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"Wie Sagt man?" - Gedanken zu Geselschaftlichen Umgangsformen

13/10/2017 12:53 CEST | Aktualisiert 13/10/2017 12:53 CEST
Kohei Hara via Getty Images

Bestimmte gesellschaftliche Praktiken und Rituale haben ihren Ursprung in für uns nicht mehr bekannten Begebenheiten. Die Sitte des Anstoßens stammt vermutlich aus dem Mittelalter. In dieser Epoche war es üblich, die Getränke von Gegenspieler und Konkurrenten mit Gift zu versetzen. Um sich vor einer solchen Vergiftung zu schützen entwickelte sich der Brauch, kraftvoll miteinander anzustoßen, so dass dabei die Inhalte der Becher überschwappten und sich vermischten. Das Winken hatte wohl den Sinn, dem anderen die leeren Handflächen als Zeichen friedlicher Absichten zu zeigen.

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Auch die Höflichkeitsform der Danksagung hat seinen Ursprung in für uns heute nicht mehr präsenten Umständen. Sie gründet in einer Zeit, in der der soziale Zusammenhalt elementar für jeden einzelnen Menschen war. Ethnologische Forschungen haben aufgezeigt, dass der Tausch eine bedeutsame Art des Miteinanders und menschlicher Verbindung war (vgl. Endruweit; Trommsdorff (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie, Lucius&Lucius, Stuttgart 2002: 539). Der Tausch von Geschenken sorgte innerhalb der Stämme für eine friedliche Atmosphäre. Doch nicht nur materielle Güter wurden getauscht, sondern auch Grüße und andere Gesten. Die Weigerung der Partizipation an diesen Tauschbeziehungen zog negative Sanktionen, sowie den Ausschluss von den damals essentiellen Beziehungen. Damit konnte eine solche Person an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, was sie von dem lebenswichtigen sozialen und wirtschaftlichen Leben ausschloss (vgl. ebd.).

Da jede Gemeinschaf über solche spezifischen Verhaltensvorschriften und Normen verfügt, die jedes Mitglied durch die Sozialisation erlernt, werden diese von Generation zu Generation weitergeben, verfestigt und bleiben somit meist unhinterfragt. Folglich ist das gesellschaftliche Zusammenleben durch gewisse Verhaltenskodizes geregelt, die von der Mehrheit der Mitglieder einer Gesellschaft akzeptiert werden. Zudem werden Normen durch gesellschaftliche Sanktionen geschützt und gefestigt. Laut Popitz ist die Gebundenheit an Normen eine triviale Erfahrungen, da Menschen sich in sozialen Situationen begeben, die schon im Voraus determiniert sind und deshalb nicht einfach ignoriert werden können (vgl. (vgl. Popitz, Heinrich: Soziale Normen. In: Archive Européenne de Soziologie 1/2001:7). Infolgedessen sind bestimmte Normen, die sich auch in Verhaltensweisen, Umgangsformen und der Interaktion niederschlagen, in der Gesellschaft so verankert, dass ihre Herkunft und damit ihr Sinn in Vergessenheit geraten sind. Den Ursprung solcher normativen Verhaltensweisen zu ergründen ist vor allem sinnvoll, da einige solcher Handlungsweisen die Integrität unserer Kinder verletzen können, v.a. dann wenn sie zu einer Handlung gezwungen werden, weil es der Anstand gebietet.

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In unserer Gesellschaft wird sehr viel Wert auf Umgangsformen gelegt. Ob in einem Spielwarengeschäft, in einer Eisdiele oder beim Bäcker, überall dort wo Eltern ihren Kindern etwas kaufen oder ihre Kinder beschenkt werden, hört man den einen Satz: „Wie sagt man?". Er versucht die Kinder dahingehend zu erziehen, höflich zu sein - also ein Verhalten an den Tag zu legen, welches konform mit den bestehenden Normen geht. Man könnte jetzt danach fragen ob es wirklich verwerflich ist, wenn Eltern ihre Kinder zu gesellschaftsfähigen Mitgliedern einer Gemeinschaft erziehen wollen (gesellschaftsfähig ist man nur wenn man auch die gesetzten Verhaltensregeln einhält). Aber meine Gedanken gehen dabei tiefer: Durch die geradezu zwanghafte Einhaltung gesellschaftlicher Normen vernebelt sich der Blick für das Wesentliche, nämlich echte, von Herzen kommende Dankbarkeit. Ich frage mich ob sich Dankbarkeit wirklich nur anhand von Worten messen lässt. Wer gibt uns das Recht, verbale Ausdrücke von Dankbarkeit höher zu stellen, als die uns mittlerweile unscheinbaren nonverbalen Formen. Kommunikation ist immer ein Wechsel aus verbalen und nonverbalen Aspekten. Wenn ich meinem Mann ständig sage, dass ich ihn liebe, aber ihn das nie durch Zärtlichkeiten oder andere Aufmerksamkeiten spüren lasse, dann bleiben meine Worte nur eine leere Hülle. Das gleich gilt für die Bezeugung von Dankbarkeit. Wir sollten uns die Frage stellen was mehr Wert ist: Ein Kind, dass danke sagt, weil es dazu genötigt wird oder ein Kind, dass dieses Gefühl echter Dankbarkeit in einer anderen Art und Weise - nonverbal - zum Ausdruck bringt. Wenn ich meinen Kindern eine Freude bereite und sehe die strahlenden Augen und das Lächeln, dann ist das ebenso ein Ausdruck von Dankbarkeit. Er ist dazu noch viel mehr Wert, weil er wirklich authentisch und echt ist. Ich selbst finde es sehr dramatisch, dass ein dauergesprochenes Danke wirklich das non plus ultra gesellschaftlicher Umgangsformen sein soll. In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich, in der ein freudiges Lächeln weniger geschätzt wird als das bloße Wort ‚Danke'? Es ist bizarr, dass genau dieses bloße Wort ein Beleg gesellschaftlichen Anstands sein soll. Dankbarkeit kann man meiner Ansicht nach nicht antrainieren, man muss sie spüren - andernfalls bleiben nur leere Worte.

Des Weiteren treibt mich ein anderer Gedanke bezüglich des Themas herum: Was vermitteln wir eigentlich unseren Kindern damit? Wenn Erwachsene für Geschenke und Aufmerksamkeiten ein Danke hören wollen, verkennen sie nicht nur die wahre Dankbarkeit der Kinder sondern vermitteln ihnen, dass Praktiken der Zuneigung (wie das Schenken) auch immer an eine Bedingung geknüpft sind. Aber ist das der Sinn des Schenkens? Der Sinn des Schenkens ist es doch viel mehr dem anderen eine Freude zu bereiten, dem anderen zu zeigen wie sehr man ihn mag. Und Liebe sollte niemals an Bedingungen gebunden sein. Lieben sollte man bedingungslos, weil man einen Menschen wegen seiner Selbst schätzt.

Wir sollten also unseren Blick öffnen für die vielen unscheinbaren Dankesbekundungen unserer Kinder und uns an diesen Erfreuen. Unsere Kinder sind immer offen und ehrlich und lassen uns Eltern auf ganz besondere Weise an ihren Gefühlen teilhaben, wir müssen uns nur die Mühe machen diese zu verstehen.

Zum Schluss bleibt noch der Blick auf das eigene Verhalten: Wie gehen wir eigentlich diesbezüglich mit unseren Kindern, mit unseren Mitmenschen um? Kommt über unsere Lippen auch mal ein ‚Danke', wenn uns unser Partner einen Kaffee bringt oder für uns einkaufen geht? So wie wir unseren Kindern das soziale Miteinander vorleben, werden sie es nachahmen.

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