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Mein Vater hat mich vergewaltigt und gilt trotzdem für viele als Held

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Cultura RM Exclusive/Attia-Fotografie via Getty Images
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Mein Vater hat mich sexuell missbraucht. Es begann, als ich fünf Jahre alt war, vielleicht aber auch schon früher. Abends ist er immer in mein Zimmer gekommen und hat mich befummelt. Er hatte seine Hand in meiner Unterhose. Nebenbei befriedigte er sich selbst.

Einmal kam er in mein Zimmer, als ich Hausaufgaben machte. Da hat er einfach seinen Kopf zwischen meine Beine gesteckt. Ich traute mich nicht, mich zu rühren oder zu schreien. Denn ich wusste, was dann passiert. Wenn ich nicht das tat, was er wollte, hat er mich geschlagen. Mit den Händen, mit Kochlöffeln, sogar mit Rohrstöcken. Bis ich blau war.

Selbst nach so vielen Jahren stelle ich mir jeden Tag dieselben Fragen: Wie kann es sein, dass der Mann, der mir das angetan hat, nur wenige Jahre nach seiner Verurteilung wieder auf freiem Fuß war? Wie kann es sein, dass er heute sogar als Held und Retter angesehen wird? Nach all dem, was er getan hat, ist es eigentlich unfassbar und trotzdem ist es bittere Realität.

„Du darfst das nicht verraten", hat er immer wieder gesagt. Ich schwieg, weil ich unglaublich Angst hatte. Ich wusste ja nicht, ob das normal ist. Ob es anderen Kindern auch so wie mir geht. Ich habe mich so sehr geekelt, aber ich kannte es nicht anders. Erst als ich in der dritten Klasse war, merkte ich, dass es nicht gehörte, von seinem Vater derart angefasst zu werden.

Mir wurde der Kontakt zu anderen Kindern verboten

Ich durfte auf keinen Kindergeburtstag gehen oder mich mit Freunden treffen. Wenn ich mich beschreiben müsste, so war ich ein sehr eingeschüchtertes, scheues und ängstliches Kind. Im Nachhinein denke ich oft: Es hätte doch jemand sehen müssen, dass bei mir zuhause etwas nicht stimmte. Mein Vater hat mich immer wieder eingesperrt. Als einmal ein paar Jungs vor der Tür standen, um mich zu besuchen, ist er total ausgeflippt und hat mich verprügelt. Er war sehr eifersüchtig.

Meine Mutter beschwört, dass sie es nicht wusste. Sie ist oft fremdgegangen und wollte es einfach nicht sehen. Eigentlich kann ich meine Mutter gar nicht als Mutter bezeichnen, sie ist meine Erzeugerin. Genauso wie mein Vater. Er ist mein Erzeuger. Nicht mehr.

Mehr zum Thema: Das deutsche Sexualstrafrecht ist total verkorkst

Als Kind macht man alles, um Beachtung zu bekommen. Und so absurd es klingen mag, mein Vater war der einzige, der mir Zuneigung zeigte- natürlich auf diese abscheuliche Art und Weise. Liebe stand für mich immer in Verbindung mit Schmerz, Angst und Grenzüberschreitung. Beziehungen stellten für mich oft eine emotionale Achterbahn dar.

Bis ich elf Jahre alt war, musste ich mit meinem Vater Mittagsschlaf machen. Natürlich habe ich nicht geschlafen. Ich lag wach und er hat sich neben mir „einen runter geholt". Doch noch schlimmer wurde es, als ich in die Pubertät kam.

Ich machte einen großen Fehler

Ich erzählte meiner Mutter, dass ich meine Periode bekommen habe. Das war ein großer Fehler. Denn so erfuhr es auch mein Vater. Noch am gleichen Abend kam er in mein Zimmer und sagte: „Jetzt bist du eine Frau". Es dauerte nicht lange, bis er fordernder wurde. Er stülpte sich ein Kondom über und hat mich vergewaltigt. Das war mein erstes Mal. Ich habe mich nicht getraut, mich zu wehren und war einfach ganz ruhig und still. Ich stand völlig unter Schock.

Nachdem ich mal wieder die ganze Nacht von meinem Vater verprügelt wurde, schluckte ich aus Verzweiflung eine Packung Tabletten. Ich wollte nicht sterben. Ich wollte raus. Ich wollte Hilfe. Irgendwann lag ich im Krankenwagen und wurde mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren. Zuhause weg zu können, machte mich einfach nur froh. Nach der Entgiftung kam ich in die Psychiatrie.

Das war meine Rettung. Denn dort lernte ich meine Therapeutin kennen, die mich sehr lange begleitet hat. Damals war ich 14 Jahre alt. Heute - 24 Jahre später - bin ich selbst Mutter von drei Kindern und in einer leitenden Position. Nach außen hin erscheine ich selbstbewusst und stark, doch innerlich plagen mich noch immer schlimme, teils selbstzerstörerische Zweifel und Unsicherheiten. Das wird wohl nie ganz weg gehen.

Mit 17 Jahren habe ich meinen Vater angezeigt. Er hat alles gestanden und wurde zu sechs Jahren verurteilt. Das ist doch lächerlich! Ich glaube, nach vier Jahren war er wieder auf Bewährung frei. Für Steuerhinterziehung bekommt man oft höhere Strafen als für sexuellen Missbrauch eines Kindes oder Vergewaltigung. Unsere Gesetzeslage stimmt nicht. Aber solange Männer unsere Gesetze machen, wird sich daran vermutlich nichts ändern.

Heute arbeitet mein Vater sogar bei der freiwilligen Feuerwehr. Warum darf er in solch einem sensiblen Bereich arbeiten? Auf der einen Seite zerstörte er Menschenleben und auf der anderen Seite rettet er sie. Das kann doch nicht sein!

In unserer Gesellschaft läuft etwas gewaltig schief

Kinder und Frauen werden sexuell missbraucht und niemanden interessiert es. Diese Männer zerstören Leben und erhalten im Gegenzug eine unfassbar geringe Strafe.

Und dann wird auch noch an den Aussagen der Opfer gezweifelt. Ich habe das viele Male erlebt. Wenn ich meine Geschichte erzähle, wird mir häufig die Schuld für die sexuellen Übergriffe gegeben. Nach dem Motto: Du hast das doch gewollt. Du hättest doch schon viel früher etwas sagen können. So gut wie du aussiehst, brauchst du dich nicht wundern.

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Das sind Sätze, die ich oft hörte, sogar von meiner Tante und meinem Cousin. Selbst Arbeitskollegen legten mir die Tatsache, missbraucht worden zu sein, als Schwäche aus, wenn ich mich mal traute, meine Erlebnisse offen auszusprechen. Das ist auch der Grund, weshalb ich anonym bleiben möchte.

Es ist mir als Jugendliche auch passiert, dass Männer, die meine Geschichte kannten, mich belästigten, weil sie dachten, man könne dies mit mir machen. Zum Beispiel war ich einmal bei einem Pfarrer und dessen Frau zum Essen eingeladen. Er wusste, dass ich als Kind sexuell belästigt wurde. Als wir alleine waren, versuchte er, mir einen Zungenkuss zu geben. Ich war so perplex. Es ist unglaublich, wie viele perverse Menschen es gibt.

Als Frau ist man immer die Schlampe

Wenn ein Mann Kinder von verschiedenen Frauen hat, ist das vollkommen in Ordnung. Bei einer Frau ist das etwas ganz anderes. Sie wird schnell abgestempelt. Auch wenn in unserer Gesellschaft schon viel passiert ist: Frauen werden immer noch unterdrückt.

Mein Vater meldete sich einige Jahre nach der Verurteilung noch einmal telefonisch bei mir. Mich haute das absolut um. Ich habe ihn gefragt, ob ihm bewusst sei, was er mir angetan hat. Da meinte er nur: „Ich war einfach so verliebt in dich!" Dies zeigte mir, er hatte überhaupt nichts begriffen und ist dennoch auf freiem Fuß.

Mein Vater hat meine Seele zerstört, aber er hat es nicht geschafft, mir den Glauben an das Gute zu nehmen. Natürlich muss ich mit meinen Dämonen kämpfen - jeden Tag. Aber das schaffe ich bisher. Manchmal gelingt es mir ganz gut. Manchmal gelingt es mir weniger gut. Schlussendlich hat mich meine Geschichte zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Wenn mir Freunde sagen, dass sie genervt sind, weil sie auf den Geburtstag der Mutter oder des Vaters eingeladen sind und keine Zeit und Lust auf solche Familientreffen haben, dann denke ich mir: Sei froh, dass du noch Eltern hast, die sich um dich kümmern und dich wahrhaftig lieben. Denn das ist nicht selbstverständlich.

Der Text wurde von Katharina Pichler aufgezeichnet.

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