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Mein Vergewaltiger war ein Schatz

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Wir warteten am U-Bahnsteig auf den Zug zurück nach Brooklyn und hatten gerade zum ersten Mal an einem "feministischen Buchclub" teilgenommen.

So etwas kannte ich nicht einmal, bis meine Mitbewohnerin Rosemary vorgeschlagen hat, hinzugehen. Obwohl sie sich selbst nicht als Feministin sieht, dachte sie, dass es interessant sein könnte. Außerdem brauchte sie dringend mehr weibliche Freunde. Ich nahm das Angebot an. Nicht, weil ich noch mehr Freundinnen brauchte, sondern weil es dort kostenloses Essen gab.

Als Rosemary sich gegen eine Metallstange entlang der U-Bahn-Schienen lehnte, redete sie aufgeregt über den Buchclub und über den Feminismus im Allgemeinen. Ein Wort, das sie nicht mag, weil sie wie viele andere junge Frauen dessen Bedeutung nicht versteht. Sie lässt sich von den negativen Konnotationen des Wortes zu sehr beeinflussen.

"Also, wenn ich nicht auf eine bestimmte Weise handle, wenn ich bestimmten Regeln nicht folge, kann ich keine Feministin sein", sagt sie. „Das macht keinen Sinn."

"Also eigentlich musst du gar nicht auf eine bestimmte Art und Weise handeln", sage ich. "Du kannst handeln wie du willst, das ist der Punkt. Feminismus bedeutet nur, dass Männer, Frauen und alle Menschen gleich behandelt werden sollten."

"Interessant", sagt sie. Sie denkt ein wenig darüber nach. "Ich verstehe deinen Standpunkt."
Ich sage, dass es nicht mein Standpunkt ist, sondern die Definition des Begriffs "Feminismus", bevor sie weiter Dampf ablässt.

"Meine Meinung würde einige dieser Mädels beleidigen", sagt sie über die Mädchen im Club. "Zum Beispiel, dass ich nicht über Terry Richardson reden will." Sie rollt mit den Augen.

Sie bezieht sich, natürlich, auf die jüngste Ausgabe des "New York Magazine" mit Terry Richardson. Eine Menge Leute, vor allem Frauen und mehr noch Feministinnen reden darüber. Es ist ein sehr nett gemachtes Interview, das Richardson wirklich verhätschelt.

Einen angeklagten Sexualtäter. Es geht nicht mal darum, dass Richardson im Magazin überhaupt auftaucht und die Menschen das anstößig finden; vielmehr ist es diese schreckliche, binäre Überschrift: "Ist Richardson ein 'Raubtier' oder ein 'Künstler'?"
Der Artikel (und Richardson selbst) weigern sich, die Dichotomie dieser Situation, seines Rufs und der Wirklichkeit anzuerkennen. Er zeigt keine Reue und kein Verständnis dafür, was seine Taten bei anderen Menschen auslösten - es ging bis zu Einreichung von Klagen - und beschuldigt sogar die Gegenseite.

„Warum willst du nicht über Terry Richardson reden?" frage ich Rosemary.

Sie scheint nervös. "Weil er schon auf dem Cover war", sagt sie, immer noch aufgeregt. "Es ist schon vorbei. Es ist keine große Sache."

"Ich weiß nicht, ob du auch denken würdest, dass es keine große Sache ist, wenn du eine der Frauen wärst, die er zu einem Blow-Job gezwungen hat", sage ich leise.

"Es ist Kunst!" schreit sie mich jetzt in einem wütenden, herablassenden Ton an, als ob ich den Unterschied zwischen Kunst und sexuellen Übergriffen nicht kennen würde. "Ich habe Bilder mit seinem Schwanz im Mund verschiedener Frauen gesehen. Es ist Kunst."

"Diese Bilder sind Kunst, ja", sage ich, "und wenn er die Frauen sexuell nicht belästigt hat, sind die Bilder tatsächlich nur Kunst. Aber wenn er die Frauen sexuell belästigt hat, dann ist das Kunst und ein sexueller Übergriff." Ich fühle mich wie in einer verdammten Folge der Sesamstraße. "Siehst du nicht, wie diese Implikation jemand beleidigen könnte?" fahre ich fort. "Der Artikel legt nahe, dass diese Frauen den Unterschied zwischen Vergewaltigung und Kunst nicht erkennen können. Als ob sie nicht nur keine Opfer wären, sondern komplette Idioten."

Als ich 19 Jahre alt war, wurde ich von einem Mitschüler in der Schule vergewaltigt. Von all den Gedanken, die am nächsten Morgen durch meinen Kopf gingen, waren garantiert keine: "War das Kunst? Hat er sich gerade an mir verkünstelt?" Die Grenze zwischen Kunst und Vergewaltigung ist eigentlich ziemlich leicht zu ziehen, wenn du die Person bist, die gezwungenermaßen einen Schwanz in den Mund nehmen muss.

Wenn ein Artikel wie der im "New York Magazine" so polarisierende und unsinnige Optionen wie "Raubtier" gegen "Künstler" publiziert, ignorieren wir wieder einmal die Tatsache, dass es eine Menge Grauzonen gibt, wenn es um sexuelle Gewalt geht.

Jemand kann nett, kreativ und großzügig sein. Und immer noch ein Sexualstraftäter. Vergewaltiger sind nicht, wie die Nachrichten uns dies glauben lassen möchten, gesichtslose Kreaturen, die immer in dunklen Gassen lauern. Tatsache ist, dass zwei Drittel aller Opfer von Vergewaltigungen in den USA ihre Angreifer vor dem Vorfall bereits kannten. Ich kannte meinen. Und ich bin die erste, die sagt: mein Vergewaltiger war ein Schatz.

Er sah aus wie eine rothaariger Charlie Brown. Seine Gesichtszüge waren weich und freundlich. Seine Haare waren kurz geschnitten, wie bei einem Pfadfinder. Jeder in unserer Theaterproduktionsklasse mochte ihn. Er hätte einen großartigen Stanley Kowalski abgegeben.

Charmant und witzig. Und auch ganz bescheiden. Er bekam gute Noten, hatte viele Freunde. Er war ein talentierter Künstler und Student. Aber er war auch der Typ, der mich vergewaltigte. Die Tatsache, dass er süß ist und seine Mutter liebt, ändert nichts an der Tatsache, dass er gegen meinen Willen Sex mit mir hatte.

Dies bedeutet nicht, dass er für den Rest seines Lebens leiden soll. Ich zumindest werde nicht für den Rest meines Lebens leiden. Aber, wenn er auf dem Cover eines Magazins erscheinen würde, nicht trotz meiner Vergewaltigung, sondern gerade wegen meiner Vergewaltigung - mein Magen würde sich umdrehen.

Wenn er rundheraus über den Angriff ausgefragt worden wäre, nachdem ich der Welt davon erzählt habe und er immer noch nichts bedauern würde, wäre ich ziemlich angewidert.

Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob Richardson jemanden zum Sex zwang - also abgesehen von den zahlreichen Menschen, die genau das beteuern. Aber es ist nicht zu leugnen, dass er viele, viele Frauen und Männer in unangenehme Situationen gebracht hat, milde ausgedrückt. Und er zeigt eindeutig keine Reue.

Das ist ziemlich beschissen. Das sagt etwas über unsere Kultur aus. Lassen Sie uns darüber reden, wenn Sie schon nicht über Terry Richardson sprechen wollen.

Ich glaube nicht, dass irgendjemand sich die Frage stellt, ob Richardson ein Künstler ist, liebes "New York Magazine". Die Menschen fragten sich eher, ob seine "professionellen" Methoden mehr als nur ein wenig gruselig waren. Die Menschen fragten sich, ob sich die US-Medien überhaupt um die Menschen sorgten, die dieser mächtige, reiche Künstler ausgebeutet hat.

Und diese Frage habt ihr laut und deutlich beantwortet.

 
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