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Zwei Männer haben meinen Sohn getötet - jetzt habe ich sie getroffen

27/06/2017 11:40 CEST | Aktualisiert 27/06/2017 11:45 CEST
Sandra and Tom Poole

Ein fataler Fausthieb auf einer Party im Januar 2014 nahm meinem Sohn das Leben - und verändert meines für immer.

Wir sind gemeinsam mit unsere Familie etwas trinken gegangen und als wir wieder zu Hause waren, beschloss Tom, noch in einen Club zu gehen. Später dann noch gemeinsam mit ein paar Freunden auf eine Party.

Als er dort ankam war die schon in vollem Gange - etwa 25 Gäste waren da. Es herrschte keine gute Stimmung - hier und dort wurden Alkohol und Drogen konsumiert und einige Mädchen haben geweint.

Mein Sohn stellte einige Typen, die sich daneben benommen haben, zur Rede.

Aus irgendeinem Grund war er mit ihnen alleine in einem Raum.

Die Stimmung kippte schnell.

Sie ließen meinen Sohn liegen

Sie schlugen meinem Sohn in die Seite seines Nackens. Der Hieb verletzte seine Arterie und führte zum Tod.

Danach traten sie weiter auf ihn ein. Der Gerichtsmediziner sagte später, mein Sohn sei innerhalb von 20 Sekunden infolge eines Schlags auf seinen Nacken gestorben.

Danach ließen sie meinen Sohn liegen und riefen keinen Krankenwagen.

Die Polizisten klopften um 13 Uhr an unsere Tür. Sie fragten, ob wir Toms Eltern seien. Da wusste ich, dass etwas Schreckliches passiert ist.

Meine Welt zerbrach. Ich fühlte mich taub und konnte nicht verstehen, was passiert war. Ich kann nicht beschreiben, wie sehr unsere Familie am Boden zerstört war.

Die Polizei unterstützte uns, besuchte uns sechs Monate lang jeden Tag und zeigte uns den Raum, in dem der Vorfall stattgefunden hatte, damit wir selbst sehen, wie umsichtig mit Toms Tod umgegangen wurde.

Anfangs beschuldigten sich die Täter gegenseitig - schließlich wurden sie wegen Mordes angeklagt und als der Fall schließlich den regionalen Gerichtshof erreichte, wurde die Anklage zu fahrlässiger Tötung geändert.

Ich wollte die Männer treffen

Ich fühlte mich betrogen. Um die Chance, in der Öffentlichkeit zu hören, was die Täter zu ihrer Verteidigung zu sagen hatten.

Nachdem ich im Gerichtssaal verlesen hatte, welche Konsequenzen die Tat auf mein Leben hat, konnte ich sehen, wie sich die Gesichter der beiden jungen Männer veränderten. Wie sie langsam in ihre Stühle zurücksanken, realisierten sie, was sie eigentlich getan hatten.

Beide Männer erhielten Gefängnisstrafen, die sie in verschiedenen Anstalten absitzen sollten. Außerdem erhielten sie jeweils eine Kopie meiner Aussage.

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Das emotionale Chaos hörte an diesem Tag nicht auf - meine Familie und ich lebten seitdem wie in einem Albtraum.

Ich wusste nicht, dass die Möglichkeit bestand, die Täter nach den Anhörungen zu treffen, bis die Polizei mir davon erzählte.

Es überraschte mich, dass beide Männer zustimmten, mich zu treffen.

Ich hatte den Eindruck, dass er zuhörte

Mein Mann und meine anderen beiden Söhne waren sauer auf mich. Sie glaubten, ich würde Tom gegenüber nicht loyal handeln, wenn ich die Täter treffen würde. Meine Motivation war allerdings nicht, den beiden zu vergeben. Ich suchte nach Antworten.

Der Prozessbegleiter half mir, mich vorzubereiten - mir Fragen zu überlegen, die ich stellen wollte und mir vorzustellen, wie ich mich fühlen und wie ich reagieren würde.

Ich traf beide Männer einzeln an zwei aufeinanderfolgenden Tagen und verbrachte etwa zweieinhalb Stunden mit jedem von ihnen.

Ich traf mich zuerst mit dem Mann, der mit seinem Schlag Tom tötete. Er näherte sich der Tür und schien gleich umdrehen zu wollen, bevor er überhaupt den Raum betreten hatte.

Ich sagte: "Komm und rein und sprich mit mir. Wir sind schon so weit gekommen." Er gehorchte, kam rein, setzte sich und wir sprachen fast zweieinhalb Stunden lang.

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Ich hatte den Eindruck, dass er zuhörte und ich konnte in seinem Gesicht lesen, dass er verstand, dass eine trauernde Mutter vor ihm saß. Ich fragte ihn: Warum?

Er sagte, dass die Stimmung auf der Party geladen war. Er und seine Freunde waren sehr betrunken und hatten Drogen genommen und waren aggressiv. Mein Sohn hätte wohl eine Bewegung gemacht, als würde er aufstehen wollen, das interpretierte er als möglichen Angriff und schlug ihn deswegen.

Ich fragte ihn, warum er nicht einen Krankenwagen gerufen hat, nachdem er das Zimmer verlassen hatte.

Er hielt seinen Kopf in seinen Händen und sagte: "Es tut mir so leid. Das ist etwas, über das ich jeden Abend nachdenke, wenn ich in meiner Zelle liege."

Ich fühlte keinen Hass

Ich fühlte keinen Hass. Ich weinte und fühlte mich unglaublich erleichtert, als er diese Worte sagte.

Das zweite Treffen war mit dem Mann, der meinen Sohn getreten hatte. Er schien klein, fast verwildert, und es war klar, dass er keine Unterstützung vonseiten seiner Familie erhielt.

Vielleicht kam mir das nur so vor, weil ich Grundschullehrerin bin, aber ich sah einen jungen Mann vor mir, der schon in jungen Jahren von der Gesellschaft abgeschrieben worden ist.

Ich erzählte ihm von meinem Leid und dem Ausmaß der Tat auf unsere Familie. Er hörte zu und sagte, dass er sich zutiefst schäme für das, was er in jener Nacht getan hatte.

Ich hoffe, dass Treffen hat auch ihm gut getan. Er schien verletzlich und er braucht Hilfe, um eine positive Zukunft aufbauen zu können.

Ich kann nun nach vorne blicken

Nun, ein paar Jahre später, verstehen meine anderen Söhne, warum ich Antworten darauf brauchte, was in dieser Nacht passiert war.

Ich kann das Gehörte mit ihnen teilen und so ein wenig die Last von ihren Schultern nehmen.

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Meine Familie hat sich darauf verlassen, dass ich ihnen emotionale Stabilität biete und das konnte ich nur, indem ich einen Weg gefunden habe, mit dem zu leben, was passiert ist.

Die Treffen mit den Tätern gaben mir eine Stimme. Kraftvoll und bewegend.

Ich werde ihnen nicht vergeben. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Täter eine Wahl hatten, anders zu handeln.

Aber ich kann nun nach vorne blicken - und ich habe Antworten.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der HuffPost UK und wurde aus dem Englischen übersetzt.

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