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"Wie Sagt man?" - Gedanken zu Geselschaftlichen Umgangsformen

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Kohei Hara via Getty Images
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Bestimmte gesellschaftliche Praktiken und Rituale haben ihren Ursprung in f├╝r uns nicht mehr bekannten Begebenheiten. Die Sitte des Ansto├čens stammt vermutlich aus dem Mittelalter. In dieser Epoche war es ├╝blich, die Getr├Ąnke von Gegenspieler und Konkurrenten mit Gift zu versetzen. Um sich vor einer solchen Vergiftung zu sch├╝tzen entwickelte sich der Brauch, kraftvoll miteinander anzusto├čen, so dass dabei die Inhalte der Becher ├╝berschwappten und sich vermischten. Das Winken hatte wohl den Sinn, dem anderen die leeren Handfl├Ąchen als Zeichen friedlicher Absichten zu zeigen.

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Auch die H├Âflichkeitsform der Danksagung hat seinen Ursprung in f├╝r uns heute nicht mehr pr├Ąsenten Umst├Ąnden. Sie gr├╝ndet in einer Zeit, in der der soziale Zusammenhalt elementar f├╝r jeden einzelnen Menschen war. Ethnologische Forschungen haben aufgezeigt, dass der Tausch eine bedeutsame Art des Miteinanders und menschlicher Verbindung war (vgl. Endruweit; Trommsdorff (Hrsg.): W├Ârterbuch der Soziologie, Lucius&Lucius, Stuttgart 2002: 539). Der Tausch von Geschenken sorgte innerhalb der St├Ąmme f├╝r eine friedliche Atmosph├Ąre. Doch nicht nur materielle G├╝ter wurden getauscht, sondern auch Gr├╝├če und andere Gesten. Die Weigerung der Partizipation an diesen Tauschbeziehungen zog negative Sanktionen, sowie den Ausschluss von den damals essentiellen Beziehungen. Damit konnte eine solche Person an den Rand der Gesellschaft gedr├Ąngt werden, was sie von dem lebenswichtigen sozialen und wirtschaftlichen Leben ausschloss (vgl. ebd.).

Da jede Gemeinschaf ├╝ber solche spezifischen Verhaltensvorschriften und Normen verf├╝gt, die jedes Mitglied durch die Sozialisation erlernt, werden diese von Generation zu Generation weitergeben, verfestigt und bleiben somit meist unhinterfragt. Folglich ist das gesellschaftliche Zusammenleben durch gewisse Verhaltenskodizes geregelt, die von der Mehrheit der Mitglieder einer Gesellschaft akzeptiert werden. Zudem werden Normen durch gesellschaftliche Sanktionen gesch├╝tzt und gefestigt. Laut Popitz ist die Gebundenheit an Normen eine triviale Erfahrungen, da Menschen sich in sozialen Situationen begeben, die schon im Voraus determiniert sind und deshalb nicht einfach ignoriert werden k├Ânnen (vgl. (vgl. Popitz, Heinrich: Soziale Normen. In: Archive Europ├ęenne de Soziologie 1/2001:7). Infolgedessen sind bestimmte Normen, die sich auch in Verhaltensweisen, Umgangsformen und der Interaktion niederschlagen, in der Gesellschaft so verankert, dass ihre Herkunft und damit ihr Sinn in Vergessenheit geraten sind. Den Ursprung solcher normativen Verhaltensweisen zu ergr├╝nden ist vor allem sinnvoll, da einige solcher Handlungsweisen die Integrit├Ąt unserer Kinder verletzen k├Ânnen, v.a. dann wenn sie zu einer Handlung gezwungen werden, weil es der Anstand gebietet.

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In unserer Gesellschaft wird sehr viel Wert auf Umgangsformen gelegt. Ob in einem Spielwarengesch├Ąft, in einer Eisdiele oder beim B├Ącker, ├╝berall dort wo Eltern ihren Kindern etwas kaufen oder ihre Kinder beschenkt werden, h├Ârt man den einen Satz: ÔÇ×Wie sagt man?". Er versucht die Kinder dahingehend zu erziehen, h├Âflich zu sein - also ein Verhalten an den Tag zu legen, welches konform mit den bestehenden Normen geht. Man k├Ânnte jetzt danach fragen ob es wirklich verwerflich ist, wenn Eltern ihre Kinder zu gesellschaftsf├Ąhigen Mitgliedern einer Gemeinschaft erziehen wollen (gesellschaftsf├Ąhig ist man nur wenn man auch die gesetzten Verhaltensregeln einh├Ąlt). Aber meine Gedanken gehen dabei tiefer: Durch die geradezu zwanghafte Einhaltung gesellschaftlicher Normen vernebelt sich der Blick f├╝r das Wesentliche, n├Ąmlich echte, von Herzen kommende Dankbarkeit. Ich frage mich ob sich Dankbarkeit wirklich nur anhand von Worten messen l├Ąsst. Wer gibt uns das Recht, verbale Ausdr├╝cke von Dankbarkeit h├Âher zu stellen, als die uns mittlerweile unscheinbaren nonverbalen Formen. Kommunikation ist immer ein Wechsel aus verbalen und nonverbalen Aspekten. Wenn ich meinem Mann st├Ąndig sage, dass ich ihn liebe, aber ihn das nie durch Z├Ąrtlichkeiten oder andere Aufmerksamkeiten sp├╝ren lasse, dann bleiben meine Worte nur eine leere H├╝lle. Das gleich gilt f├╝r die Bezeugung von Dankbarkeit. Wir sollten uns die Frage stellen was mehr Wert ist: Ein Kind, dass danke sagt, weil es dazu gen├Âtigt wird oder ein Kind, dass dieses Gef├╝hl echter Dankbarkeit in einer anderen Art und Weise - nonverbal - zum Ausdruck bringt. Wenn ich meinen Kindern eine Freude bereite und sehe die strahlenden Augen und das L├Ącheln, dann ist das ebenso ein Ausdruck von Dankbarkeit. Er ist dazu noch viel mehr Wert, weil er wirklich authentisch und echt ist. Ich selbst finde es sehr dramatisch, dass ein dauergesprochenes Danke wirklich das non plus ultra gesellschaftlicher Umgangsformen sein soll. In was f├╝r einer Gesellschaft leben wir eigentlich, in der ein freudiges L├Ącheln weniger gesch├Ątzt wird als das blo├če Wort ÔÇÜDanke'? Es ist bizarr, dass genau dieses blo├če Wort ein Beleg gesellschaftlichen Anstands sein soll. Dankbarkeit kann man meiner Ansicht nach nicht antrainieren, man muss sie sp├╝ren - andernfalls bleiben nur leere Worte.

Des Weiteren treibt mich ein anderer Gedanke bez├╝glich des Themas herum: Was vermitteln wir eigentlich unseren Kindern damit? Wenn Erwachsene f├╝r Geschenke und Aufmerksamkeiten ein Danke h├Âren wollen, verkennen sie nicht nur die wahre Dankbarkeit der Kinder sondern vermitteln ihnen, dass Praktiken der Zuneigung (wie das Schenken) auch immer an eine Bedingung gekn├╝pft sind. Aber ist das der Sinn des Schenkens? Der Sinn des Schenkens ist es doch viel mehr dem anderen eine Freude zu bereiten, dem anderen zu zeigen wie sehr man ihn mag. Und Liebe sollte niemals an Bedingungen gebunden sein. Lieben sollte man bedingungslos, weil man einen Menschen wegen seiner Selbst sch├Ątzt.

Wir sollten also unseren Blick ├Âffnen f├╝r die vielen unscheinbaren Dankesbekundungen unserer Kinder und uns an diesen Erfreuen. Unsere Kinder sind immer offen und ehrlich und lassen uns Eltern auf ganz besondere Weise an ihren Gef├╝hlen teilhaben, wir m├╝ssen uns nur die M├╝he machen diese zu verstehen.

Zum Schluss bleibt noch der Blick auf das eigene Verhalten: Wie gehen wir eigentlich diesbez├╝glich mit unseren Kindern, mit unseren Mitmenschen um? Kommt ├╝ber unsere Lippen auch mal ein ÔÇÜDanke', wenn uns unser Partner einen Kaffee bringt oder f├╝r uns einkaufen geht? So wie wir unseren Kindern das soziale Miteinander vorleben, werden sie es nachahmen.

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