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Ein Brief an den Mann, der versucht hat, mich zu vergewaltigen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WOMAN WRITING LETTER
Guido Mieth via Getty Images
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Liebes Individuum,

ich schreibe dir an diesem kalten Dezemberabend, ungefähr ein Jahr, nachdem du versucht hast, mich zu vergewaltigen. Ich fühle mich endlich stark genug, das zu Papier zu bringen. Ich schreibe dir, weil wir uns diesen Nachmittag wiedergesehen haben, nur der Kontext war ein etwas anderer.

Deine Hände waren hinter deinem Rücken mit Handschellen gefesselt, anstatt dass sie schweißnass meinen Körper begrapschen würden. Deine Augen waren auf den Boden gerichtet, anstatt nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt.

Das Treffen vor Gericht

Wir waren im selben Raum, allerdings war es dieses Mal meine Entscheidung und nicht deine. Dieses Mal hast du es nicht geschafft, die Tür mit einem Feuerlöscher zu versperren und mich gegen meinen Willen festzuhalten. Dieses Mal wurde die Tür hinter dir von einem bewaffneten Polizisten verschlossen, vor dir drei Richter und mein Anwalt an meiner Seite.

Ich schreibe dir diesen Brief, obwohl ich weiß, dass du ihn niemals lesen wirst, weil du einen großen Teil deines Erwachsenenlebens, wie auch schon die letzten zehn Monate, im Gefängnis verbringen wirst. Aber ich muss diesen Brief trotzdem schreiben, für Männer wie dich, für Frauen wie mich, vor allem aber für meine eigene Emanzipation.

Ich schreibe dir, weil ich die Schwere deiner Tat auf Papier bringen will, um diese Geschichte zu materialisieren, um deine Entscheidungen zu beschreiben, die du aus „jugendlicher Dummheit" getroffen hast. Ich schreibe dir, damit andere und ich mit ansehen können, wie die Worte auf dieser Seite ihre hässliche Form annehmen.

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Ich schreibe dir, weil ich müde bin. Geschichten wie diese erschöpfen mich. Ich will, dass sowohl ich als auch andere verstehen, wie und warum wir als eine Gesellschaft immer noch Probleme haben mit der giftigen und brutalen Realität der Vergewaltigung. Damit wir verstehen, wie schwerwiegend sexuelle Übergriffe sind, wie komplex Frauenfeindlichkeit, wie das Patriarchat nach wie vor die Rolle des Vergewaltigers herunterspielt und Frauen beschuldigt, deren Körper entfremdet worden ist.

Ich will, dass Männer diesen Brief lesen und sich genauso krank fühlen, wie die Frauen, die Dinge, wie die hier beschriebenen, erlebt haben. Ich will, dass sich das ändert. Ich bestehe auf diese Änderung.

Dir wurden heute von Gesetzesseite viele psychologische Begriffe und Bezeichnungen entgegen geworfen. Infantil, krank, gestört, narzisstisch. Ein abwesender Vater und eine überfürsorgliche Mutter, kein fester Job und keine richtige Ausbildung, deine Tendenzen zu lügen, herunterzuspielen, und vor allem das völlige Unverständnis für die Schwere deiner Tat, die Unfähigkeit, der Unterschied zwischen Zustimmung und Verweigerung zu verstehen.

Dein trauriges Leben interessiert mich nicht

Ehrlich gesagt interessiert mich dein trauriges Leben nicht und ich muss keine Entschuldigungen für einen Mann suchen, der versucht hat, drei Richter davon zu überzeugen, dass er die Worte „Stopp", „nein" und „Hilfe" zwar gehört, aber nicht verstanden hätte, weil er kein Englisch spricht.

Und das, obwohl ich ich aufgestanden bin und die Richter in lautem und klaren Französisch angesprochen habe und wir alle wussten, dass ich die Worte „arrête", „non" und „aidez-moi" kenne und sie auch gerufen habe, als du mich gegen die Wand geworfen hast.

Du hast versucht, mich zu missbrauchen, meine Sexualität zu untergraben, mich in einen Käfig zu sperren wie ein Tier, aber du wirst nicht meine Intelligenz untergraben, meine Integrität, meine Stärke, dich in einer Sprache anzuklagen, die nicht meine eigene ist, vor einer Reihe von Richtern in einem Land, das nicht mein eigenes ist. Deine schwachen Lügen und erbärmlichen Darstellungen dessen, was nicht passiert ist, sind wirkungslos. J'en ai rien à foutre.

Du hast gesagt, was du getan hast, hat nur wenige Minuten gedauert - nicht aber, dass du mich 20 Minuten lang in einen Raum gesperrt hast, während du versucht hast, mir die Kleider vom Leib zu reißen, meinen Körper auf ein Waschbecken zu drücken, während du versucht hast, mich zu vergewaltigen.

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Du hast gesagt, du lagst auf mir, weil ich meinen Drink habe fallen lassen und ausgerutscht bin, nicht, weil nachdem ich es geschafft habe, dich von zwischen meinen Beinen wegzudrücken, du meinen Körper herumgedreht, auf den Boden gedrückt und dich mich deinem ganzen Körpergewicht auf mich gelegt hast, um mich unten zu halten.

Du hast gesagt, dass während du mich aufs Waschbecken gehievt und meine Beine auseinander gedrückt hast, um dich dazwischen zu drängen, während ich weinte und schrie, du mein Kleid über meine Brust schobst und so die intimsten und verletzlichsten Teile meines Seins entblößtest, du mich nur „ein oder zwei Mal" kurz berührt hast. +

Da hast du allerdings bemerkt, dass ich meine Tage und einen Tampon in mir drin habe, und nachdem du mehrmals versucht hast, deine dreckigen Hände in meinen Körper zu rammen, du aufgegeben hättest. Wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Jeder in diesem Raum wusste, dass das nicht stimmt. Weil du nicht selbst beschlossen hast, aufzuhören.

Ich habe mich gewährt. Deine Augen waren schwarz und du schautest direkt in meine Seele, um mir zu sagen, dass es dir scheiß egal ist, dass ich nein gesagt habe, dass ich einen Tampon drin habe.

Du hast mich unterdrückt und verletzt

Du hast mich mit deiner breiten Brust herunter gedrückt, während du deinen Gürtel öffnetest und meine Unterwäsche zur Seite schobst, während du mir die Freiheit nahmst und meine Beine auseinander drücktest. Während ich um mich schlug und schrie und weinte, hast du jeden Teil von mir, den ich dir in keinem Universum auch nur erlaubt hätte, zu berühren, begrapscht, unterdrückt und verletzt.

Das einzige, was dich zurückgehalten hat, war dasselbe, was dich zunächst zu deiner Tat motiviert hat: meine Sexualität. Was für eine Ironie, dass genau das Ding, das Männer abstößt, obwohl es weibliche Fruchtbarkeit und Sexualität symbolisiert, mich gerettet hat.

Was ich heute getan habe war nicht einfach. Mein Anwalt hat mir gesagt, ich müsste nicht anwesend sein. Aber ich war es. Ich wollte da sein und antworten, wenn die Richter mich fragen, ob ich irgendetwas zu sagen habe, weil ich etwas zu sagen habe.

Ich bin für mich selbst eingetreten, mit jeder Faser meines Körpers, angetrieben von einer blinden Wut, rasend aufgrund deiner Lügen, deines mangelnden Verständnisses für das, was du mir angetan hast, aufgebracht, weil du dachtest, du könntest dir nehmen, was auch immer du wolltest. Ich trat ans Mikrofon, lehnte den Übersetzer ab, und begann meine Rede an die Richter. Meine Stimme füllte den vollen Gerichtssaal, klar und deutlich, in einer Sprache, von der du behauptet hast, ich würde sie nicht sprechen.

In diesem Moment sprach ich für jede Frau auf dieser Welt, die in den Händen solcher Männer wie dir gelitten hat. Ich sprach für jede Frau, die auf dem Heimweg ihre Schlüssel zwischen die Finger klemmt. Ich sprach für jede Frau, die schon mal das Zugabteil gewechselt hat wegen diesem einen Mann, der sie anstarrt.

Ich sprach für jede Frau, deren Eltern darauf bestehen, dass sie eine SMS schreibt, wenn sie vom Feiern heimkommt, selbst, wenn sie schon 24 Jahre alt ist, weil ihre Eltern Angst um sie haben, weil sie eine Frau ist und kein Mann. Ich sprach für jede Frau, die das Gefühl hatte, ihre Sexualität würde ausgestellt werden, wenn sie an einer Gruppe von Männern vorbei lief. Ich sprach für jede Frau, die sich an den Moment erinnert, als ihr kindlicher Körper vor den Blicken schrecklicher alter Männer seine Unschuld verlor.

Ich sprach für jede Frau, die weiß, wie es sich anfühlt, von Blicken ausgezogen zu werden, von diesen unangenehmen Blicken benetzt zu werden - ein Gefühl, dass sie so gut kennen, aber nicht in Worte fassen können. Ich sprach für jede Frau, die schon mal eine Hure oder Schlampe genannt wurde, weil sie ungewollte Anmachen abwies. Ich sprach für jede Frau, die sich wertlos, benutzt und verurteilt fühlte, wenn sie Sex hatte, während ein Mann sich mächtig, frei und stark fühlte, indem er dasselbe tat.

Mehr zum Thema: http://www.huffingtonpost.de/news/vergewaltigung/

Ich sprach für jede Frau, die die Wut in sich aufsteigen fühlte, wenn ihr gesagt wurde, dass offener Sexismus nur ein Witz sei und sie „echt mal lernen sollte, sich zu entspannen" und „darüber lachen" sollte. Ich sprach für jede Frau, die sich schon mal fragte, ob ihr Outfit „zu nuttig" aussehe oder so, als wolle sie es „darauf ankommen lassen".

Ich sprach für jede Frau, die sich schon mal gefragt hat, „wenn ich dies und jenes nicht getan, getragen, gesagt hätte, dann wäre dies und jenes nicht passiert."

Ich sprach für jede Frau, die die Scham in sich aufsteigen spürte, wenn andere Frauen, Freunde, Kollegen meinen, das Recht zu haben, über deinen Fall zu sprechen, als hätten sie eine Idee davon, wie es sich anfühlt, als ob sie es im Nachhinein kommentieren und darüber urteilen dürften, wie du hättest reagieren können können, während sie dir sagen „Shit happens", oder „das ist jetzt keine Entschuldigung, sich zurückzuziehen", oder „du hättest eben nicht ausgehen sollen, du hättest besser auf dich aufpassen müssen, weißt du denn nicht, dass Männer nur das eine wollen, du hättest dich nicht in diese Situation bringen sollen", „t'as complètement déconné" („du hast richtig verkackt" - und all diese Worte von Frauen, die sich selbst als Feministinnen bezeichnen.

Ich sprach für jede Frau, die angetatscht, belästigt, attackiert, vergewaltigt, gefilmt, fotografiert, verfolgt, beleidigt, angestarrt und mit ekelhaften Gesten konfrontiert wurde - und das alles in einer Gesellschaft, die so etwas erlaubt.

In manchen Fällen bestärken sie andere Frauen sogar in ihren Schuldgefühlen während Männer, die eigentlich progressiv und modern sein sollten, schweigen.

Ein offener Brief an alle Männer

Ich wende mich an all diese Frauen, weil ich jede einzelne von ihnen bin. Weil all das jeden einzelnen Tag jeder einzelnen von euch passiert. Ich will, dass die Menschen ihre Augen öffnen.

Das ist ein offener Brief an alle Männer, die jemals versucht haben, meinen Körper ohne meine Zustimmung für ihr eigenes Vergnügen auszunutzen. Ich wende mich an den Mann, der versucht hat, mit seinem umgedrehten iPhone unter meinem Kleid zu filmen, während ich im Sommer 2014 in der Schlange am Arc de Triomphe anstand.

Ich wende mich an alle Männer, die es entweder versucht oder geschafft haben, mich in vollen Nachtclubs anzugrapschen, an den Mann in Barcelona, der mich am helllichten Tag in Barcelona auf dem Fahrrad verfolgte, während ich zum Strand ging, nach meinen Brüsten langte, mich fast zu Boden stieß und dann floh, nur sechs Monate nachdem ich in diesem kleinen Raum angegriffen wurde.

Dieser Brief ist an den Mann, der mich gegen eine Wand drückte und sagte, er „würde mich gerne so ficken, dass ich es niemals vergessen würde", als ich in meinem sicheren Viertel im Westen von Paris nach Hause ging, was dazu führte, dass ich schließlich tränenüberströmt Heim rannte.

Ich wende mich an den Mann, der seine Genitalien rieb und mich dabei direkt anstarrte, ohne, dass es jemand anders sehen konnte und ohne dass ich die Möglichkeit gehabt hätte, den Platz oder Waggon zu wechseln, weil der Zug durchgängig und kein anderer Platz frei war.

Ich wende mich an den Mann, der mich zu seiner Party einlud, mich dann um 4 Uhr morgens rausschmiss und mir hinterher schrie, der einzige Grund, warum er mich eingeladen hatte, war, dass er mich ficken wollte. Ich wende mich an jeden Mann, der mich auf meinen Körper reduziert hat, auf ein Objekt, dass missbraucht werden darf. Und welche Rolle spielte ich in all diesen Situationen? Ich war da und ich atmete.

Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe und vor allem die Frage der Zustimmung wurden dieses Jahr wegen des Falles Ched Evans von der Öffentlichkeit rege diskutiert. Ched Evans trägt die schillernde Berufsbezeichnung „Elite-Sportler", verfügt über ein hohes Gehalt und ist, was relevanter ist in diesem Brief, der Mann, der eine große Gefolgschaft hat von leidenschaftlichen Männern, die Sprüche von sich geben wie: „Der Fall zeigt, wie manipulativ so Tussis sein können, wenn die einfach so die ‚Vergewaltigungskarte' spielen und so Ched Evans Karriere ruinieren, die Justiz hat hier schlampig gearbeitet".

Die ‚Vergewaltigungskarte' spielen. Lasst uns darüber mal nachdenken. Die Vergewaltigungskarte spielen ist also, wenn die intimsten Stellen deines Körpers gegen deinen Willen missbraucht werden und du die Kraft hast, diesen Missbrauch zu melden.

Das ist so, als würdest du dem Spieler der anderen Mannschaft gleich die rote Karte zeigen. Vergleicht ihr Vergewaltigung etwa mit Fussball spielen? Sollte die Strafe nur ein Klapps sein, weil „sie nicht beweisen kann, dass sie nein gesagt hat, oder sie war zu betrunken, oder sie hat mich vorher angemacht, oder ihr Ex-Freund hat gesagt, nach dem Vorfall konnte sie ja auch Sex haben, deswegen ist das rechtlich schon alles ok"? Nein.

Könnt ihr euch überhaupt vorstellen, was es bedeutet, eine Vergewaltigung zu melden?
Direkt nach dem Übergriff, nachdem ich es geschafft hatte, zu fliehen, indem ich den Feuerlöscher mit dem Fuß weg kickte und die Tür auf bekam, nahm der Angreifer meine Tasche und versteckte sie auf einem Schrank, so dass ich nicht dran kommen und sie wiederfinden konnte. Er stahl mein Handy und verließ das Gebäude.

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Ohne meine Tasche hatte ich auch keine Schlüssel. Ohne Handy konnte ich niemanden meiner Freund und Angehörigen kontaktieren, die mir hätten helfen können. Im verwundbarsten Augenblick meines Lebens war ich völlig allein.

Aber meine Tasche wurde drei Stunden später wiedergefunden, ich bekam meine Schlüssel wieder und war endlich zu Hause. Allein.

Es gibt keine Worte, weder im Englischen noch im Französischen, mit denen ich beschreiben kann, wie es sich anfühlt, nach so einem Vorfall alleine nach Hause zu kommen und wie sich der Tag danach anfühlt.

Das Gefühl, mein Kleid vor dem Spiegel auszuziehen und all die Fingerabdrücke, Male und blauen Flecken zu sehen, die sich langsam auf meinem Rücken, meinen Beinen, Armen, Schultern und Hüften abzeichneten.

Das Gefühl, als ich mich in Embryohaltung zusammenrollte, meine Knie unter mein Kinn drückte und während ich schlief mein Gehirn die Information verarbeiten ließ, dass ich gerade einen sexuellen Übergriff erlebt habe und das akzeptieren muss.

Der unbeschreibliche, erdrückende, lähmende und schreckliche Moment, als ich ein paar Stunden später aufwachte und feststellte, dass alles, was passiert ist, Wirklichkeit war, der Schock und die Angst, die Scham, dass jemand so viel von dir genommen hat, dass jemand deinen Körper auf diese Art und Weise gesehen hat. Und dann das das Gefühl von Schuld, das dich instinktiv überkommt, das Gefühl von Dummheit, weil du das alles hast geschehen lassen. Es fühlte sich an, als wäre jemand gestorben.

Die Stärke, die du brauchst, um eine offene Polizeiwache an einem Sonntag zu finden, dort anzukommen und in einer fremden Sprache zu stammeln „Ich will einen Mann anzeigen, der gestern Nacht versucht hat, mich zu vergewaltigen."

Der Alptraum einer jeden Frau

14 Stunden damit zu verbringen, von der Polizei von A nach B geschickt zu werden, zu Spezialeinheiten, zu Ärzten. Über jedes einzelne Detail der letzten Nacht, vor der du fliehen konntest, zu sprechen, Wort für Wort, ohne Schlaf, ist der Alptraum einer jeden Frau.

Dem Täter selbst konntest du jedoch nicht entfliehen, denn er hielt dich auf ein Waschbecken gedrückt, deine Beine gegen deinen Willen gespreizt, während seine dreckigen Hände versuchten, in deinen Körper einzudringen.

In einem Stuhl zu sitzen, während dein ganzer Körper schmerzt, es noch einmal zu erleben, was diese Person dir angetan hat, und das vor einem Team von Polizeibeamten, beleuchtet von einer gräulich flackernden Lampe in einem kalten Raum. Könnt ihr euch auch nur annähernd vorstellen, wie sich das anfühlt? Und das alles in einer Sprache, die nicht einmal meine eigene war.

Das Gefühl, zu mehreren Polizeiwachen innerhalb der Stadt gefahren und zu Krankenhäusern gebracht zu werden, und dort von zwei verschiedene Ärzten, die auf Vergewaltigung spezialisiert sind, gebeten zu werden, deine Kleider auszuziehen, damit sie die Wunden an deinem Körper untersuchen können.

In einem Stuhl mit gespreizten Beinen zu sitzen, damit ein Fremder deine Vagina noch einmal schmerzlich berühren kann, um sie auf Verletzungen, Schnitte, Male zu untersuchen, um Gegenstände einzuführen, mit denen er DNA-Spuren, Hautzellen, Flüssigkeiten, Schweiß, irgendeinen wissenschaftlichen Beweis dafür finden kann, dass du die Wahrheit sagst.

So fühlt es sich an, eine Vergewaltigung zu melden. Und ich kann euch nun sagen, kein Mensch auf dieser Welt würde sich diesem Prozess freiwillig aussetzen. Es ist entwürdigend, anstrengend, beängstigend, herzzerbrechend und nur der Anfang von allem.

Ein krimineller Vorfall lässt sich nicht über Nacht lösen - vor allem nicht, wenn man im Zentrum dessen steht. Der Prozess, den Täter zu finden, von der Polizei darüber benachrichtigt zu werden, seine Sicht der Dinge aufzunehmen, sein Geständnis oder seine Verweigerung, die Fragen, ob er in Haft bleibt oder frei gelassen wird und was ich im letzteren Fall tun kann, was ich überhaupt tun kann, wie ich das alles verstehen kann, welche Informationen ich bekommen darf.

Mit keinen Worten kann ich die Intensität eines solchen Prozesses beschreiben, und jeder, der glaubt, eine Frau würde freiwillig so etwas durchmachen, verschließt ängstlich seine Augen vor der Tatsache, das „Männer wie ich, die herunterspielen, wie schwerwiegend eine Vergewaltigung ist, sorgen dafür, dass Frauen solche Prozesse durchlaufen müssen".

Die Menschen sind so weit entfernt von der schmerzhaften, brutalen Realität von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen. Vielleicht schämen sich diese Männer so sehr für ihre Denkweise und die Art und Weise, wie sie Frauen sehen, beleidigen, objektivieren, verleumden und missbrauchen, selbst, wenn es nur verbal ist.

Sie können den Gedanken nicht ertragen, dass es Männer wie sie sind, die glauben, dass der weibliche Körper benutzt und fürs eigene Vergnügen missbraucht werden darf, sogar ohne deren Zustimmung, und sie werden sogar noch einen Schritt weiter gehen.

Ich spielte keine Rolle

Kein Polizeibeamter hat mich jemals nach meiner Rolle während des Übergriffs gefragt, einfach, weil ich keine Rolle spielte. Das Problem, das wir haben, ist ein soziales. Es sind nicht die Sicherheitskräfte und Behörden, die uns helfen und beschützen, die das Opfer beschuldigen und den Täter freilassen, es ist die Gesellschaft um uns herum, die all das erlaubt.

Ich habe nichts anderes getan als zu leben. Ich habe nichts anderes getan als zu atmen, zu existieren, in jener Nacht zufällig am selben Ort zu sein wie der Mann, den meine Abweisung so wütend machte, dass er dachte, er könnte sich dennoch nehmen, was er wollte. Es ist so wichtig, das zu verstehen.

Denn was mir passiert ist, ist extrem, aber nicht ungewöhnlich, und wie ich weiter oben schon schrieb: Dieser Brief existiert als Ausdruck der überwältigenden Vorkommnisse der diversen Formen von Frauenfeindlichkeit, Missbrauch, Vergewaltigung und Einschüchterungen, die 100 Prozent aller Frauen, die ihr kennt, jeden Tag erleben.

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Falls hier noch irgendjemand Probleme damit hat, anzuerkennen, dass eine Frau, egal was sie tut, niemals darum bittet, vergewaltigt zu werden, fasse ich hier noch einmal folgende Punkte zusammen, um Verwirrung zu vermeiden:

Als Mensch habe ich das Recht, dass meine weibliche Sexualität von Männern unangetastet bleibt und sie meinen Körper sexuell nicht ausnutzen.

Als Mensch habe ich das Recht, abends auszugehen.

Als Mensch habe ich das Recht, zu trinken, mit Menschen zu reden, zu tragen was ich will, hinzugehen, wohin ich will, ob allein oder in Begleitung, mein Leben zu leben.

Als Mensch habe ich das Recht, dann Sex zu haben, wenn ich es will, und dieses Recht ist dem männlichen gleichgestellt.

Als Mensch habe ich das Recht, nein zu sagen.

Wenn ich bewusstlos bin, wenn ich Alkohol getrunken habe, wenn du schon nackt bist und ein Kondom trägst und ich schon ja gesagt habe und dann aber meine Meinung ändere, heißt das nicht, dass wir nun dennoch Sex haben werden. Alles, was in diese Richtung geht, ist VERGEWALTIGUNG.

Letzte Worte: Ein Brief an eine Frau wie mich

Ich hoffe, es hat dich stärker gemacht, all das zu lesen. Ich bin mir sicher, dass es nicht einfach war. Ich wette mit dir, ja dir, dass du dich mit irgendwelchen Stellen dieses Briefes verbunden fühlst, dass du einen heißen Schwall aufkommen spürst, dass du die Hitze in deinen Augen fühlst, deine Hände zucken und sich Fäusten ballen wollen, dass du tief durchatmen musst.

Das ist okay, das verstehe ich, und wenn du darüber reden willst, schreib mir gerne eine Nachricht. Trotz allem hoffe ich, ich konnte dir Kraft geben.

Denn ich habe das für dich getan.

Gestern habe ich für dich gesprochen. Ich habe das hier für dich geschrieben, damit du weißt, dass du nicht allein bist, dass du niemals allein bist. Ich habe das hier für dich geschrieben, für die Momente, in denen du etwas völlig Normales tust und es auf einmal hochkommt, aus heiterem Himmel, wie eine Tonne Sand, die dich unter den Banalitäten des Alltags begräbt, und alles, was du in diesem Moment tun kannst, ist, es beiseite zu schieben und weiter nach deinem Passe Navigo oder deiner Oyster Card zu suchen. Ich verstehe es. Ich verstehe, wie du dich fühlst, wenn du nicht einmal verstehst, warum du dich so verhältst.

Weil du gedacht hast, dass ein Vergewaltigungsopfer oder ein Opfer sexuellen Missbrauchs diese zitternde, blasse abgemagerte Frau sei, die sich vor der Außenwelt verschließt und niemals das Haus verlässt.

Vielleicht bist du sie. Vielleicht bist du es auch nicht. Vielleicht musstest du dich nach den ersten zwei Monaten, nach der Zeit des Schocks und der Verdrängung aufrappeln, um endlich wieder mit Freunden was trinken zu gehen oder eine Beziehung zu führen und dein Leben wieder in die Hand zu nehmen.

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Denn manche Menschen, sogar solche, die du kennst - Freunde, Kollegen, die Gesellschaft - glauben, dass wenn du diese fragile, leere, miserable Frau nicht verkörperst, du deren Erwartungshaltung an ein Opfer nicht erfüllst (denkt dran - wir wissen, dass sie vergewaltigt wurde, wir akzeptieren das, deswegen erwarten wir, hier ein richtiges Opfer zu sehen, sie muss uns zeigen, dass sie leidet) - war es dann wirklich so schlimm?

Ja. Es war so schlimm. Und nein. Es war nicht deine Schuld. Vergewaltigungen passieren wegen der Vergewaltiger. Und nun hast du meinen langen Brief an all jene gelesen, die anderer Meinung sind. Mit solchen Briefen schaffen wir einen Fortschritt, wir zwingen Menschen, ihre Augen zu öffnen und die täglichen, stündlichen Zeichen von Sexismus und Frauenfeindlichkeit zu sehen, die sexuellen Übergriffe und Vergewaltigungen, die Frauen erleiden, einfach nur, weil sie ihr Leben leben.

Aber glaube mir. Das ist nicht dein Ende. Nein. Das definiert dich nicht. Das steht nicht für deine Person. Das alles hat nichts mit dir zu tun, außer, dass du diesen Übergriff überlebt hast. Du verdienst es, zu wissen, dass du wunderschön bist und gewollt, und dass du jedes bisschen Glück dieser Welt verdienst.

Du verdienst es, zu wissen, dass du stark bist, unglaublich stark, dass du all diese Dinge, die unerreichbar scheinen, erreichen wirst, obwohl du manchmal schlaflos daliegen wirst, während du aus dem Fenster schaust und eine Zigarette nach der anderen rauchst, oder irgendetwas anderes eine Zeitlang ein wenig übertreibst, weil es dir hilft, Druck abzubauen. Und das ist okay.
Weil du eine Löwin bist. Du bist furchtlos.

Du bist unaufhaltbar. Du bist unglaublich und du wirst all diese großartigen Dinge erreichen. Du bist schön und ich will dich mit Liebe umhüllen, denn du verdienst das und so viel mehr. Du wirst das überleben.

Du wirst nachts Heim gehen, genauso, wie ich es jeden Tag tue, alleine, mit hoch erhobenem Haupt, keine Angst vor nichts und niemandem.

Du wirst in deinem Leben viele wertvolle, intime, liebevolle Beziehungen haben. Du wirst Liebe machen, deine Sexualität genießen und schätzen, und du wirst mit jemandem verbunden sein, der dich so sehr liebt, die Liebe wird dich erfüllen und nie wieder verlassen. Aber bevor das passiert, wirst du großartig allein zurecht kommen.

Du machst dein eigenes Ding, genau so, wie du es willst, du wirst alleine essen, alleine trinken, alleine lesen, alleine laufen. Du wirst die Welt ohne Zwang, ohne Unterdrückung entdecken, du wirst leben.

Mein Leben wurde nicht zerstört, genauso wenig wie deines

Ich werde es nicht erlauben, dass dieser Vorfall definiert, wer ich bin, oder die Art und Weise verändert, wie ich mich selbst wahrnehme. Dasselbe gilt für dich. Ich darf und habe und werde keine Angst vor Intimität und meiner eigenen Sexualität haben.

Ich bin stolz auf mich und bewundere mich manchmal selbst dafür, wie ich Kraft finde, zu kämpfen: gegen ihn zu kämpfen, gegen sexuelle Diskriminierung zu kämpfen, meine Stimme vor den Richtern zu erheben und mich aufgrund der Ereignisse besser kennenzulernen. Ich muss lernen, mich selbst zu lieben und all das, was ich getan habe, zu schätzen.

Und nun, da ich Fortschritte mache an der Sciences Po und so viel über Philosophie, Politikwissenschaft und Recht lerne, kann ich das Thema direkt angehen, weil ich muss. Und du musst es auch.

Ich akzeptiere es nicht, dass mein Leben ruiniert wird. Ich akzeptiere es nicht, durch den Vorfall definiert zu werden, weil ich so viel mehr bin als das, Paris bedeutet mir so viel mehr als das, und ich werde weiter für all das, was ich für richtig halte, kämpfen. Und du wirst es auch tun.

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