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Ich habe über 100 Euro an die Bettler in meiner Stadt verteilt - es war das beste, was ich je getan habe

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HOMELESS IN GERMANY
Fabrizio Bensch / Reuters
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Ich wuchs in Edinburgh auf. Damals, in den 70'ern und 80'ern gab es dort nur wenige obdachlose Menschen. Meistens waren das ältere Männer, die am Marktplatz herumlungerten. Mir wurde immer erzählt, diese Menschen seien Alkoholiker. Den Gerüchten nach nahmen sie auch Crystal Meth.

Inzwischen haben sich die Dinge in meiner Heimatstadt geändert. An jedem Häuserblock sitzt ein Bettler. Sie sind jünger, manchmal sind es Frauen und die meisten von ihnen haben kein Alkoholproblem.

In den letzten Jahren nahm es immer mehr zu.

Eine meiner Vorsätze zu der Zeit war es, mir jeden Tag einen "TED talk" anzusehen. Das sind abgefilmte Fachvorträge zu gesellschaftlich relevanten Themen auf der "Ted talk" Website. (A.m.Red.)

Die Idee inspirierte mich

Ich schreibe - verdiene somit mein Geld mit Ideen. Meiner Meinung nach sind diese Vorträge also Yoga für mein Gehirn. Eines Tages sah ich eine Rede von Sasha Dichter von "Acumen Fund", einer non-profit Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Armut überall auf der Welt zu lindern.

Im Vortrag teilte Sasha die Ergebnisse eines monatelangen Selbstexperiments: Immer, wenn ihn jemand um Hilfe gebeten hatte, hat er mit "Ja" geantwortet. Er hat auch Geld an die Menschen auf der Straße verteilt, wenn sie bettelten.

Sasha sagte, er wollte Großzügigkeit zu seiner Gewohnheit machen. Die Idee inspirierte mich.

Ich beschloss, mein eigenes Experiment zu starten. Schließlich lief ich jeden Tag an Bettlern vorbei. Ich entschied, mir 100 Pfund zu nehmen und sie an 20 Menschen zu verteilen. Ich wollte sehen, wie ich mich dabei fühlte, ob es mich verändern würde.

Als erstes jedoch fühlte ich Angst - Angst, mein Geld zu verschwenden. Einen Fünfer zu verschenken fühlte sich plötzlich riskant an. Was, wenn der Empfänger mein Geld für einen Rausch ausgeben würde?

Es war der Gedanke an die alten Männer auf dem Marktplatz aus meiner Jugendzeit, der mich so fühlen ließ, da bin ich ganz sicher.

Also dachte ich mir, ich hätte 100 Pfund schon mal schlechter investiert und hoffte, dass die Armen wenigstens einen Teil meines Geldes sinnvoll einsetzen würden.

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Wir haben Angst vor der Armut

Meine zweite Angst war, dass ich auf einmal in die Probleme der Bettler involviert werden würde. Dass sie mich verfolgen oder bedrängen würden. Ich fürchtete mich davor, dass die Gesellschaft einer obdachlosen Person mich irgendwie anstecken und ins Unglück stürzen könnte. Das ist natürlich lächerlich - aber ich hatte diese Gedanken.

Eine Stimme in meinem Hinterkopf wollte mir ständig sagen: "Das kann jedem passieren - auch dir". So viel Angst haben wir vor der Armut. Aber ich beschloss, mich dieser Angst zustellen und nicht wegzulaufen.

Ich brauchte zwei Tage, um das Geld los zu werden. Die erste Person, die ich auswählte, war ein ehemaliger Soldat. Er saß auf dem Bürgersteig vor dem Vodaphone-Geschäft. Er brauchte einige Sekunden, bis er verstand, dass ich ihm eine Banknote gegeben hatte.

Sein Gesicht erhellte sich. "Dankeschön", sagte er. "Ich kann mir jetzt ein Mittagessen kaufen."

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Es schockierte mich. Ich dachte anscheinend immer, dass Bettler zumindest ein wenig Geld in ihren Taschen hatten. Dieser Mann offenbar nicht.

Ich führte meine Mission fort. Ein alter Mann sah mich an, als würde er gleich in Tränen ausbrechen, ein kleines Mädchen, nicht älter als meine Tochter, lächelte, als ich ihr den Geldschein gab. Ein anderer Mann sprang auf und war so unglaublich dankbar dafür, dass ich mein Experiment kurz unterbrechen musste, um mich zu fangen.

Es wurde für mich schnell zur Gewohnheit - genau wie Sasha, der Mann aus dem Vortrag, es vorausgesagt hatte. Es veränderte mich - zum Guten, denke ich.

Ich fühle mich mutiger

Ich kann zwar nicht jeden zweiten Tag 100 Pfund spenden, aber ich helfe den Bettlern jetzt wesentlich öfter. Ich fühle mich besser damit, irgendwie mutiger und stärker.

Vor einiger Zeit ging eine Rede der Politikerin Mhairi Black durch die Medien, in der sie über einen Arbeitslosen spricht, der ohnmächtig wurde, weil er fünf Tage lang nichts gegessen hatte.

Dass in unserem Land eine solche Armut existiert, ist schockierend genug, aber dass in unserer Gesellschaft so Wenige gütig genug sind, armen Menschen zu helfen, ist noch viel schlimmer.

Wie viele Menschen hätten diesem Mann ein Sandwich kaufen oder einen Fünfer zustecken können?

Wir müssen unsere Sichtweise ändern

Ich bin Mitglied der Organisation "Women for Independence". Mit meiner Ortsgruppe in Edinburgh haben wir Geld für Frauen gesammelt, die sich keine Damenhygieneartikel leisten können. Auch daran muss schließlich gedacht werden.

Wir haben mit der Aktion über 1000 Pfund eingenommen, mit denen wir Tampons und Binden an die örtlichen Tafeln verteilten.

Der gewaltige Anstieg der Armut in unserem Land ist erschreckend. Besonders, weil wir persönlich das Problem nicht lösen können und die Regierung nichts dagagen tut. Während meines Experiments, bin ich einem Vater mit zwei Söhnen begegnet. Einer von ihnen deutete auf einen der Bettler und fragte ihn, ob er ihm eine Münze geben dürfe.

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"Wir geben Bettlern niemals Geld, verstehst du?", antwortete sein Vater und zog ihn weg.

Ich gab dem Bettler einen Fünfer, aber der kleine Junge geht mir trotzdem nicht aus dem Kopf. Sein Vater war wütend und zugleich verunsichert über den Vorschlag seines Sohnes.

Was passiert, wenn dieser kleine Junge die Sichtweise seines Vaters übernimmt?

Werden wir so jemals die Armut auf der Welt besiegen können?

Der Beitrag erschien zuerst bei HuffPost UK und wurde von Franziska Kiefl übersetzt sowie dem Verständnis angepasst.

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