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Mit den Händen isst man nicht ....

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.... so lautet eine der vielen Tischmanieren in unserer westlichen Gesellschaft. Betrachtet man jedoch die Esskultur in anderen Gesellschaften wird schnell offensichtlich, dass dieses Tischgebot zwar der Etikette dienlich ist aber dem Esser viele wertvolle Erfahrungen entgehen.

In anderen Kulturen ist es nicht nur gang und gäbe mit den Händen zu essen, es ist auch für ein vollkommenes Geschmackserlebnis unabdingbar. Erst wenn man Lebensmittel mit allen Sinnen wahrnimmt kann man sie auch richtig genießen.

Nicht nur der Geruch und der Geschmack der Lebensmittel ist für ein einzigartiges Geschmackserlebnis wichtig, auch das Anfassen und Fühlen sind wichtige Komponenten beim Essen.

Es gibt bestimmte Gerichte, die wir als Erwachsene in der westlichen Welt gern mit den Händen essen: eine Pizza beispielsweise oder einen Hamburger. Und dennoch wachsen wir alle mit dem Gebot auf, dass man nicht mit den Händen essen soll.

Einer britischen Studie (1) zufolge besteht ein Zusammenhang zwischen der Art der Beikost und Übergewicht (Studie der Universität Nottingham der Wissenschaftlerinnen Nicola Pitchford und Ellen Townsend): Kinder, die sich ihr essen selbst mit der Hand auswählen durften, haben ein geringeres Risiko an Übergewicht zu leiden als Kinder, die mit Brei gefüttert werden.

Die Studie zeigt, dass nicht nur das Essen mit der Hand eine erstrebenswerte Form der Beikosteinführung sei, sondern auch, dass selbst kleine Kinder kompetent sind. Sie sind durchaus in der Lage aus einer Auswahl an gesunden Lebensmitteln das auszuwählen, was ihr Körper derzeit benötigt.

Dazu gab es bereits 1939 ein Experiment (2) mit 15 vollgestillten Waisenkindern, welches von Dr. Clara Davis durchgeführt wurde: Ihnen wurde eine Auswahl an gesunden Lebensmitteln bereitgestellt, wobei die Kinder selber ihre Mahlzeiten zusammenstellen konnten. Das Resultat des Experimentes zeigt wirklich eindeutig, dass Kinder kompetente Menschen sind, denn weder Mangelerscheinungen traten zum Vorschein, noch waren die Blutwerte auffällig.

Wenn man diese wissenschaftlichen Analysen einmal betrachtet, kommt unweigerlich die Frage ans Licht, warum Kinder immer noch standardmäßig Brei nach dem vollendeten vierten Lebensmonat gefüttert bekommen.

Wenn wir davon ausgehen können, dass Kinder zum einen sehr wohl in der Lage sind allein zu essen und die richtige Wahl an Lebensmitteln treffen und zum anderen diese Art der Beikost auch gesünder ist, sollten wir unbedingt Kindern die Möglichkeit geben das Essen mit allen Sinnen zu erleben.

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Meinem ersten Kind blieb diese Erfahrung leider verwehrt. Aber ich merkte, dass die Einführung von Brei nicht dem entspricht, was man als artgerecht bezeichnen könnte. Bei meinem zweiten Kind habe ich es dann anders gehandhabt und informierte mich über einen anderen Weg der Beikosteinführung, welche auch meinem Anspruch an einem bedürfnisorientierten familiären Zusammenleben entsprach.

Das Stichwort ist hier baby-led weaning (BLW), was so viel bedeutet wie vom Baby geleitetes Abstillen. Daran ist im Grunde nichts Neues.. Aber es ist eine Art der Beikosteinführung, die wiederentdeckt werden sollte um unseren Kindern auch beim Essen die Möglichkeit zu geben wirklich teilzuhaben und um einen eigenen Geschmack zu entwickeln.

Nachdem mein zweites Kind mir mein Essen buchstäblich aus den Händen gerissen hatte und es sich selbst in den Mund steckte und aß, begann für mein Kind eine sehr intensive Ausprobierphase: Konsistenz, Geschmack, Kaueigenschaften und die Art und Weise des Fallens vom Hochstuhl bis zum Auftreffen auf die Fliesen, wurden mit Begeisterung erkundet.

Zugegeben, BLW ist der Albtraum eines jeden Sauberkeitsfanatikers aber wenn man bedenkt um welche Erfahrungen unsere Kinder reicher sein könnten, kann man darüber mit Freuden hinwegsehen.

Das Schöne an BLW ist nicht nur das selbstbestimmte Essen sondern auch die Umkompliziertheit. Man muss nicht extra kochen sondern braucht lediglich mit Gewürzen, vor allem Salz, aufpassen.

Des Weiteren entfällt das Füttern, so dass man als Elternteil selber entspannt essen kann. Wenn das Kind direkt vom Tisch mitisst, nimmt es an den Mahlzeiten teil und profitiert auch im Hinblick auf die Vermittlung von bestimmten Werten und Normen. Die Mahlzeiten dienen ja nicht nur der Nahrungsaufnahme sondern sind Orte für Konversationen.

Anhand der Gespräche zu Tisch, lernen Kinder wie man miteinander respektvoll kommuniziert, Konflikte löst, Argumente hervorbringt und Meinungen äußert. Sie sehen ebenso wie ihre Eltern sich am Tisch verhalten, wie sie mit Besteck umgehen und sich gesund ernähren.

Baby-led weaning ist somit nicht nur eine bedürfnisorientierte Art der Beikosteinführung, sondern die Grundsteinlegung für eine gesunde Ernährungsweise und respektvoller Kommunikation.

Kinder nehmen sich ihre Eltern als Vorbild und daher gibt es auch keine Veranlassung sich zu sorgen, wenn Kinder mit dem Essen ‚spielen' oder besser: es erkunden. Mit den Fingern zu essen ist für Kinder eine bereichernde Erfahrung und stärkt sie in ihrer Entwicklung hin zu selbständigen und selbstbewussten Individuen.

(1) Townsend, Ellen & Pitchfork, Nicola J. (2011): Baby knows best? The impact of weaning style on food preferences and body mass index in early childhood in a case-controlled sample

(2) Davis: Clara M.(1939): Results of the Self-Selection of diets by young children

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