in Auschwitz an den Olympischen Spielen teilnahm. Als passioniertem Schwimmer gelang es dem in Algerien geborenen Juden, in die französische Nationalmannschaft aufgenommen zu werden.

Bei den Olympischen Spielen 1936 erreichte er sowohl als Einzelschwimmer als auch mit seiner Mannschaft in der 4×200-Meter-Staffel Freistil das Finale. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich floh Nakache in das südliche Vichy-Frankreich, nach Toulouse. 1941 stellte er einen neuen Weltrekord über 200m Brust auf.

Seit 1935 war er bereits achtzehnfacher französischer Meister, als er 1944 mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter über Drancy nach Auschwitz deportiert wurde. Alfred Nakache wurde zur Zwangsarbeit in Auschwitz III - Monowitz selektiert. Als er nach dem Krieg nach Frankreich zurückkehrte, wog er kaum mehr als 40 kg.

Erst hier erfuhr er vom Tod seiner Frau und seiner Tochter, die wahrscheinlich direkt bei der Ankunft in Auschwitz-Birkenau vergast worden waren. Am Boden zerstört, sah Nakache nur eine Rettung: weiter zu schwimmen. Und so erlangte er acht Monate später wieder einen französischen Meistertitel. 1946 holte er seinen letzten nationalen Meistertitel, 1948 startete er bei den Olympischen Spielen in London. Zweimal schwamm dieser herausragende Sportler bei den Olympischen Spielen, dazwischen überlebte er Auschwitz. Eine fast unglaubliche Geschichte.


Aber nicht alle jüdischen Sportler hatten das Glück, Deportationen und Lager zu überleben: auch den jungen, in Tunesien geborenen Boxer Victor „Young" Perez zum Beispiel hatte es nach Paris verschlagen. 1930 errang er den französischen Meisterschaftstitel im Fliegengewicht, ein Jahr später gewann er den Weltmeisterschaftstitel und wurde der jüngste Weltmeister der Boxgeschichte.

Bis 1938 gewann Perez 92 von 133 Kämpfen, davon 28 durch K.o.. 1943 wurde er in Paris verhaftet, über Drancy nach Auschwitz deportiert und zur Zwangsarbeit nach Monowitz geschickt. Als Profiboxer wurde er bald vom Lagerpersonal ausgewählt, an Schaukämpfen teilzunehmen. Er überlebte die Lagerhaft in Auschwitz, wurde aber im Januar 1945 auf einen Todesmarsch geschickt, auf dem er erschossen wurde.

Und jetzt zu den Frauen: 1935 wurde die österreichisch-jüdische Schwimmerin Judith Deutsch zur Sportlerin des Jahres gekürt. Ein Jahr später stellte ihre Landsmännin Ruth Langer im Alter von nur 15 Jahren zwei neue österreische Rekorde über 100m und 400m Freistil auf. Zusammen mit ihrer Mannschaftskameradin vom Hakoah, Lucie Goldner, weigerten sich die beiden Schwimmerinnen aus politischen Gründen, bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin anzutreten.

Sie boykottierten die Olympischen Spiele als Zeichen des Protests gegen die NS-Politik und die Ausgrenzung der Juden in Deutschland. Dafür zahlten die drei Sportlerinnen einen hohen Preis: Sie wurden vom österreichischen Schwimmverband gesperrt, sämtliche Titel wurden ihnen aberkannt. Alle drei verließen Österreich und entkamen dem Holocaust.

Außerdem ist natürlich auch Lilli Henoch zu erwähnen, die wahrscheinlich erfolgreichste deutsche Leichtathletin der 1920er Jahre. Die geborene Königsbergerin zog 1919 mit ihrer Familie nach Berlin, wo sie dem BSC beitrat. In den 20er Jahren wurde sie mehrfach deutsche Meisterin im Kugelstoßen, im Diskuswurf, im Weitsprung und in der 4x100m-Staffel. Im selben Zeitraum stellte sie vier Weltrekorde auf.

Mit dem Aufstieg Hitlers ändert sich alles

Doch mit dem Aufstieg Hitlers an die Macht und der Einführung des Arierparagraphen wurde Lilli Henoch aus dem BSC ausgeschlossen. Statt Weltrekorde aufzustellen, arbeitete sie von nun an als Sportlehrerin in der Rykestrasse. Selbstverständlich konnte sie als jüdische Sportlerin an den Olympischen Spielen 1936 nicht mehr teilnehmen. Am 5. September 1942 wurde sie mit ihrer Mutter nach Riga deportiert und in den nahegelegenen Wäldern ermordet.

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Auf der Internetseite des deutschen olympischen Sportbundes steht, dass die olympische Idee „auf dem erzieherischen Wert des guten Beispiels und auf der Achtung fundamental und universell gültiger ethischer Prinzipien beruht. Ziel der Olympischen Bewegung ist es, zum Aufbau einer friedlichen und besseren Welt beizutragen und junge Menschen im Geiste von Freundschaft, Solidarität und Fair Play ohne jegliche Diskriminierung zu erziehen."

Doch im Gegensatz dazu hatten die oben genannten jüdischen Sportler nicht die Möglichkeit ihre sportlichen Leistungen auszubauen, an weiteren Olympischen Spielen teilzunehmen. Als Juden wurden sie ausgeschlossen, verfolgt und ein Großteil von ihnen ermordet.

Es gibt sie also, diese Verbindung zwischen dem Holocaust und den Olympischen Spielen.

Als Juden waren sie alle Opfer des Nationalsozialismus. Aber sie waren nicht nur Opfer: sie waren auch und vor allem Sportler! Und als solche sollten wir sie auch erinnern: als Medaillengewinner und Weltrekordler, als Schwimmer, Boxer und Leichathleten. Denn nur, wenn wir diesen Teil ihrer Geschichte kennen, sie nicht nur als Opfer betrachten, können wir den großen jüdischen Sportlern aus der Zeit vor dem Holocaust gerecht werden und ihrer angemessen gedenken.

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