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Wir befinden uns im permanenten Zustand der Selbstverteidigung

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Gefahrenperzeptionen spielen seit jeher eine Rolle in der deutschen Politik. Die Nuklearkatastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima veranlasste Bundeskanzlerin Angela Merkel im März 2011 zu einer neuen Risikobewertung der Atomkraft und einer Kehrtwende in der deutschen Energiepolitik.

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In dieselbe Kerbe schlägt die gegenwärtige „Wir schaffen das"-Rhetorik, mit der die Bundeskanzlerin der deutschen Bevölkerung zu vermitteln sucht, sie habe in der Flüchtlingspolitik uneingeschränkt das regulative Zepter in der Hand.

Die Liste an Beispielen ließe sich beliebig verlängern. Es ist eine beliebte Strategie nationalstaatlicher Politik geworden, durch die Versicherheitlichung möglichst vieler gesellschaftspolitischer Entwicklungen den eigenen Herrschaftsanspruch zu legitimieren.

Dabei vermittelt die Bundeskanzlerin den verunsicherten Bürgerinnen und Bürgern gegenwärtig eine Wahrheit, die es längst nicht mehr gibt, wenn es sie denn je gab.

Alltag ist geprägt von Privatisierung und Individualisierung von Sicherheit.

Im Zuge weitreichender Globalisierungsprozesse und der Ausweitung gesellschaftlicher Interaktionen über die Grenzen des Nationalstaats hinaus haben sich die Steuerungs- und Handlungskompetenzen der Bundesregierung systematisch gewandelt.

Heute verschwimmen die Grenzen öffentlicher und privater Verantwortungsbereiche zunehmend und es kommt zu einer Aufwertung der Kompetenzen und der Beteiligung von zivilgesellschaftlichen und privatwirtschaftlichen Akteuren.

Das Resultat ist ein komplexes Geflecht von Regulierungsstrukturen, in dem der Staat nur noch einer von vielen Sicherheitsgaranten ist.

Unser Alltag ist geprägt von einer Privatisierung und Individualisierung von Sicherheit und Daseinsfürsorge. Die Privatisierungstendenzen zeigen sich vor allem im stetigen Wachstum des deutschen Sicherheitsmarkts.

In Deutschland floriert der Versicherungsmarkt.

In S- und U-Bahn begleiten uns die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter privater Sicherheitsunternehmen und in keinem anderen Land in Europa floriert der Versicherungsmarkt mehr als in Deutschland. Allianz, Munich Re, Talanx oder R + V heißen die Anbieter, die mit Gefahrenperzeptionen deutscher Bürgerinnen und Bürger Geld verdienen.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft beziffert die Anzahl von Versicherungsverträgen in Deutschland derzeit auf 427 Millionen. So verwundert es auch nicht, dass gerade die R + V als eines der größten Versicherungsunternehmen in Deutschland seit nunmehr 24 Jahren kontinuierlich die Deutschen nach ihren größten wirtschaftlichen, politischen und persönlichen Ängsten befragt.

Naturkatastrophen, terroristische Anschläge, Pflegebedürftigkeit im Alter und gesellschaftliche Spannungen durch den weiteren Zuzug von Ausländern, so lauteten gemäß R + V die Topängste der Deutschen im Jahr 2015.

Die gesellschaftlichen Gefahrenperzeptionen führen nicht nur zu einer Steigerung des Verkaufs von Versicherungsverträgen. In Deutschland kommt es im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise zunehmend auch zu einer Individualisierung von Sicherheit, die sich in gestiegenen Käufen von Schreckschusspistolen und Reizgas oder in der Tatsache äußert, dass immer mehr Deutsche Selbstverteidigungskurse besuchen.

Das Individuum wähnt sich im permanenten Zustand der Selbstverteidigung.

Diese Entwicklungen sind gesellschaftlich bedenklich. Eine Gesellschaft, in der sich das Individuum bewaffnet und im permanenten Zustand der Selbstverteidigung wähnt, prägen allgegenwärtiges Misstrauen und Ängste. Wie das Beispiel der USA zeigt, können diese Kräfte den demokratischen Zusammenhalt einer Gesellschaft über die Zeit nachhaltig zersetzen.

Gleichzeit offenbart die Flüchtlingskrise aber auch großes gesellschaftspolitisches Potenzial. Viele Deutsche leisten Geld- oder Sachspenden, engagieren sich als ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in Erstaufnahmestellen oder in der Flüchtlingsbetreuung.

Diese Beispiele zeigen eindrücklich, dass gesellschaftliche Gefahrenperzeptionen wandelbar sind und Privatisierungs- und Individualisierung auch dazu führen können, dass zivilgesellschaftliche Organisationen und Bürgerinnen und Bürger sich dort für das Gemeinwesen verantwortlich fühlen und anpacken, wo staatliche Institutionen trotz oder wegen „Wir schaffen das"-Rhetorik offensichtlich versagen.

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