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Suizid: Wenn Depression zu Selbstmord führt

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DEPRESSION
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Teil 3 der Reihe „Mitmenschlichkeit": Für diese Dokumentations-Reihe spreche ich mit Menschen, die selbstlos für andere da sind, Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, anderen in Notsituationen geholfen haben und die Zivilcourage und Mitmenschlichkeit zeigten und zeigen. Es sind Menschen, die im Stillen arbeiten, Großartiges vollbringen und Gutes tun, ohne dass die Öffentlichkeit in der Regel je davon erfährt.

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Foto: Diana Doko, © Tom Wagner

Freitag, der 13. Februar: Um es gleich vorwegzunehmen: Nein, ich bin nicht abergläubisch. Ich setze mich an einem Freitag dem 13. ins Flugzeug, scheue mich nicht, aus dem Haus zu gehen, zu arbeiten oder ein Interview an diesem Tag zu führen. Warum auch nicht? Schließlich ist es ein Tag wie jeder andere auch. Heute, kurz vor 16 Uhr, betrete ich ein nettes, kleines Café in Berlin-Schöneberg. Lautes Stimmengewirr erfüllt den Raum. Ich suche mir ein ruhiges Plätzchen in einer Ecke - eigentlich ein Tisch, der reserviert ist - aber die Kellnerin ist nett und gibt ihn frei.

Mit einem Kännchen Jasmintee warte ich neugierig auf die Journalistin Diana Doko. Wenig später begrüßt mich eine gut aussehende Frau, mit dunkler Lockenmähne und einem warmen, gewinnenden Lächeln. Bei Diana Doko spüre ich sofort Wärme, aber auch Verletzlichkeit. Dennoch hege ich keinen Zweifel daran, dass hier eine starke Frau vor mir sitzt, eine, die die Höhen und Tiefen des Lebens kennt und weiß, was sie vom Leben will. In den folgenden fast 60 Minuten spreche ich mit der 42-jährigen PR-Beraterin und Hochschuldozentin über den Selbstmord ihres Bruders, über Geburtstagsfeiern auf dem Friedhof und über „Freunde fürs Leben".

Maxeiner: Frau Doko, Sie sind Vorstandsvorsitzende des Vereins „Freunde fürs Leben" und setzen sich seit 2001 für mehr Aufklärung über das Tabu-Thema Suizid und über eine der „Volkskrankheiten" überhaupt, die Depression, ein. Ihr Bruder Enis hat sich 1998 das Leben genommen. Können Sie mir etwas mehr über ihn erzählen? Was war er für ein Mensch, was machte ihn aus?

Doko: Enis war vier Jahre jünger als ich. Wir hatten ein sehr enges Verhältnis, weil er auch in meinem Freundeskreis fest verankert war. Ich habe ihn nie wirklich „nur" als meinen kleinen Bruder gesehen, viel eher als Freund. Obwohl ich immer das Gefühl hatte, dass er in allem viel erfolgreicher war als ich, war ich nie eifersüchtig. Er sah ganz wunderbar aus, wurde sogar als Model gecastet, hat erfolgreich Fußball gespielt, war gut in der Schule, hatte eine tolle Freundin.

Und mein Bruder war ausgesprochen charmant. Eigentlich ein lebensfroher junger Mann, den alle mochten. Nur die, die ihn näher kannten, wussten, dass er auch depressive Phasen hatte. Als er sich dann das Leben genommen hatte, waren alle erschüttert und konnten es kaum fassen: „Was, dein Bruder? Das kann ich mir gar nicht vorstellen, das ist doch so ein Lebemann."

Mir ist noch gut Erinnerung, wie er oft zu mir gesagt hat: „Ich wünschte, ich hätte Krebs oder Aids, damit ich erklären kann, was ich hab'. Aber Depression, das kann ich niemandem erklären." Also hat er geschwiegen. Nur mit uns, seiner Familie und seinen engsten Freunden hat er ehrlich über seine Depression gesprochen. Er hat uns stets tief in seine Seele blicken lassen und uns gesagt „Ich finde es selbst schrecklich und mag diese Seite an mir überhaupt nicht." Sein Therapeut hat ihm dann immer wieder erklärt, dass diese Seite, die er so schrecklich findet, seine Krankheit ist.

Maxeiner: Er war also in Therapie?

Doko: Ja. Und wir als seine Familie waren ebenfalls in Therapie, um zu lernen, wie wir damit umgehen können.

Maxeiner: Können Sie sich noch erinnern, wie das war, in den letzten Wochen oder Monaten vor seinem Tod? Wie haben Sie ihn da erlebt? War er irgendwie verändert?

Doko: Nein. Sein Therapeut hatte einige Zeit zuvor sogar bei uns angerufen und gesagt, dass er gern die Therapie unterbrechen würde, weil Enis so stabil sei und es ihm seit einem Jahr so gut ginge. Er war der Meinung, dass er die Therapie nicht mehr brauche. Auch wir dachten, dass es von jetzt an nur noch besser werden kann. Wir waren damals voller Pläne, wollten zusammen nach Köln fliegen und wurden als Geschwister für einen Sparkassen-Werbespot gecastet.

Im Nachhinein kann ich mir den Suizid meines Bruders nur so erklären, dass er unglaubliche Angst davor hatte, wieder in dieses große schwarze Loch zu fallen. Vielleicht hat er sich deshalb damals gesagt „Nein, das halte ich nicht aus, das möchte ich nicht nochmal erleben". In den letzten Tagen vor seinem Tod hat er uns oft gesagt „Ich hoffe, dass bleibt jetzt immer so, dass es mir so gut geht." Insofern hab' weder ich noch sonst jemand in unserer Familie damit gerechnet. Da gab es ganz andere Zeiten, wo wir das Gefühl hatten, uns 24 Stunden am Tag um ihn kümmern zu müssen.

Maxeiner: ... und selbst wenn Sie sich tatsächlich „Rund-um-die-Uhr" um Ihren Bruder gekümmert hätten, hätte er vermutlich eine Möglichkeit gefunden ...

Doko: Absolut. Das haben wir auch in der Therapie gelernt. Wenn er es tun will, tut er es auch. Egal wo und egal wie. Trotzdem lebt man natürlich ständig mit dieser Angst. Täglich haben wir mindestens zwei- oder dreimal miteinander telefoniert. Im Nachhinein ist mir klar, dass es auch für meinen Bruder eine ziemliche Belastung gewesen sein musste. Trotzdem hat er sich regelmäßig gemeldet. Ich habe es nie erlebt, dass wir mal einen Tag nicht miteinander gesprochen haben.

Maxeiner: Hat Ihnen Ihr Bruder einen Abschiedsbrief hinterlassen?

Doko: Ja. Er hat uns auch einen wirklich tollen Abschiedsbrief geschrieben, aus dem klar hervorging, dass es eine starke und bewusste Entscheidung war. Vor allem meiner Mutter hat sein Brief sehr geholfen. Gerade, wenn ich mit anderen Angehörigen spreche, höre ich immer wieder, dass sie ohne eine Erklärung einfach zurückgelassen wurden. Ich glaube, wenn wir diesen Abschiedsbrief nicht gehabt hätten, hätte uns etwas ganz Wichtiges gefehlt.

Maxeiner: Wie hat sich Ihr Bruder das Leben genommen?

Doko: Mein Bruder hat sich seine Entscheidung gewiss nicht leicht gemacht. Ich bin sicher, dass er enorme Kämpfe mit sich ausgetragen haben muss. Warum er sich für diese Art des Todes entschieden hat, kann ich mir nur so erklären, dass Wasser schon immer sein Element war. Er hat sich einen Fön in die Badewanne geworfen und wusste genau, dass meine Mutter ihn finden würde.

Meine Mutter ist OP-Krankenschwester gewesen und sie meinte, dass es ganz schnell gegangen sein musste, dass es wohl nicht mal eine Sekunde gedauert hat. Als sie ihn gefunden hat, im Badezimmer, sah er so entspannt aus, dass sie es zunächst gar nicht gemerkt hat, dass er tot war. Sie hat in ihrem Beruf schon einige tote Menschen gesehen. Die meisten sahen verkrampft, irgendwie starr aus. Doch Enis nicht. Alles sprach wirklich dafür, dass es rasend schnell ging. Und das war für sie irgendwie tröstlich.

Maxeiner: Wie ging es Ihnen in den Tagen danach? Wie haben Sie als Familie seinen Tod aufgenommen?

Doko: Was den Umgang mit dem Tod angeht, glaube ich, dass es mein Glück - oder unser Glück ist - dass meine Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien kommen. In diesem Kulturkreis geht man mit Tod ganz anders um.

In unserer Familie, im Freundeskreis meiner Eltern und dem meines Bruders war jeder für jeden da. Rund um die Uhr haben sich Verwandte und Freunde um meine Mutter gekümmert. Auch die Freunde meines Bruders waren jeden Tag bei ihr. Wirklich jeden Tag. Meine Tanten haben dann oft das Lieblingsessen meines Bruders, Spaghetti Bolognese, gekocht. Manchmal haben sie auch seine Lieblingszigaretten auf dem Balkon geraucht.

Und sie haben viel über ihn gesprochen. Meine Mutter hat immer betont, wie wichtig es ihr ist, dass Enis in unserer Erinnerung lebendig bleibt, auch wenn es am Anfang schmerzlich war. Klar haben wir viel geweint. Aber wir haben auch viel gelacht. Gerade als wir uns Geschichten über ihn erzählt haben: „Weißt du noch, was Enis da gemacht hat ..." Das war schon eine sehr intensive Zeit.

Maxeiner: Wie hat Ihr Freundeskreis reagiert?

Doko: Mein Freundeskreis hat ganz anders bzw. kaum reagiert. Weil sie nicht wussten, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Ich mache ihnen keine Vorwürfe. Auch wenn viele meiner Freunde im Medienbereich arbeiten, fiel es ihnen nach dem Tod meines Bruders schwer, mit mir zu kommunizieren. Sie waren hilflos, haben meinen Freund angerufen und gefragt „Wie geht's denn Diana?" Er hat dann geantwortet: „Ruft sie doch selbst an." Aber das wollten sie auch nicht, weil sie Angst hatten, dass ich in Tränen ausbreche.

Maxeiner: Hat Sie das „In-Ruhe-gelassen-werden" geärgert?

Doko: Ich war nicht verärgert. Das passt nicht zu meinem Wesen. Manchmal war ich traurig, aber nie einsam, und vor allem dankbar für meinen Freund, Sven und die Freunde, die sich in der Zeit intensiv um mich gekümmert haben. Es gab einige Freunde, die mich in der Zeit nach dem Tod meines Bruders „in Ruhe gelassen haben". Ich habe das beobachtet, mich aber nie darüber geärgert, auch wenn es Situationen gab, in denen sie die Straßenseite gewechselt haben.

Maxeiner: Wie und wo ist ihr Bruder beerdigt worden?

Doko: Meine Mutter hat sich einen sehr schönen muslimischen Friedhof ausgesucht. Eine wunderschöne letzte Ruhestätte. Wenn man den Friedhof betritt, hat man fast das Gefühl, man wäre in einem Naturschutzgebiet. Als wir meinen Bruder beerdigt haben, hatten wir uns für eine Drei-Religionen-Beerdigung entschieden.

Mein Vater ist kein gläubiger Muslim, meine Mutter ist Christin, sein bester Freund Jude. Und mein Bruder hatte sich in seinem Abschiedsbrief gewünscht, dass er auf einem muslimischen Friedhof begraben wird. So kam es, dass bei seiner Beerdigung ein Imam gesprochen hat, sein bester Freund Jossi das jüdische Totengebet Kaddisch auf Hebräisch gesungen hat und auch ein Pfarrer war anwesend.

Maxeiner: Gibt es Rituale, mit denen Sie Ihren Bruder in Ihrer Erinnerung lebendig halten?

Doko: Ja, wir gehen regelmäßig zum Friedhof und feiern auch seinen Geburtstag dort.

Maxeiner: Wie kann man sich das vorstellen, wenn Sie auf dem Friedhof den Geburtstag Ihres Bruder zelebrieren?

Doko: Der Geburtstag meines Bruders ist im Spätsommer. Wir gehen dann zu seinem Grab mit Campingstühlen, breiten Tücher an seinem Grab aus, setzen uns hin, trinken etwas Tee und essen Kuchen, den wir mitgebracht haben und reden über ihn. Alles ist ganz entspannt, fast wie bei einer schönen Geburtstagsfeier.

Maxeiner: Was gab Ihnen die Kraft, nach dem Tod Ihres Bruders weiterzumachen?

Doko: Meine Mutter hat mir sehr viel Kraft gegeben. Und ich hab' mir viel Zeit für die Trauer genommen. Ich hab' mich nicht zusammengerissen, und bin nicht zur Tagesordnung übergegangen. Für mich war es wichtig, mich richtig zu verabschieden.

Maxeiner: Wie und warum haben Sie dann 2001 den Verein „Freunde fürs Leben" gegründet?

Doko: Da kamen einige Dinge zusammen: Gerald Schömbs hat 2001 seine Lebensgefährtin durch Suizid verloren. Ich habe ihn damals angerufen und ihn gefragt, wie es ihm geht und ob er darüber reden möchte. Er war sehr dankbar dafür, denn er hatte ein starkes Bedürfnis darüber zu reden.
Dazu kam, dass meine Mutter und ich nach dem Suizid meines Bruders Anrecht auf eine Gesprächstherapie hatten, aber Saskia, die damalige Freundin meines Bruders und sein Freund Jossi, die beide ziemlich verzweifelt waren, nicht, weil sie eben keine engen Familienangehörigen waren. Und da hab ich gedacht "Es kann doch nicht sein, dass sie keine Hilfe bekommen."

Meine Mutter hat damals zusätzlich zu ihrer Therapie auch noch Hilfe gesucht bei einer Selbsthilfegruppe für Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Und dabei ist sie auf das Angebot einer Kirchengemeinde gestoßen. Sie hat sich darüber sehr gefreut, weil sie sich gern mit anderen Eltern austauschen wollte. Als sie dann den ersten Tag dort war, hat jeder seine Geschichte erzählt, wie er sein Kind verloren hat. Und dann war sie an der Reihe.

Meine Mutter hat dann berichtet, dass sich ihr Sohn das Leben genommen hat. Alle schwiegen betroffen. Es herrschte eine unheimliche Stille im Raum. Bis sie ihr schließlich ziemlich barsch eröffneten, dass das nicht ginge. Sie könnte hier nicht dabei sein, denn „So eine Gruppe sind wir nicht!" Das hat meine Mutter erst nicht verstanden. Sie haben ihr dann erklärt, dass es so ist, weil sich ihr Sohn ja schließlich selbst umgebracht hat. Und die anderen Kinder eines natürlichen Todes - jedenfalls infolge Unfall oder Krankheit - verstorben wären. Am Ende hat meine Mutter frustriert die Selbsthilfegruppe verlassen.

Durch dieses Erlebnis habe ich begonnen, mich zu erkundigen, welche Hilfsangebote es eigentlich gibt. Das Ergebnis meiner Recherche war ernüchternd. Es gab wenig konkrete Angebote und wenn, dann waren sie antiquiert und vor allem für junge Leute einfach nicht attraktiv genug. Also habe ich mich mit Gerald Schömbs zusammengesetzt und überlegt, was wir tun können.

Wir haben uns gefragt, wo unsere Stärken liegen und wie wir diese zur Aufklärung über die Themen Suizid und Depression nutzen können. Wir haben ein Netzwerk mit Grafikerin, Druckerei, Fotografen, Filmleuten etc. zusammengestellt und beschlossen, über Depression zu kommunizieren. Mit sieben Mitgliedern haben wir dann den Verein „Freunde fürs Leben" gegründet.

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Foto: Diana Doko und Gerald Schömbs, © Tom Wagner

Maxeiner: Wenn Sie sagen, es gab eigentlich keine richtigen Hilfsangebote - gerade für junge Leute -, wie ist das heute bei Ihnen? Wie genau helfen die „Freunde fürs Leben" jungen Menschen?

Doko: Also grundsätzlich gilt: Wir sind keine Therapeuten. Was wir machen, ist jugendgerecht zu informieren. Unsere Hauptkommunikationsplattform ist unsere Homepage www.frnd.de. Weil junge Menschen Informationen, vor allem über bewegte Bilder konsumieren, haben wir uns entschlossen, mit Videobeiträgen, Animationen, Trickfilmen und auch einen eigenen Online-TV-Kanal „Freunde fürs Leben TV" ins Leben zu rufen. Und wir haben eine DVD mit Filmbeiträgen von frnd-TV zusammengestellt - einen Leitfaden für Psychotherapeuten, Erzieher und Lehrer - wie sie mit jungen Menschen über das Thema sprechen und sie informieren können.
Darüber hinaus bieten wir auch Workshops an Schulen an. Allerdings haben wir vom Senat noch nie Geld dafür bekommen.

Maxeiner: Sie finanzieren sich also auch weitgehend selbst?

Doko: Ja. der Verein Freunde fürs Leben finanziert sich ausschließlich durch private Spenden. Wir bekommen keine öffentlichen Gelder.

Maxeiner: Warum bekommt der Verein „Freunde fürs Leben" keine öffentlichen Gelder?

Doko: Ich vermute, weil wir keine Therapeuten sind.

Maxeiner: Wäre dieses Problem behoben, wenn Sie sich therapeutische Unterstützung holen?

Doko: Nicht ganz. Denn es kommt noch etwas dazu: Wir bieten kein Jugendtelefon an, wir sind keine Seelsorge. Wir informieren eben „nur" und bieten Kommunikationsmaterial an.

Maxeiner: Das heißt, wenn Sie konkrete Hilfsangebote hätten, würden Sie auch Fördermittel bekommen?

Doko: Ich glaube, dass es dann einfacher wäre, Fördergelder zu beantragen. Während die Themen Depression und Suizid in Österreich längst auf der gesundheitspolitischen Agenda stehen, ist das für Deutschland allerdings noch immer kein Thema. Seit zehn Jahren kämpfen wir bereits dafür, dass Depression und Suizid auch hierzulande auf die gesundheitspolitische Agenda der Bundesregierung kommen. Bislang jedoch ohne Erfolg.

Maxeiner: Welche Themen stehen denn auf der gesundheitspolitischen Agenda?

Doko: Aufklärung zum Themen wie Aids, Alkoholmissbrauch, Drogenmissbrauch, sexuelle Gewalt ...

Maxeiner: Depression taucht also nicht oft, obwohl diese Krankheit zu den großen Volkskrankheiten gehört?
Doko: Genau.

Maxeiner: Ich komme noch mal zurück auf Ihren Bruder: Was hat sich für Sie ganz persönlich durch seinen Tod verändert?

Doko: Die Lücke, die mein Bruder in mein Leben gerissen hat, wird es immer geben. Und mir ist noch klarer geworden, dass Depression wirklich eine Krankheit ist. Ganz oft habe ich mich gefragt: Wieso hab ich das nicht? Warum muss er das haben?

Maxeiner: Was glauben Sie, ist das Wichtigste, das Menschen, die unter einer Depression leiden, tun sollten?

Doko: Die Depression als einen Teil von sich selbst akzeptieren. Die Journalistin Tanja Salkowski hat einen sehr guten Umgang mit ihrer Depression gefunden, unter der sie seit zehn Jahren leidet. Wenn sie spürt, dass wieder eine depressive Phase im Anmarsch ist, alarmiert sie alle. Sie sagt dann bei der Arbeit Bescheid und informiert ihre Eltern. Jeden Tag organisiert sie straff durch und hat sich auch einen Hund angeschafft, der sie dazu zwingt, 'raus zu gehen. Doch um all das umzusetzen, muss man richtig diszipliniert sein. Das hat Tanja in der Klinik gelernt.

Das Wichtigste jedoch, das man akzeptieren muss, ist, dass die Depression wohl nie ganz weg sein wird. Auch bei meinem Bruder wurden die Schübe, die er hatte, nicht besser. Im Gegenteil: Sie wurden heftiger und kamen schneller. Und je älter er wurde, desto schneller wechselten die Phasen.

Maxeiner: Das heißt, man muss die Depression als chronische Krankheit ansehen, die einen das ganze Leben lang begleitet?

Doko: Aus meiner Sicht und meiner Erfahrung würde ich sagen: Ja.

Maxeiner: Glauben Sie, dass Depressionen heilbar sind?

Doko: Ich glaube nicht, dass Depressionen zu 100 Prozent heilbar sind, aber ich bin davon überzeugt, dass Depressionen behandelbar sind. Ich habe das Gefühl, bei einer Depression ist es so ähnlich wie bei einem Virus. Natürlich kann ich das Virus mit wirksamen Medikamenten bekämpfen. Aber viele Viren verbleiben auch im Körper, schlummern dort, und warten nur auf eine günstige Gelegenheit, wieder ausbrechen zu können. Wichtig wäre, dass man bei den Betroffenen ein Bewusstsein dafür schafft, dass eine Depression wiederkommen kann, ohne dass er Angst davor haben muss, weil er genau weiß, wie er damit umgehen muss.

Maxeiner: Ich gehe noch mal zurück ins Persönliche: Welche Eigenschaften schätzen Sie an den Mitmenschen, mit denen Sie enger zu tun haben, am meisten?

Doko: Sie müssen offen sein. Sie müssen bereit sein, sich mit Dingen auseinanderzusetzen. Und ich finde Reden wichtig - nicht Dinge zerreden, aber über Dinge reden können.

Maxeiner: Was können Sie nicht ertragen?

Doko: Ignoranz.

Maxeiner: Was würden Sie Menschen raten, die zu Ihnen kommen und Ihnen erzählen, dass ein Kollege oder ein Freund eine Bemerkung gemacht haben, dass er sich umbringen will?

Doko: Auf jeden Fall muss man so eine Bemerkung ernst nehmen. Man muss demjenigen das Gefühl geben, dass man bei ihm ist - wirklich dranbleiben und fragen, wie man helfen kann. Denn in der Regel sind das Menschen, die das Bedürfnis haben, sich mitzuteilen. Tut man nichts, bereut man es später vielleicht. Leider ist es dann oft zu spät. Und vor allem: Verlasst euch nicht stillschweigend auf andere!

Maxeiner: Wenn Sie von Zeit zu Zeit selbst über den Tod nachdenken, gibt es da etwas, das Ihnen Angst macht?

Doko: Ich denke so selten über den Tod nach, muss ich ehrlich gestehen.

Maxeiner: Wofür lohnt es sich aus Ihrer Sicht zu kämpfen?

Doko: Für ein respektvolles und liebevolles Miteinander.

Maxeiner: Was macht das Leben aus Ihrer Sicht aus, und was macht es so einzigartig?

Doko: Das sind die Höhen und die Tiefen in meinem Leben, die es ausmachen. Einzigartig wird es nur dann, wenn ich etwas daraus mache.

Frau Doko, ich danke Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

Mehr über die Aktion für mehr Mitmenschlichkeit - was wirklich zählt im Leben finden Sie auf der Homepage: http://was-wirklich-zaehlt-im-leben.jimdo.com/
Literaturtipp: Im Herbst erscheint das neue Buch von Sandra Maxeiner und Hedda Rühle "Dr. Psych's Ratgeber Depressionen".


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