Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Sarah Eismann Headshot

Der Novemberpogrom: Der Schicksalstag der Deutschen Juden?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
JEWS GERMANY
Carlo Allegri / Reuters
Drucken

Wenn man über die Bedeutung des 9. November in der deutschen Geschichte liest, trifft man häufig auf den Ausdruck Schicksalstag. Dieses Datum ist im historischen Bewusstsein der Deutschen vielfältig besetzt, von der Novemberrevolution 1918, dem Hitlerputsch 1923 über die Pogrome 1938 bis hin zum Fall der Mauer 1989. Wohl kein anderes Datum schürt so unterschiedliche Emotionen.

Dabei ist die Bezeichnung Schicksalstag sehr umstritten, ebenso wie der Versuch, den 9. November zum Nationalfeiertag zu machen.

Einer der Gründe, warum der 3. Oktober zum Tag der Deutschen Einheit gewählt wurde, liegt nun unter anderem in den negativen Konnotationen, mit denen der 9. November als Tag der „Kristallnacht" belastet ist. Dieser Tag 1938 war wahrscheinlich der düsterste und verheerendste in der deutschen Geschichte.

Umfangreiche aber einseitige Berichterstattung

Wenn ihr bei Google „Novemberpogrom" oder „Kristallnacht" sucht, sind die Ergebnisse zwar umfangreich, aber recht einseitig: Es wird die Vorgeschichte erzählt, daher die Vertreibung von Juden nach Zbąszyń, die Ermordung vom Raths durch Herschel Grynszpan.

Man berichtet von dem Ausmaß der Zerstörung und interner Nazi-Politik. Es gibt viele Publikationen, in denen die Abläufe und die Systematik der Novemberpogrome detailliert vorgestellt werden. Wir sehen Bilder brennender Synagogen. Aus der jüdischen Perspektive wird eigentlich gar nicht berichtet. Dabei stellte der Pogrom doch gerade für die Juden einen Wendepunkt dar.

Was bedeutete dieser Progrom für die jüdische Gemeinde, wie erlebten ihn die Opfer, und was waren seine Konsequenzen?

Nehmen wir als Beispiel die Geschichte einer jüdischen Schule in Königsberg:

2016-11-07-1478503037-8894319-01s.jpg

Die gesellschaftliche Ausgrenzung der Juden und die antisemitische Atmosphäre an deutschen Schulen in den ersten Jahren des Nazi-Regimes führten zu einer erhöhten Nachfrage nach rein jüdischen Schulen, auch in Königsberg.

1934 wurde Dr. David Kaelter die Aufgabe zur Einrichtung einer jüdischen Schule übertragen.

Er war der Meinung, man müsse den Kindern gerade in Zeiten des wachsenden Judenhasses ein Gefühl des Stolzes und des Zusammenhalts vermitteln, um ihnen zu helfen, den schwierigen Alltag zu meistern.

Als die Schule 1935 eröffnet wurde, hatte sie 82 Schüler. In einem Schulalbum aus dem Nachlass Dr. Kaelters findet sich eine von Schülern vorgenommene Aufstellung der wachsenden Schüler- und Lehrerzahlen: in den ersten eineinhalb Jahren hatte sich die Schülerzahl mehr als verdoppelt.

2016-11-07-1478503083-1673327-03s.jpg

Auch wenn der Zuwachs das Resultat der gesellschaftlichen Ausgrenzung der Juden war, schaffte es Kaelter, den Kindern ein „fast normales Leben" zu schaffen. Er organisierte Ausflüge und Aufführungen, die nicht nur von den Schülern und deren Familien aufgesucht wurden, sondern auch von anderen Juden der Gemeinde.

In einer Zeit zunehmender Einschränkungen ermöglichte die Schule der gesamten jüdischen Gemeinde kulturelle Aktivitäten, Ausflüge in die Umgebung und an den Ostseestrand. Jeden Freitag versammelten sich die Schüler zur Sabbatstunde, der auch die Eltern beiwohnten, sangen Lieder und lasen Geschichten.

2016-11-07-1478503121-910633-05s.jpg

Doch dieses „fast normale Leben" fand mit dem Novemberpogrom ein abruptes Ende. In seinem Zeugenbericht beschreibt Dr. Kaelter die Geschehnisse dieser Nacht:

„In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 wurden wir gegen Mitternacht durch grossen Lärm auf der Strasse und in der anliegenden Synagoge aus dem Schlaf geweckt.

Wir sahen durch die Fenster, wie der Nazipöbel in die Synagoge drang, die Thorarollen aus dem Schrank riss, die Synagoge systematisch zerstörte und schließlich anzündete. Danach überfiel der Pöbel - unter der Führung von SS-Leuten - das jüdische Waisenhaus und trieb die Kinder auf die Straße."


In den Tagen nach dem Pogrom wurde eine Reihe von Gesetzen erlassen, zu denen u.a. der endgültige Ausschluss der jüdischen Schüler aus dem deutschen Schulsystem gehörte. Die meisten jüdischen Organisationen in Deutschland mussten geschlossen werden.

Juden durften keine öffentlichen Veranstaltungen mehr besuchen, Handel, Handwerk und Gewerbe waren ihnen verboten. Des weiteren wurde ihnen eine „Sühneleistung" in Höhe von einer Milliarde Reichsmark für die Schäden des Pogroms auferlegt. Die Juden, die es nicht schafften, Deutschland zu verlassen, verarmten fast völlig.

Der Novemberpogrom markiert das Ende jüdischen öffentlichen Lebens und jüdischer Präsenz in Deutschland. Davon war auch die jüdische Schule in Königsberg betroffen: Dr. Kaelter und die Lehrer der Schule wurden nach der Pogromnacht verhaftet, jedoch aus Kostengründen zehn Tage darauf wieder entlassen.

Viele Juden beschlossen das Land zu verlassen

Wie viele andere Juden, beschloss auch Schuldirektor Kaelter, das Land zu verlassen und nach Eretz Israel zu emigrieren. Zwar wurde der Unterricht an der Schule wieder aufgenommen, jedoch operierte sie unter zunehmenden Schwierigkeiten.

Wenn die deutschen Juden bis 1938 noch dachten, es gäbe für Sie einen Platz in Deutschland oder die Situation würde sich bessern, so platzte dieser Traum mit den Pogromen. Sogar ein nur „fast normales Leben" mit Schulaufführungen und freudigen Veranstaltungen konnte nicht mehr aufrecht erhalten werden.

Als Schicksalstag kann man die Pogromnacht nicht wirklich bezeichnen, denn sie entschied nicht über die Zukunft der Juden Deutschlands. Jedoch stellte sie einen Einschnitt, einen Wendepunkt dar: Von hier an ging es nur noch abwärts.

Ende 1942 wurden die letzten Kinder der jüdischen Schule von Königsberg nach Theresienstadt deportiert.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.