Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Sangeet Gill Headshot

Spurensuche - AfD Politikerin Beatrix von Storch wandelt auf den Pfaden ihres Großvaters

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BEATRIX VON STORCH
Carsten Koall via Getty Images
Drucken

Abstammung ist ein zentrales Thema für die Politik von der AfD Vize-Vorsitzenden Beatrix von Storch. Gerne hätte sie weniger Fremde und Fremdes in Deutschland. Wie steht es um ihre eigene Abstammung? Welchen Einfluss hat diese auf ihre Politik? Ein Politiker, der so viel Wert auf Herkunft legt, muss sich diese Frage gefallen lassen. Beatrix von Storchs Großvater war von 1933 bis 1945 Adolf Hitlers Finanzminister: Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk.

Schuld und Gerechtigkeit

Großvater Krosigk war als Finanzminister direkt an der Enteignung der deutschen Juden beteiligt. Als höchster Beamter hat er den reibungslosen Ablauf des NS-Staates inkl. Kriegsaggression und Völkermord gewährleistet. 1949 wurde er dafür zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Januar 1951 wurde er im Rahmen einer Amnesie entlassen und lebte bis zu seinem Tod 1977 unbehelligt als Publizist in der Bundesrepublik.

Das politische Klima in den 50ger und 60ger Jahren begünstigte die Meinung, dass es unter Hitler nur „Mitläufer" aber keine „Mittäter" gegeben hat. Erst im Zuge der 68er Generation wurde diese Haltung hinterfragt. Willige NS-Beamte wie von Krosigk standen nun am Pranger. Die meisten Kinder bzw. Enkel der NS-Täter fragten sich, wieso diese so glimpflich davon gekommen waren. Sie bildeten damit die Grundlage für das weltoffene Deutschland, wie wir es heute kennen.

Aufarbeitung bei den Krosigks

Bei Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, scheint es anders gelaufen zu sein. Sie vertritt heute erzkonservative Ansichten bzw. einen „nationaltümelnden Patriotismus" (David Bebnowski, Göttinger Institut für Demokratieforschung ) und wirkt dabei merkwürdig aus der Zeit gefallen. Man bekommt zuweilen den Eindruck, dass sie fast zwanghaft handelt.
Wer sich nicht mit der Schuld der Ahnen auseinander setzt, übernimmt oft unbewusst und kritiklos die Ansichten der vorherigen Generationen.

Großvater Krosigk hat bei der Machtergreifung Hitlers 1933 das Ermächtigungsgesetz mit unterschrieben, dass das Ende der Demokratie einleitete. Wie die meisten seiner adligen Zeitgenossen hat er sich den Nazis aus Opportunismus angeschlossen. Die kulturelle Hochnation Deutschland wurde an die absurde Ideologie des Nationalsozialismus ausgeliefert, weil viele sich davon persönliche Vorteile versprachen bzw. nicht bereit waren, Nachteile in Kauf zu nehmen.
Dies ist den meisten Nachfahren der damals Verantwortlichen bewusst. Sie sind sich einig, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Und Frau von Storch? Sie oder ihre Verwandten haben lange nach dem Tod des NS-Ministers ein Buch von ihm veröffentlicht, in dem er seinen Kriegsverbrecher-Prozesse in Nürnberg als Unrecht darstellt. In dem Werk „Gib mir das Recht zur Seite" (Ullstein, 1991) stellt er sich auf eine Stufe mit dem Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg und stilisiert sich als Justizopfer.

Die Adlige und das Volk

Es ist möglicherweise unangenehm, als Herzogin von Oldenburg geboren zu sein, und dann unter lauter „gewöhnlichen" Kindern in einem Nest in Schleswig-Holstein aufzuwachsen, wie es von Storch passiert ist. Da kann die Vorstellung, Kraft der Genetik etwas besseres zu sein, tröstlich sein. Bis zur Gründung der Weimarer Republik 1919 waren Adlige etwas besonderes. Später waren es die Nationalsozialisten, die der Abstammung wieder Bedeutung beimaßen.

Wenn viele Bürger gegen Flüchtlinge auf die Straße gehen, liegt hier eine ähnliche Vorstellung zu Grunde. Die vermeintliche Angst vor Islamisierung ist dabei nur ein Mittel zum Zweck. Eigentlich geht es darum, die eigene Abstammung als etwas besonderes zu verteidigen. Die Botschaft lautet: Wir sind besser als ihr.

Solange Migranten in den unteren gesellschaftlichen Schichten blieben, sind sie als billige Arbeitskräfte willkommen. Sobald sie aber als gleichberechtigte Bürger aufsteigen und nicht mehr ausgegrenzt werden können, wackelt das Selbstbild, als „Volks"- oder Biodeutscher etwas besseres zu sein. Der nächste Schritt ist dann, Flüchtlinge mit den Ruf „Wir sind das Volk!", zu begrüßen. Aus diesem Blickwinkel gibt es einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen dem Mitläufer im 3. Reich bis zur neuen Rechten im wiedervereinigten Deutschland.

Abstammung oder Verantwortung

Frau von Storch ist hier Kraft ihrer Abstammung eine wichtige Verbindungslinie. Das erklärt zumindest ihre polarisierenden und wohl auch zwanghaften politischen Ansichten. Vielleicht kann sie nicht anders, weil eine Politik der Toleranz und Selbstverantwortung zu stark an ihren Wurzeln kratzen würde. Das ist tragisch, weil es einen unlösbaren Konflikt herauf beschwört. Wer sich aufgrund der Abstammung nicht mit gesellschaftlichen Tatsachen abfinden kann, wird keinen offenen politischen Diskurs auf gegenseitiger Augenhöhe führen können.

Es gibt eine Möglichkeit, aus zwanghaftem Verhalten auszusteigen: Wer akzeptiert, dass das eigene Wohlergehen in den eigenen Händen liegt, und Abstammung kein Garant für Wohlstand und Sicherheit sein kann, der ist auch bereit, die Veränderungen in der Welt konstruktiv und gewaltfrei mitzugestalten. Politik wird dann wieder zu etwas, was man miteinander aushandelt, und nicht zu einer Kampf-Arena, bei der im Zweifelsfall auch Gewalt eingesetzt wird.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Erdogan stellte Anzeige: ZDF-Intendant Thomas Bellut zum "Fall Böhmermann"

Lesenswert: