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Was schon immer mal über Anorexie gesagt werden musste

17/11/2015 14:46 CET | Aktualisiert 17/11/2016 11:12 CET
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Man sieht und riecht sie nicht, kann sie nicht greifen, aber ich höre und spüre sie jeden Tage, jede Stunde, Minute, Sekunde seit nunmehr fast drei Jahren. Sie, das ist die Anorexie, besser bekannt als Magersucht bzw. eine Form von Essstörung, deren Tragweite und Vielschichtigkeit leider viel zu häufig unterschätzt wird.

Durch vermeintlich gut gemeinte Ratschläge wie, "stell dich nicht so an und iss doch einfach" wird dieses Problem, als das das Verweigern der Nahrungsaufnahme häufig angesehen wird, von den Angehörigen bzw. der Gesellschaft leichtfertig abgehandelt. Nach dem Motto:"Ladeluke auf, Essen rein und alles ist gut."

Haben wir ja schließlich seit dem Kleinkindalter bereits unzählige Male gemacht und es gibt keinen ersichtlichen Grund, warum das plötzlich nicht mehr funktionieren sollte. "Derjenige will also einfach nicht, selbst schuld, wenn es ihm nun nicht gut geht!"

Es ist eine Krankheit

Doch weit gefehlt. Es geht ab einen gewissen Punkt um viel mehr, als durch das Ausüben bestimmter Verhaltensweisen Aufmerksamkeit zu erzielen.

Es ist eine Krankheit! Man sucht sich die Magersucht nicht aus, um durch Sie Vorteile zu erzielen, sondern erkrankt an ihr genauso ungewollt, wie an Krebs oder anderen körperlichen Beschwerden. Der wesentliche Unterschied besteht jedoch darin, dass es keine Medikamente gibt, durch deren Einnahme die Essstörung langsam abklingt.

Zu einer Erkenntnis bin ich durch das intensive Auseinandersetzen mit dem Krankheitsbild und mir selbst inzwischen bereits gelangt: Jeder Betroffene muss sich seinen individuellen Weg aus der Krankheit selbst hart erarbeiten.

Unterstützung durch die Umwelt kann erleichternd wirken, den Rücken stärken und als Begleitung fungieren. Den Weg finden, nach dem "Fall" wieder aufstehen und gehen muss man letztendlich aber alleine.

Mehr Akzeptanz

Als von der Anorexie betroffene Person möchte ich in einzelnen Berichten Einblicke in das tägliche Leben, die Gefühlswelt und Probleme gewähren, um mehr Verständnis bzw. Akzeptanz für die Magersucht als Krankheit zu erlangen.

Vorab sollte ich evtl. noch erwähnen, dass ich einhergehend mit der Anorexie oder auch durch sie bedingt an einer Depression leide, die phasenweise mehr oder weniger stark ausgeprägt ist, jedoch mein ständiger "Begleiter" ist, der mein Leben fortan beeinträchtigt und mich in die Knie zu zwingen vermag.

Ich selbst habe es noch lange nicht geschafft, doch ich habe den Kampf endlich aufgenommen und würde mich freuen, wenn ihr mich als Leser ein stückweit begleitet.

"Auf dem Prüfstand"

Es beginnt schon morgens: Die ersten Gedanken kurz nach dem Aufstehen gelten der Angst, am Vortag nicht "enthaltsam" / "vorsichtig" genug gewesen zu sein, nicht alles getan zu haben, um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken.

Was ist, wenn ich seit der letzten morgendlichen Wiegung zugelegt habe? Meine Eltern und mein Hausarzt würden sich freuen, da ich dadurch dem Normalgewicht etwas näher wäre, was objektiv betrachtet mein anzustrebendes Ziel sein sollte.

Doch was will ich eigtl., schließlich ist es MEIN Leben, weshalb MEIN Körpergewicht - als etwas sehr Persönliches - nur meinem Urteil und Ansprüchen obliegen sollte.

Wäre da nicht noch die Anorexie, welche mir in Form eines Dämons fortan im Nacken sitzt und versucht die Kontrolle über mich einzunehmen, immer mehr in die Krankheit zu drängen versucht und mir stets eine Mischung aus dem Gefühl des Versagens und schlechten Gewissens vermittelt. Egal, wie das Ergebnis auch lauten mag, eines steht fest, zufrieden werde ich auch heute wieder nicht sein.

Bevor ich auf den "Prüfstand" gehen kann, sind allerdings noch mehrere Vorbereitungen zu treffen oder passender ausgedrückt: Einigen Zwängen ist nachzugeben.

Die frisch gewaschenen Haare müssen vollständig trocken sein. Feuchte oder mit Wasser vollgesogene Haare könnten gar das Ergebnis erhöhen. Die Nägel sind kurz zu halten und beim Zähneputzen ist darauf zu achten, nicht versehentlich etwas Wasser zu schlucken. Auch der nochmalige Gang zur Toilette sowie ein kurzes Gebet gehören zu den morgentlichen Ritualen.

Dunkelheit ist Sicherheit

Die beiden Waagen, meine sowie die meines Vaters, stehen beide akkurat hintereinander in dessen Hobbyzimmer, welches ich meist nur morgens aus diesem Grund betrete und ansonsten gerne meide. Das Licht schalte ich nicht ein, da mir die mich somit umgebende Dunkelheit etwas Sicherheit gibt.

Bevor nun der finale Moment gekommen ist, ersuche ich nochmals Beistand von oben, forme die Hände zu einer Faust, kneife die Augen zusammen, steige behutsam auf die Waage, muss dabei jedoch darauf achten, nicht nach hinten umzukippen, öffne die Augen wieder, steige hinab und hebe die Waage mit einem unguten Gefühl hoch, um auch wirklich das richtige Ergebnis abzulesen.

Dieses Prozedere führe ich auch auf der zweiten Waage durch, welche tendenziell etwas gnädiger ist und aus unerklärlichen Gründen immer ein paar hundert Gramm weniger anzeigt. Je nach Tagesform bzw. wie glaubwürdig mir die Resultate erscheinen, wiederhole ich den Wiegeprozess nochmals oder sogar mehrfach, verschiebe die Waage, damit sie auch tatsächlich gerade steht und nicht wackelt oder trage sie sogar in einen anderen Raum.

Meist notiere ich dann doch das zuerst angezeigte Gewicht in meinem Notizbuch, allerdings erst am Folgetag, da es mir zu diesem Zeitpunkt, aufgrund des weiterhin für diesen Tag vorliegenden Ergebnisses, etwas leichter fällt.

Das Gedankenkarusell dreht sich und die Ursachenforschung sowie Planung von Gegensteuerungsmassnahmen beginnen.

Gefühlen von Enttäuschung, Selbsthass und Versagen

Was gab es am Vortag zu essen? Mit vielen Kalorien schlug welche Mahlzeit zu Buche? Wie viel hatte ich mich bewegt? War ich auf der Toilette? Was kann ich heute anders oder gar besser machen?

Vorgenannte Gedanken sind bei einer Zunahme meist gepaart mit den Gefühlen von Enttäuschung, Selbsthass, des Versagens und Zuversichtslosigkeit, mein undefiniertes, in den Sternen stehendes Ziel nie zu erreichen, was natürlich auch theoretisch unmöglich ist.

Nahrungsmittel, die mir gut geschmeckt, den Tag sozusagen etwas versüßt oder meine monotone Stimmung kurzzeitig etwas huben, werden rücksichtslos "quasi als eine Form der Selbstbestrafung" gestrichen und Alternativen gesucht, unabhängig von Vorlieben oder Gelüsten.

Bei einer Reduzierung des Gewichtes fühle ich für einen kurzen Augenblick etwas Erleichterung und Stolz, der jedoch sehr schnell wieder verblasst, da es noch mehr hätte sein können. Zum Teil habe ich auch etwas Mitleid mit mir selbst, schließlich habe ich meine Mahlzeiten eingehalten und mich trotz aller "Bemühungen" wieder ein Stück vom Normalgewicht entfernt.

Mit meiner eh meist schlechten oder bedingt durch dieses frühmorgendliche Erlebnis noch schlechteren Laune MUSS ich nun in den Tag starten, welcher aus der Erfahrung heraus zahlreiche gedankliche Diskussionen bzw. Auseinandersetzungen mit mir und dem Dämon bzgl. der Auswahl von Nahrungsmitteln und dem allgemeinen Umgang mit mir selbst (Darf ich mir etwas Materielles - seien es nur wenige Euros für etwas Banales - oder Immaterielles wie z. B. Ruhe gönnen?) bereithält.

Das dieses Verhalten nicht "normal" ist und mich auf dem Weg zu einem zwangloserem, glücklicherem, selbsterfüllenderem Leben fortan wie ein mangels Kondition unüberwindbares Hindernis ausbremst, ist mir mittlerweile - unter anderem durch diese Form der Selbstreflexion bedingt - bewusst.

Doch wie definiert man den Begriff "normales Verhalten"? Als etwas, wie es der Durchschnittsmensch bzw. die Mehrzahl praktizieren? So würde ich dies zumindest umschreiben. Auf der Suche nach des Rätsels Lösung bzw. meinem Weg aus der Anorexie würde ich mich - von dir lieber Leser - über Feedback jeder Art oder Anregungen freuen.

Ich selbst werde für mich auch noch einmal die Denkmütze aufsetzen und euch gerne über meine Ansätze sowie Erfolge bzw Misserfolge bei deren Umsetzung auf dem Laufenden halten.

Bis dahin.

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